München in den Neunzigern: Linda (Jule Hermann) träumt in der ZDF-Serie „München Beats“ davon, DJane zu werden und verlässt deshalb den Bauernhof ihrer Eltern.
prisma: Die Serie „München Beats“ spielt in den 90ern, du bist Jahrgang 2004. Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?
Jule Hermann: Ich hatte ein bisschen Glück, was dieses Projekt und das Thema angeht: Meine Eltern haben sich ungefähr zu der gleichen Zeit, in der die Serie spielt, im Kunstpark Ost kennengelernt. Deshalb habe ich viel mit ihnen gesprochen. Und durch meinen Beruf habe ich ja auch Kontakt zu Menschen, die älter als ich sind, und die mir ein bisschen mehr über das Lebensgefühl der 90er erzählen konnten. Ansonsten war die Vorbereitung recht simpel: Ich habe das Drehbuch gelesen und geschaut, was meine Figur Linda ausmacht, was sie kann. Ich habe dann parallel unter anderem Akkordeon spielen gelernt und ein DJ-Training durchlaufen.
War es leicht, Akkordeon spielen zu lernen?
Naja, leicht nicht. Aber es fiel mir wahrscheinlich leichter, weil ich in der Musik ziemlich aufgehe und schon Klavier, Geige und Cello spiele. Deswegen kam ich mit dieser Haptik recht schnell klar. Ich hatte vorher auch schon mal das Akkordeon von meiner Mama in der Hand.
Was gefällt dir persönlich an den 90ern? Was hättest du gerne selbst miterlebt?
Keine Smartphones und kein Social Media. Ich glaube, ich hätte mich auch gerne mal eine Woche vorher verbindlich zu einer genauen Zeit und an einem bestimmten Ort verabredet. Generell dieses Analoge der damaligen Zeit ist einfach toll, man war wesentlich präsenter. Was die Mode angeht, gab es damals auch echt wilde Dinge. Wobei vieles ja wiederkommt… Ich renne fast so rum wie meine Serienfigur. Außerdem wäre ich echt gerne mal durch das Berlin der 90er gelaufen und hätte mir die Leute ein bisschen angeguckt.
Du bist in München geboren, dann aber nach Berlin gezogen. Wie war es, mal wieder in der alten Heimat zu arbeiten?
Oh, so toll. Ich habe mich sehr gefreut. Als ich beim Casting über den Kunstpark Ost, München und die 90er gelesen habe, wollte ich sofort mitmachen. Ich bin in München geboren, habe dort aber nicht lange gelebt. Aber ich habe Freunde in Bayern und bin zum Arbeiten in München. Auch jetzt wieder im Sommer.
Wie würdest du deine Rolle Linda beschreiben?
Linda ist ein Mädchen vom Land, das in der Stadt zur Frau wird. Sie ist ein Freigeist, auch wenn sie das wahrscheinlich am Anfang gar nicht weiß. Ich finde an ihr wahnsinnig inspirierend, mit welcher kompromisslosen Lebensfreude sie durchs Leben geht. Sie hat Bock auf alles, sie liebt Menschen. Sie ist eine Wucht und wickelt so das Leben um ihren Finger.
Würdest du sagen, dass es so Parallelen zwischen euch gibt?
Oh ja. Ich glaube, sie ist eine Version von mir, die ich ganz oft sehr gern wäre. Und das sage ich selten über Rollen. Aber ich habe Linda so gern, da ist ganz viel von mir dabei. Es gibt auch viele Momente in der Serie, in denen Jule rauskommt. In diesen ganzen Club-Szenen steckt ganz viel Jule-Essenz.
Inwiefern wärst du gerne mehr wie Linda?
Linda hat ein sehr, sehr großes Urvertrauen in diese Welt. Sie hat das Vertrauen, dass alles schon irgendwie gut wird. Das wünsche ich mir manchmal auch.
Ich wäre ab und an auch gern mutiger. Außerdem sagt Linda frei heraus, was sie denkt. Ich kann auch direkt sein, aber dieses konsequente Handeln von Linda hätte ich auch gern.
Linda möchte DJane werden. Hast du schon während der Dreharbeiten öfters aufgelegt?
Nee, oh Gott, seitdem erst. (lacht) Ich wusste überhaupt nicht, wie das geht. Mittlerweile mache ich das ab und an für mich, wobei ich das gerne öfter tun würde. Ich singe und spiele Klavier. Ich bräuchte aber noch ein Pult zum Üben. Allerdings bin ich durch meinen Hauptberuf schon genug ausgelastet…
Hast du denn schon mal für andere aufgelegt oder wirklich nur immer allein?
Ja, ich habe schon für meine Freunde auf Partys aufgelegt. Es ist auf der einen Seite eine Drucksituation, auf der anderen Seite bin ich dann auch eine Rampensau. Aber es macht einen Unterschied, ob es zehn Leute sind, die man kennt, oder da 200 Leute stehen, die sich bewegen und mitgenommen werden wollen. Du bist in dem Moment die Hand, die das alles lenkt – das ist schon ein großer Druck.
Welche Musik hörst du privat gerne?
Boah, alles. Das ist eine richtig doofe Antwort, weil was ist schon alles? Ich schränke mich mal ein wenig ein: Mein Papa und ich hören zusammen gerne Jazzradio, also ich höre wahnsinnig gerne Jazz. Seit einem Jahr höre ich außerdem ganz viel französischen Chansons. Ich finde französische Musik ganz toll, auch portugiesische Texte. Ich höre auch viel Deutschrap. Also ich habe auf meinem Spotify für jedes Gefühl und für jede Situation die passende Playlist.
Bei welchem Lied bist du direkt auf der Tanzfläche zu finden?
Eine tolle Frage! Ich glaube „Come on Eileen“ von Dexys Midnight Runners. Und es gibt einen Song, zu dem ich immer mit meinem besten Freund tanze, mit dem ich zusammen auch Schauspiel studiere. Das ist aber eine Live-Version mit einer Mariachi-Band und das heißt „En El Olvido“ von Omar Apollo.
Die Serie dreht sich nicht nur um Musik, sondern auch um Familienkonflikte. Was ist für dich die wichtigste Botschaft der Serie?
Das Geniale an der Serie ist, dass jede Figur ihre ganze eigene Botschaft hat. Man könnte jetzt sicher etwas ganz Schlaues sagen… Aber ich fasse es einfach mal so zusammen: Lebe deinen Traum, mach weiter, bleib dran, sei mutig. Und ich glaube, man hat seine inneren Antworten immer schon in sich. Wenn man nicht seinem Ruf folgt, wird man unglücklich. Das sieht man am Bruder von Linda und auch an ihren Eltern. Man hat viel mehr vom Leben, wenn man etwas riskiert.
Wie ist denn deine eigene Erfahrung? Wurdest du immer bei deinem Traum, Schauspielerin zu werden, unterstützt?
Von meiner Familie immer. Mir wurden nie Steine in den Weg gelegt. Wenn, dann habe ich sie mir selbst in den Weg gelegt. Jeder hat wahrscheinlich mal das Gefühl, dass man nicht gut genug ist und macht sich einen unglaublichen Druck. Mein komplettes Umfeld hat immer gut darauf reagiert. Klar gab es ab und zu auch Neid.
Aber ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Wenn mein zehnjähriges Ich mich sehen könnte, wäre es so stolz auf mich.
Wir hatten eben bereits das Thema Musikgeschmack. Wie sieht es mit Filmen aus? Was hat dich zuletzt begeistert?
„Sentimental Value“. Den habe ich vor Kurzem im Kino gesehen und habe Rotz und Wasser geheult. Ein Freund von mir war sogar fünfmal drin. Außerdem bin ich ein großer Mads Mikkelsen-Fan. „The Last Viking“ mit ihm ist super. Im Herbst war ich in „Die My Love“ mit Jennifer Lawrence. Jennifer Lawrence finde ich auch richtig toll. Ich kann den Film sehr empfehlen. „The Drama“ war auch klasse. Ich bin leidenschaftliche Kinogängerin.
Bist du ein Drama-Fan?
Ich habe definitiv einen Hang zur Dramatik, wenn es um Filme geht, aber, mich holt man auch total mit Leichtigkeit ab. Und ich liebe Liebesgeschichten. Ich gucke total gerne Filme über Leute, die wirklich obsessiv einen Traum verfolgen oder unbedingt in etwas gut sein wollen: „Black Swan“, „Whiplash“ – solche Filme. Das kriegt mich total, wenn ich sehe, dass jemand für etwas kämpft, das er unbedingt will.
Ganz am Anfang hast du gesagt, dass du eine Zeit ohne Smartphone gerne erlebt hättest. Wenn du Filme oder Serien schaust – mit dem Handy in der Hand oder ohne?
Oh, gemein! Kommt drauf an… Also bei so Dramen natürlich ohne, deswegen gehe ich auch ins Kino, damit das eben nicht passiert. Aber zu Hause? Ich bin die Erste, die von irgendetwas abgelenkt ist. Ich bin da ganz, ganz schlimm. Also ich glaube, meine Lösung ist, ins Kino zu gehen oder mich mit Leuten zusammensetzen. Ich hoffe, dass keiner mit dem Handy in der Hand „München Beats“ schaut (lacht).
„München Beats“
Mittwoch und Donnerstag, 26. Und 27. August im ZDF, jeweils ab 20.15 Uhr in Doppelfolge
alle vier Folgen vorab in der ZDF-Mediathek