Filmkritik zur Tragödie „Blue Moon“: Vom Abschied von der guten alten Zeit
Es ist der Abend des 31. März 1943 in New York City: Im St. James Theater am berüchtigten Broadway wird das Musical „Oklahoma!“ uraufgeführt. Die Premiere muss natürlich gebührend im Restaurant Sardi’s gefeiert werden. Während die Schauspieler noch auf der Bühne stehen, sitzt Lorenz Hart (Ethan Hawke), oft Larry genannt, bereits an der Bar. Er ist berühmt als eine Hälfte des gefeierten Songwriting Duos Rodgers & Hart. Mit Songs wie „My Funny Valentine“ oder Titelgeber „Blue Moon“ eroberte es Bühnen und Kinosäle ebenso wie Radioprogramme.
„Blue Moon“: Ein wegweisender Abend
Vom alten Glanz ist jedoch nicht mehr viel übrig. Nach unzähligen gemeinsamen Werken in den 20er und 30er Jahren haben sich die beruflichen Wege von Larry und Richard Rodgers (Andrew Scott) mittlerweile getrennt. Richard hat zwar die Musik des Musicals „Oklahoma!“ komponiert, der Text stammt jedoch aus der Feder von Oscar Hammerstein II (Simon Delaney). Larry gibt sich darüber betont lässig, wirkt geradezu heiter.
An der Bar schwelgt der kleine Mann mit dem immer weiter zurückweichendem Haaransatz in Erinnerungen. Und er bombardiert Barkeeper Eddie (Bobby Cannavale) und Pianist Morty (Jonah Lees) mit einem Film- oder Songzitat nach dem anderen. Larrys Heiterkeit sowie seine Liebe zu Musik und Film sind zunächst ansteckend. Im Zusammenspiel mit Morty und Eddie startet „Blue Moon“ beschwingt in seine Geschichte. Eine Geschichte, die nahezu vollständig am Premierenabend spielt und in Echtzeit erzählt wird. Gleich zu Beginn verrät der Film: Wenige Monate nach diesem Abend, dessen Handlung fiktiv ist, ist Larry tot.
Ethan Hawke in „Blue Moon“: Loszulassen kann schwer sein
Das Drama erzählt vom Niedergang des immer zu in der Vergangenheit lebenden Liedtexters. Er kann und will sich nicht eingestehen, dass seine Zeit vorbei ist. Abgesehen vom gutmütigen Barkeeper Eddie und dem verträumten Pianisten Morty schenkt ihm kaum jemand an diesem Abend wirklich Beachtung. Filmisch äußert sich das auch darin, dass sich Larry fast immer abseits der Feiergesellschaft aufhält. Zwar steht Larry im Zentrum der Geschichte von „Blue Moon“, Mittelpunkt des Abends ist jedoch sein früherer Kollege Richard mit seinem Musical „Oklahoma!“.
Über das als revolutionär geltende Werk verliert Larry gegenüber Eddie und Morty fast ausschließlich schlechte Worte. Geradezu unterwürfig und schmeichlerisch verhält er sich dagegen in Gegenwart von Richard. Er läuft ihm, dem Star des Abends, ständig hinterher und bedrängt ihn mit neuen Ideen für künftige Zusammenarbeiten. Richard zeigt daran lediglich höfliches Interesse, beachtet seinen alten Partner jedoch kaum.
Der unsympathische Hauptcharakter in „Blue Moon“
Wenn Larry nicht Richard hinterherläuft oder an der Bar sitzt, hat er nur Augen für Elizabeth Weiland (Margaret Qualley), eine 20-jährige Yale-Studentin und aufstrebende Produktionsdesignerin, die Larry unter seine Fittiche genommen hat. Gegenüber Eddie und Morty macht er sich lautstark Hoffnungen darauf, mit ihr an diesem Abend intim zu werden. Der Abend fühlt sich zunächst magisch an, zeigt jedoch in jeder Hinsicht die Entzauberung des Lorenz Hart. Er will es nicht wahrhaben, muss aber feststellen, wie viele Leute sich längst von ihm abgewendet haben.
Ethan Hawke spielt Larry so nuanciert, dass schnell ersichtlich wird, wie aufgesetzt die Fröhlichkeit Larrys ist. Man muss nicht tief graben, um hinter die Fassade blicken zu können, wo Verbitterung und Schmerz warten. Entsprechend früh schlägt beim Schauen die eigene Stimmung um. Wie Larry der deutlich jüngeren Elizabeth oder seinem ihm entwachsenen Ex-Kollegen Richard nachjagt, ist zunehmend unangenehm anzusehen. Mit seiner aufgesetzten Art ist er nicht nur für die Anwesenden eine Zumutung, sondern geht auch uns gehörig auf die Nerven.
Was Regisseur Linklater an Lorenz Hart fasziniert
Dabei muss man anerkennen, wie geschickt Drehbuch sowie Schauspiel die zentrale Botschaft vermitteln. Allerdings macht es „Blue Moon“ einem auch sehr schwer, mit Larry mitzufühlen. Dafür ist er schlicht zu nervtötend, wodurch sich auch der Film teilweise etwas in die Länge zieht. Das ist schade, weil so die Tragik fast schon untergehen kann. „Blue Moon“ ist ein intensives Kammerspiel, das jedoch deutlich bewegender hätte sein können.
Was ihn an dieser hier so traurigen Gestalt fasziniert, hat Regisseur Richard Linklater (u.a. „Boyhood“) dem NDR gesagt: „Auf der einen Seite hat er in einer für ihn fürchterlichen Zeit gelebt. Seine Homosexualität war gegen das Gesetz, er war extrem klein, hatte schon früh eine Halbglatze, war ein Alkoholiker. Er hat all diese Probleme gehabt. Aber gleichzeitig wurde er eben auch zur richtigen Zeit geboren: Er durfte über 1.000 Songs schreiben, sich damit ausdrücken und hatte Erfolg damit. Ich glaube, sein innerer Kampf mit sich und seiner Kunst hat mich am meisten gereizt."
„Blue Moon“ erfordert Geduld, belohnt aber dafür
Ethan Hawke ist einer von Linklaters Stammschauspielern, mit dem er immer wieder zusammenarbeitet. Schon seit vielen Jahren habe er Lorenz Hart für Hawke im Kopf gehabt. Dieser sei jedoch für die Rolle des gealterten Melancholikers lange zu jung gewesen, so Linklater. Angesichts von Hawkes fantastischer Performance steht außer Frage, dass Linklater zurecht noch ein paar Jahre gewartet hat.
Hawke trägt „Blue Moon“ beinahe im Alleingang. Mit seinen nicht enden wollenden Monologen liefert er fast schon eine One-Man-Show ab. Zwar trägt sich das nicht ungebrochen über die volle Filmlaufzeit, insgesamt unterhält „Blue Moon“ jedoch gut genug. Zumindest an Abenden, an denen man etwas mehr Geduld aufbringen kann. Dann lohnt sich „Blue Moon“, der auch eine Liebeserklärung an Musicals ist, allein schon für das Schauspiel und die künstlerische Inszenierung.
„Blue Moon“ läuft seit dem 26. März 2026 in den deutschen Kinos.
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