Gesellschaftliche Fragen

Silke Bodenbender im Interview: "Viel 'Privates' in den Familien bleibt an Frauen hängen"

31.03.2026, 09.26 Uhr
Im ZDF-Film "Fast perfekte Frauen" verkörpert Silke Bodenbender eine von sechs Frauen, die sich in einer Kur an der deutschen Nordseeküste selbst finden wollen. Für die 52-Jährige legt der Film den Finger in eine gesellschaftliche Wunde.

Im ZDF-Film "Fast perfekte Frauen" verkörpert Silke Bodenbender eine von sechs Frauen, die sich in einer Kur an der deutschen Nordseeküste selbst finden wollen. Für die 52-Jährige legt der Film den Finger in eine gesellschaftliche Wunde.

Fährt man denn heute noch zur Kur? Können wir uns das als Gesellschaft überhaupt noch leisten? Und sind wir Deutsche nicht ohnehin ein bisschen wehleidig? Fragen wie diese – vor allem mit Fokus auf Frauen – werden klug und durchaus tragikomisch im Film "Fast perfekte Frauen" (Freitag, 3. April, 21.15 Uhr, ZDF) verhandelt. Das Zweite zeigt ihn auf einem ungewöhnlichen Sendeplatz am Karfreitag. Im Interview spricht Silke Bodenbender, Mutter von zwei Kindern, über ihr Getriebensein im Alltag – und wie sie dagegen vorgeht. Die Bonnerin, die schon lange in Berlin lebt, erinnert auch daran, dass viel "verdeckte" Arbeit von Frauen in unserer Gesellschaft kaum Anerkennung findet.

prisma: Waren Sie schon mal in Kur?

Silke Bodenbender: Nein, in einer solchen Kur wie die Frauen im Film auf jeden Fall nicht. Ich habe auch nie die Erfahrung einer Mutter-Kind-Kur gemacht. Nur auf Ayurveda-Kur war ich zweimal, aber das ist ja was anderes. Und ich spiele seit Neustem wieder Querflöte, was für mich auch eine Art Mini-Kur ist. Als Kind spielte ich Klavier und Querflöte. Dann habe ich lange keine Musik gemacht.

prisma: Früher haben viele Deutsche eine Kur verschrieben bekommen. Da war es ganz normal, dass ein Eltern- oder Großelternteil mal drei oder vier Wochen weg ist. Aber das gibt es irgendwie kaum noch ...

Silke Bodenbender: Das ist auch Thema des Films: ob man es sich selbst oder die Gesellschaft es einem zugesteht, eine reflektierte und therapeutisch begleitete Auszeit zu nehmen. Dass gerade Frauen, die ja einen Großteil der Care-Arbeit in unserer Gesellschaft übernehmen, sich diese Frage stellen oder gestellt bekommen, ist ein Kernthema des Plots.

"Immer mehr Lust, mir meine eigenen Räume zu schaffen"

prisma: Können Sie mit dem Wort Selbstfürsorge etwas anfangen?

Silke Bodenbender: Ja, immer mehr. Ich bin von Haus aus ein getriebener Mensch. Früher habe ich intensiv Filme gemacht und parallel Theater gespielt, weil ich beides nicht missen wollte. Das wäre mir mittlerweile zu viel. Ich merke inzwischen schneller, wenn ich auf meine Kräfte achten muss. Ich bekomme auch immer mehr Lust, mir meine eigenen Räume zu schaffen.

prisma: Räume im Sinne von Auszeiten? Wir würden Sie die für sich definieren?

Silke Bodenbender: Auf jeden Fall sind es Dinge, die Ruhe und Raum für Reflexion bieten. Sei es nun mental oder körperlich. Früher hätte ich sportlich eher total gepowert, um einen Ausgleich zu finden. Heute mache ich eher Yoga. Früher hätte mich Meditation nervös gemacht. Heute probiere ich das immer mal wieder, weil ich es gelernt habe. Es tut mir auf jeden Fall gut, mein Nervensystem zwischendurch runterzufahren und an diesem Ziel aktiv zu arbeiten.

prisma: Können Sie einen Punkt im Leben festmachen, an dem Sie gedacht haben: Nun muss ich runterfahren oder etwas verändern?

Silke Bodenbender: Ausschlaggebend war auf jeden Fall die Familie, also dass ich dann Mutter von zwei Kindern war. Man wird in einen ganz anderen Alltag geworfen. Er ändert sich mit Kindern komplett. Gerade für eine so rastlose Person wie ich sie früher war. Damals, ohne Kinder, war es mir eigentlich egal, wo ich gerade bin und arbeite, sofern das Projekt gut war. Ich konnte dabei auch all meine Kraftressourcen aufbrauchen, weil sonst niemand etwas von mir wollte. Beides ändert sich mit Kindern. Und man wird mit ihnen älter. Es gab den ein oder anderen Einschlag in meinem Leben, der mich lehrte: Du musst umdenken. Deine Kraft und deine Möglichkeiten, dich ins Leben zu werfen, sind nicht ohne Limit.

"Man kann viel verändern im Leben, wenn man das Herz öffnet"

prisma: Im Film lernen sich auf Kur sechs Frauen kennen, die verschiedene Lebenskrisen bewältigen müssen. Gibt es dennoch eine Erkenntnis, die für alle gilt?

Silke Bodenbender: Ja, finde ich schon. Das verbindende Thema ist, wie durch ein solches Erlebnis – also die Kur – eine kollektive Stärke entstehen kann. Nämlich dann, wenn man irgendwann seine Ängste zugibt und die Hülle fallen lässt. Gerade meine Figur hat zu Beginn eine sehr dicke Schutzschicht um sich herum. Sie lässt niemanden an sich heran. Sie behauptet: Ich habe gar keine Probleme und komme super mit allem klar. Das ist eine Methode, sich Problemen nicht zu stellen. Andere Figuren im Film wählten andere Wege – die aber genauso wenig zu Lösungen geführt haben.

prisma: Geht es in so einer Kur oder Gruppentherapie auch darum, sich einfach mal auf neue Dinge einzulassen?

Silke Bodenbender: Ja, auf andere Dinge und auf andere Menschen. Der Film zeigt, dass wir Menschen oft vorschnell beurteilen. Dass wir aber selbst ungemein daran wachsen können, wenn wir das einfach mal unterlassen und uns auch auf neue Menschen, die anders sind, einlassen. Man kann viel verändern im Leben, wenn man das Herz öffnet – und sich selbst.

prisma: Ist "Fast perfekte Frauen" ein feministischer Film?

Silke Bodenbender: Er ist es für mich, weil er Frauen in ihrer Widersprüchlichkeit und Unterschiedlichkeit ernst nimmt. Antifeministisch wäre für mich, zu sagen, eine Frau ist immer so oder so. Dass Frauen in diesem Film so facettenreich gezeigt werden, hat mir am Drehbuch gleich gefallen und auch die Zusammenarbeit mit der Autorin und Regisseurin Gabriela Zerhau, mit der ich schon lange arbeiten wollte. Zudem finde ich, dass es ein solidarischer Film ist. In vielen Geschichten wird Konkurrenz unter Frauen noch als Normalzustand gezeigt. In meinem Umfeld erlebe ich aber vor allem Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Ich halte nichts von dem Klischee, dass stets ein Zickenkampf entsteht, wenn viele Frauen aufeinandertreffen.

"Viel 'Privates' in den Familien bleibt nach wie vor an den Frauen hängen"

prisma: Im Film geht es ja auch darum, ob man den Frauen eine solche Therapie oder Kur zugesteht – auch gesellschaftlich betrachtet. Sind Frauen im Alltag mehr belastet als Männer?

Silke Bodenbender: Man kann es nicht verallgemeinern, denn jedes Leben sieht anders aus. Jeder Mensch empfindet eine spezifische Belastung anders. Was den einen oder die andere anspornt, sorgt bei einer dritten Person zu Frust und Überforderung. Aber wie gesagt: Frauen übernehmen immer noch einen Großteil der Care-Arbeit in unserer Gesellschaft, sicher zum Teil auch ungefragt. Aber oft sind sie es eben, die im Blick behalten, wann ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen ist und wann ein Kind beim Sport oder woanders zu sein hat.

prisma: Hat die Emanzipation so etwas nicht mittlerweile verändert?

Silke Bodenbender: Natürlich übernehmen heute auch immer mehr Männer diese Aufgaben. Aber es scheint doch immer noch tief verankert, dass Frauen die Verantwortung für diese Dinge schneller bei sich sehen – Männer tun dies eher verhaltener. So bleibt viel "Privates" in den Familien nach wie vor an den Frauen hängen. Gleichzeitig wollen und sollen Frauen aber auch im Beruf genauso viel oder sogar mehr leisten als Männer. Da entsteht schneller eine Überforderung. Und wir haben noch nicht über Alleinerziehende gesprochen. Das sind auch in der Mehrheit Mütter, also Frauen.

"Ich brauche es irgendwie, ein bisschen freier unterwegs zu sein"

prisma: Kommen wir noch mal zu Ihnen. Seit Sie vor allem drehen und weniger Theater spielen, haben sie in überdurchschnittlich vielen preisgekrönten und sehr gut kritisierten Filmen mitgespielt. Erzielen Sie so eine hohe Trefferquote, weil sie so viel drehen oder weil Sie klug auswählen?

Silke Bodenbender: Ich weiß gar nicht, ob ich im Vergleich zu anderen so viel drehe. Ich mache so gut wie keine Serien oder Reihen, jeder Film ist ein neues Projekt, und das bekommt dann vielleicht mehr Aufmerksamkeit, als wenn ich immer nur dieselbe Kommissarin spielen würde. Möglicherweise entsteht dadurch dieser Eindruck.

prisma: Aber Sie hatten schon Anfragen, solche Kommissarinnen zu spielen, oder?

Silke Bodenbender: Ja, die hatte ich. Vor einer Weile habe ich auch "Lotte Jäger" gespielt. Das war eine Kommissarin in einer losen Reihe, mit nur zwei Geschichten. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, mich künstlerisch allzu lang zu binden – weil ich dann nicht mehr die Freiheit habe, Neues auszuprobieren. Deshalb bin ich auch am Theater nicht mehr fest ins Ensemble gegangen. Ich brauche es irgendwie, ein bisschen freier unterwegs zu sein (lacht).

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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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