TVNOW-Serie

"8 Zeugen": Wie uns Erinnerungen täuschen können

von Maximilian Haase

"8 Zeugen" schildern in der neuen TVNOW-Serie ihre Version einer Kindesentführung. Alexandra Maria Lara muss als Rechtspsychologin die Wahrheit zusammensetzen.

Entspricht das, woran wir uns erinnern, der Wahrheit? Rechtspsychologin Dr. Julia Shaw, die sich mit dem Thema in vielen Bestsellern eingehend befasste, hat eine klare Antwort: "Die Frage ist nicht, ob eine Erinnerung falsch ist, sondern wie falsch sie ist." Auf dieser Weisheit fußt auch die von Shaws Arbeit inspirierte Mini-Serie "8 Zeugen", deren acht Episoden ab Donnerstag, 25. März, bei TVNOW abrufbar sind. Anhand einer Kindesentführung nähert sich das von der UFA Fiction produzierte Format den Rätseln unseres Gedächtnisses: Eine Psychologin, gespielt von Alexandra Maria Lara, soll den Fall anhand acht unterschiedlicher Zeugenaussagen lösen. Dabei baut die Serie einerseits auf Krimi-Spannung, changiert bisweilen aber auch zwischen Puzzlerätsel, Therapiekammerspiel und dozierender Dokufiction.

Die Versuchsanordnung des "Originals" der RTL-Streamingplattform TVNOW ist denkbar einfach: Emma, ein zehnjähriges Mädchen, wurde am helllichten Tag aus dem Naturkundemuseum entführt – doch weder gibt es Hinweise am Tatort noch einen Bekenner oder gar Forderungen. Weil die Polizei völlig im Dunkeln tappt und der Vater des Kindes, ein bekannter Politiker, seinen Einfluss spielen lässt, bittet man die Psychologin und Gedächtnisforscherin Dr. Jasmin Braun (Lara) um Hilfe. Sie soll aus den Erinnerungsbruchstücken der Zeugen die Wahrheit rekonstruieren, was normalerweise anhand von Protokollen geschieht. Weil das nun aber für die Zuschauer denkbar langweilig wäre, springt die recht spröde Spezialistin über ihren Schatten und befragt die geladenen Personen ausnahmsweise persönlich.

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Das allerdings erst nach dezentem Druck der Kripo-Ermittlerin Nadine Schröder ("Dann arbeiten sie ab heute eben anders"), die – gespielt von Ceci Chuh – der Wissenschaftlerin und ihren Methoden genauso argwöhnisch gegenübersteht wie Einsatzleiter Robert Dietz. Der standesgemäß mit altmodischem Headset ausgestattete Bulle alter Schule, hemdsärmlig verkörpert von Ralf Herforth, symbolisiert die klassische Ermittlungsarbeit mit autoritärem Gestus ("Kein Mädchen, keine Pause"), der die ungewöhnlichen Befragungsmethoden der Psychologin entgegenstellt werden. Moderne Psychologie versus überkommene Polizeiverhöre – ein alter Hut, aus dem "8 Zeugen" kaum Neues hervorzaubern kann.

Jede der knapp halbstündigen Episoden widmet sich einem der Zeugen, die entweder am Ort der Entführung zugegen waren oder sonst weiterhelfen können. Nacheinander werden sie von Psychologin Braun eingehend nach ihren (meist sich widersprechenden) Versionen und Interpretationen der Geschehnisse befragt: Von Emmas Nanny Carla Perera (Nilam Farooq), die das Kind kurz aus den Augen verlor, über Museumswachmann Amin Halba (Rauand Taleb) bis zum aufgebrachten Vater, dem Innensenator Malte Konrad (Johann von Bülow), geraten sie teilweise ins Visier der Ermittler. Andere, wie Psychologieprofessor Max Felsner (Sylvester Groth) und sogar ihren Bruder (Hannes Wegener), bestellt die Psychologin ein, um ihre eigene Vorgehensweise zu hinterfragen. Im Laufe der Episoden fügen sich die inkonsistenten Erzählungen, illustriert durch verschwommene Rückblickszenen und untermauert durch psychische Eigenheiten der Charaktere, langsam zu einem Bild.

Die Spannung steigt mit der Zeit

"Die Idee war, eine Serie zu produzieren, die ihre Spannung aus reinen Gesprächssituationen zieht. Die Kraft des Wortes in langen, fesselnden Dialogen war unsere Herausforderung", drückt es UFA-Produzent Christian Rohde aus. Jene Dialoge erweisen sich anfangs jedoch als mäßig fesselnd, was weniger an den Darstellern liegt, als an einer gewissen Schablonenhaftigkeit. Laras Figur soll – ausgestattet mit Blazer und Brille – Seriosität und Professionalität ausstrahlen, wirkt aber an manchen Stellen hölzern, gar überzeichnet – und sagt unfreiwillig komische Dinge wie: "Sie müssen verstehen, dass ihre Angaben eingefärbt sind, aufgrund des Kausalitätsirrtums." Ja, bisweilen meint man, Lara seien einfach die Zitate aus den Werken der Vorlagenpsychologin ins Drehbuch geschrieben worden.

Immerhin: Als Zuschauer erfährt man dadurch so einiges über die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses. Wenn Menschen plötzlich über den Umweg ihrer Erinnerung unfreiwillig wichtige Dinge verraten, wenn sie ihre Erzählungen mitten im Gespräch revidieren, wenn sie von einfachen äußerlichen Impulsen komplett getäuscht werden und die Psychologin all dies wissend erläutert, wähnt man sich eher in einer aufwendig inszenierten Dokufiction. Die jedoch legt mit fortlaufender Zeit tatsächlich an Spannung zu – das dankbare Thema macht's möglich: Mit jedem weiteren Puzzleteile wird die Gemengelage rätselhafter. Je mehr Informationen in Richtung Auflösung drängen, desto mehr Fragezeichen ploppen auf. Hochkomplexe Thrillerkost ist das keineswegs, gute Streamingunterhaltung aber allemal.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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