"Jackpot"-Hauptdarstellerin

Rosalie Thomass: "Niemand ist in echt so ernst wie deutsche Filmfiguren"

von Eric Leimann

Eine Frau findet 600.000 Euro. Mit dem Geld will sie ihrem verunfallten Mann helfen, doch die Kohle gehört einem skrupellosen Killer. Warum deutsche Filme auch mal anders funktionieren können, erzählt Hauptdarstellerin Rosalie Thomass im Interview.

Ihre außergewöhnlichen Schauspielkünste wurden schon früh entdeckt. Mit 17 spielte Rosalie Thomass im vielfach preisgekrönten "Polizeiruf 110: Er sollte tot" unter der Regie von Dominik Graf sowie in dem TV-Zweiteiler "Emilia" jeweils eine Hauptrolle. Seitdem hat die Münchnerin, mittlerweile Mutter zweier kleiner Kinder, kontinuierlich gearbeitet. Ein Film wie der ungewöhnliche ARD-Thriller "Jackpot" (Mittwoch, 24. März, 20.15 Uhr) kommt aber auch für die qualitätsbewusste 33-Jährige nicht häufig um die Ecke. Unter der Regie von Emily Atef ("3 Tage in Quiberon") spielt sie die handfeste Mitarbeiterin eines Abschleppdienstes, die in einem der von ihr entfernten Fahrzeuge eine Tasche mit über 600.000 Euro findet. Was tun? Zu Hause lernt ihr von Friedrich Mücke gespielter Mann nach einem schweren Unfall gerade wieder laufen. Das Geld kann das Paar gut gebrauchen. Dann erfahren beide, dass das Geld einem skrupellosen Killer gehört. Was sich formelhaft anhört, ist in der Umsetzung einer der ungewöhnlichsten deutschen Krimis des Jahres. Wie und warum es mehr solcher Filme geben sollte, erklärt Rosalie Thomass im Interview.

prisma: "Jackpot" ist zwar ein Krimi oder Thriller, fühlt sich aber trotzdem anders an als andere deutsche Fernsehfilme dieser Art. Wissen Sie, warum?

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Rosalie Thomass: Genau das habe ich mich beim Lesen des Drehbuchs auch gefragt. Ich glaube, da ist zunächst mal viel Humor in vielen Szenen und auch zwischen den Figuren. Trotz aller Härte der Handlung. Und sind wir Menschen nicht auch in Wirklichkeit so? Wir erleben haarsträubende Dinge in unserem Alltag, versuchen denen aber auch oft mit Humor zu begegnen. Niemand ist in echt so ernst wie deutsche Filmfiguren, hoffe ich.

prisma: Sie spielen eine Frau, die eine Tasche voller Geld findet und ihrem Freund, der nach einem Unfall nicht mehr laufen kann, damit eine Therapie ermöglichen will. Ist das noch Thriller-Stoff?

Rosalie Thomass: Für mich steht in "Jackpot" ein Liebesmärchen mindestens gleichwertig an der Seite des Thrillers. Eine Liebesgeschichte, die eben mal andersherum abläuft. Es ist nicht der Mann, der seine Freundin freischießt, sondern eine Frau, die ihren Kerl retten will. Ich finde, das ist eine ganz bezaubernde Geschichte. Er, Dennis, ist ihr Schatz. Der Schatz ist kaputt und muss repariert werden – um jeden Preis. Deshalb macht sie diese ganzen gefährlichen Dinge.

prisma: Sehr lustig und emanzipiert ist die Szene, in der Sie Ihren Freund auf dem Rücken in die gemeinsame Wohnung in einem oberen Stockwerk hochschleppen. Denn es gibt natürlich keinen Aufzug ...

Rosalie Thomass: Genau. Es hat mir auch gefallen, mal so eine sture Person zu erzählen. Eine Frau, die ihr Ding einfach durchzieht, ohne rechts und links zu gucken, ob ihr vielleicht jemand helfen kann. Das kommt meiner eigenen Art und Lebensenergie auch recht nahe. Dass man die Dinge so annimmt, wie sie sind und versucht, das Beste draus zu machen.

prisma: Aber reicht das denn, um zu verstehen, warum einem dieser ganze Film trotz seiner recht einfachen Handlung so ungewöhnlich vorkommt?

Rosalie Thomass: Ich glaube, dass Frédéric Hambalek einfach ein unfassbar guter Drehbuchautor ist. Bei vielen Autorinnen und Autoren verändert man beim Drehen noch viele Zeilen – und biegt sie sich zurecht. Hier habe ich darauf geachtet, alles wirklich so zu spielen, wie es im Buch steht. Weil ich vorher schon gemerkt habe, dass die Worte geschliffen gut in dieser Lebenswelt verankert waren. Wir erzählen im deutschen Film ja selten Figuren, die aus dem Bauch heraus handeln. Meistens sind unsere Figuren verkopfte Mittelschichts-Bürger, die reflektierend am Küchentisch sitzen, zweifeln und sich dann zu irgendeiner Handlung entschließen. Doch so funktioniert das echte Leben selten. Da entscheiden die Menschen viel mehr aus dem Bauch heraus.

prisma: Sehen wir zu viele Mittelschicht-Menschen in deutschen Filmen?

Rosalie Thomass: Ja, auf jeden Fall. Weil natürlich die Autorinnen und Autoren, Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure, Redakteurinnen und die Redakteure aus diesen Kreisen kommen. Insofern fand ich es toll, dass hier mal ein Paar im Mittelpunkt steht, ein Maurer und eine Frau vom Abschleppdienst, die ein ganz anderes Leben führen – ohne dass man da auf so eine "authentisch proletarische" Art den inszenatorischen Finger drauf legt. Ganz normal arbeitende Leute kommen im deutschen Fernsehen selten vor. Dabei sind das Figuren, die ich sehr gerne sehen und auch spielen würde.

prisma: Wenn proletarische Figuren im deutschen Fernsehfilm auftauchen, werden sie entweder flach, humoristisch oder sozial problematisch gezeichnet. Meinen Sie das?

Rosalie Thomass: Genau, "ganz normal" heißt gleich prekär oder zumindest, dass die Menschen nicht besonders klug sind. Die gesellschaftliche Klasse steht dann schnell im Fokus, es gibt so eine Art Draufsicht mancher Filmemacherinnen und Filmemacher von oben auf die Menschen herab. Das gefällt mir nicht. Wir als Geschichtenerzähler müssen uns auch mit anderen Lebensrealitäten auseinandersetzen, wenn wir unsere Gesellschaft verstehen wollen.

prisma: Wir haben jetzt über typische deutsche Fernsehfilme der alten TV-Sender gesprochen. Doch die Landschaft ist bunter geworden. Es gibt Streaming-Dienste und Spartensender, die immer mehr eigene Fiction produzieren. Erzählt Deutschland mittlerweile bunter, diverser als früher?

Rosalie Thomass: In Sachen Diversität gab deutsche Fiction bis vor kurzem ein ziemlich beschämendes Bild ab. Jeder und jede mit Migrationshintergrund musste in dieser Identität extra erklärt, gerechtfertigt werden. Das zeigt mir, dass hierzulande immer noch an vielen Positionen Entscheiderinnen und Entscheider sitzen, die in einer anderen, vergangenen Zeit leben. Die Diversität in der Gesellschaft ist doch längst da – aber das Fernsehen ist hinterher, was das Abbilden dieser Gesellschaft betrifft. Ich finde, das ist tragisch, da unser Medium Fernsehen die Sehgewohnheiten der Menschen stark beeinflusst. Wir müssten Vorbild sein, sind aber konservativer als die Realität.

prisma: Sie haben über die Art und Weise gesprochen, wie mit Migrationshintergrund umgegangen wird. Wie sieht es in anderen Bereichen der Diversität aus?

Rosalie Thomass: Da machen wir auch keine glückliche Figur. Nehmen wir das Thema Männer und Frauen. Wenn man in einem deutschen Film eine Frau in einer Führungsposition zeigt, wird das fast immer zum Thema gemacht. Wie um alles in der Welt hat sie es geschafft, sich gegen die Männer durchzusetzen? Musste sie dafür auch besonders männlich agieren? In Dänemark hat man schon vor Jahren in der Politserie "Borgen" Frauen in Führungspositionen gezeigt, ohne dass es groß zum Thema gemacht wurde, dass es sich eben um Frauen handelt.

prisma: Was müsste noch diverser werden im deutschen Film?

Rosalie Thomass: Ein großes Thema sind auch Körperformen. Schauspielerinnen und Schauspieler sind keine Models, die ein bestimmtes Figuren-Ideal vorführen. Wenn man sich aber umschaut, wer die meisten Hauptrollen spielt, dann sieht man fast keine Menschen, die so aussehen, wie unsere durchschnittliche Bevölkerung.

prisma: Sind denn die Streamer besser als das klassische Fernsehen?

Rosalie Thomass: Sie haben zumindest etwas angestoßen, da wird selbstverständlicher divers besetzt. Da sind dann auch mal Ärzte im Krankenhaus nicht alle weiß – wie übrigens auch in der Realität. Doch auch dort könnte man noch radikaler werden. Bei den letzten deutschen Neuerscheinungen auf Netflix und Amazon hätte man auch divers besetzen können. Man muss das zumindest infrage stellen. Weil die Öffentlich-Rechtlichen das Gros der Kinofilme mitproduzieren, trägt sich diese Haltung eben auch in viele deutsche Kinoproduktionen hinein. Auch das ist ein Problem. Ein Elyas M'Barek reicht nicht als Alibi-Star, quasi stellvertretend für alle PoC-Schauspielerinnen und Schauspieler, finde ich.

prisma: Haben sie selbst Diskriminierungen erlebt?

Rosalie Thomass: Mir hat man ab und zu gesagt, ich wäre zu groß für die Rolle. Aber wo steht denn geschrieben, dass eine Frau niemals größer sein darf als ihr Partner oder ihr Chef? Trotzdem habe ich als weiße, blonde Frau natürlich vor allem vom System profitiert. Ich musste mich nie wegen meines Namens oder meiner Hautfarbe rechtfertigen und darum kämpfen, etwas anderes als etwa die ausländische Putzfrau spielen zu dürfen. Da hatten und haben Kolleginnen of Color ganz andere Probleme.

prisma: Wer sind die Entscheider – eher die Produzenten oder die Redakteure bei den Sendern?

Rosalie Thomass: Beides, würde ich sagen. Es sind nicht Casterinnen und Caster. Ich bekomme mit, dass die viel Lust auf bunte Besetzungen haben und in dieser Hinsicht viele Vorschläge machen. Die Casting-Agenturen würden gerne diverser besetzen. Natürlich spielt auch eine Rolle, wie bekannt die möglichen Kandidatinnen und Kandidaten sind. Aber wenn Kolleginnen und Kollegen of Color nicht besetzt werden, werden sie auch nicht bekannt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

prisma: Sie haben zwei noch ziemlich kleine Kinder. Wir hatten jetzt eine ziemlich lange Lockdown-Phase. Wie sehr behindert Sie das beim Arbeiten?

Rosalie Thomass: Fragen Sie das auch männliche Kollegen?

prisma: Ja, ich denke schon. Wie Familien auch in der Organisation von Familien- und Arbeitszeit durch die Corona-Krise kommen, ist doch grundsätzlich ein gemeinschaftliches Problem ...

Rosalie Thomass: Genau, es ist ein gemeinschaftliches Problem. Aber ich wurde auch vorher schon gefragt, wie ich denn das koordiniere – Job und Kinder. Dem liegt ja zugrunde, dass davon ausgegangen wird, dass sich im Normalfall und besonders im worst case immer die Mutter um die Kinder zu kümmern hat. Mein Mann ist Regisseur und wir teilen uns das. Unsere Kinder sind noch nicht schulpflichtig, das gibt einem auch ein wenig Freiheit. Trotzdem kämpfen wir wie viele andere auch, wir hatten ein schwieriges Jahr. Ich habe die Zeit 2020 genutzt, um mein erstes Drehbuch – eine Komödie – zu schreiben. Die werde ich im nächsten Jahr auch selbst als Regisseurin in einen Film umsetzen.

prisma: Wie hart fanden Sie das letzte Jahr?

Rosalie Thomass: Wie kamen zurecht. Ich mag es nicht so gerne, wenn erfolgreiche Schauspielerinnen in puncto Familie und Job zu jammern beginnen. Wir haben andere Möglichkeiten als die meisten Menschen in anderen Berufen. Wir können oft flexibel arbeiten. Die richtig Erfolgreichen haben dazu genug Geld, um sich Hilfe zu holen oder Krisen auszusitzen. Ich glaube nicht, dass man sich Sorgen um Leute wie mich machen muss, ob sie das mit der Kinderbetreuung hinkriegen. Viel mehr würde mich interessieren, wie das Eltern machen, die beide unterbezahlt im Schichtdienst arbeiten.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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