22.03.2021 Christoph Maria Herbst im Interview

Kurzer Prozess mit Kontrolle und Hirn

von Marcus Italiani
Christoph Maria Herbst.
Christoph Maria Herbst.  Fotoquelle: christianhartmann.com

Die Wirecard-Pleite gehört zu den größten deutschen Finanzskandalen der letzten Jahre. Auch, weil der Betrug jahrelang vor den Augen der Politik und einflussreicher Finanzinstitute durchgeführt wurde. Christoph Maria Herbst spielt in dem brandneuen UfA-Doku-Thriller "Der große Fake – Die Wirecard-Story" den Wirecard-Vorstandsvorsitzenden Markus Braun.

Wie haben Sie als Privatperson den Wirecard-Skandal erlebt?

Mit offenem Mund und großen Augen. Ehrlicherweise hatte ich diesem Braten aber von Beginn an nicht getraut. Wenn etwas so gehypt wird und ein Aktienkurs dermaßen exponentiell wächst, stimmt was nicht. Exponentiell ist immer krank. Ich will mich hier nicht visionärer darstellen als ich bin, aber deren Aktien hätte ich nie gekauft.

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Was ist Ihnen als gelernter Bankkaufmann durch den Kopf gegangen, als Sie vom Ausmaß des Falls und den politischen Verstrickungen gehört haben?

Nach Dieselgate und Cum-Ex-Abzocke wundert einen fast nichts mehr. Das Wirecard-Desaster hat dem Ganzen aber nochmals die Krone aufgesetzt. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Versagen so breit angelegt sein kann. Fast alle waren so besoffen von der Idee, dass Silicon Valley jetzt auch bei München, nämlich in Aschheim, stattfindet, dass hier Eitelkeiten und Gier kurzen Prozess mit Kontrolle und Hirn gemacht haben. Krass! Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hatte sogar Leerverkäufe verboten. Ein einmaliger und unerhörter Vorgang. Hätte das ein Fiction-Autor in sein Drehbuch geschrieben, hätte jeder Redakteur gesagt, dass sei total an den Haaren herbeigezogen.

Wann ist Ihnen Markus Braun erstmals aufgefallen und welchen Eindruck hatten Sie?

Medienscheu und unpräsent wie er war, fand ich ihn immer ein wenig mysteriös. In den wenigen Bewegtbildern, die ich von ihm sah, wirkte er immer schwitzig und irgendwie uncharismatisch, auf Wirkung bedacht. Zudem schien seine Körpersprache gerne mal was anderes zu erzählen als er selber. Für einen Schauspieler natürlich ein Dorado.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich konnte aus dem Vollen schöpfen. Viel wurde geschrieben, das Internet ist voll von Berichten über Wirecard, Braun und Marsalek. Das sind dann lauter Puzzlesteinchen, die ich versucht habe, zusammenzusetzen. Das Äußere half mir schon sehr. Unser Kostümbildner hat mich in teuerstes Tuch gesteckt und mir eine Rolex verpasst – rahmenlose Brille und Steve-Jobs-Rollkragen bewirken was. Ich wollte dann seine blauen Augen haben, und so hat mir ein Schweizer Künstler perfekte Linsen angepasst. Alles das löst was aus in einem, und damit habe ich mich dann auf die Reise begeben. Ich glaube, ich war während der Dreharbeiten ähnlich unerträglich. Eine Figur lässt sich eben nicht einfach an- und ausknipsen.

Was glauben Sie, wird der Film bewirken können?

Ich schätze, für den Endverbraucher ist das, was da abging, ziemlich undurchsichtig und strapazierend. Ich hoffe, der Film kann unterhaltend Licht ins Dunkel bringen. Das Genre 'Docufiction' ist ja ungeheuer spannend: Beteiligte Menschen treten in Interviews in den Mittelpunkt und Schauspieler verhelfen dem Hintergrund zu Vordergrund und Transparenz. Ich persönlich gucke Filme dieses Genres immer sehr gerne, da sie mir fast immer bestes Infotainment bieten. Diese Durchmischung von 'so könnte' und 'so hat' finde ich reizvoll und das Publikum hoffentlich auch.

Sie stammen aus Wuppertal, das außer dem Anfangsbuchstaben nicht viel mit Wien, der Heimatstadt Markus Brauns gemeinsam hat. Ihr Wienerisch ist schon mal überzeugend. Was mussten Sie sich in Sachen Mentalität diesbezüglich noch draufschaffen?

Danke für die Blumen. Ich denke, der Akzent wird für deutsche Ohren genügen. Österreichische dürften hier und da eher schlackern (lacht). Viel wichtiger war es ja, diese Empathielosigkeit und Abgehobenheit in mir freizulegen. Der gute Mann hat schon auf seinem ganz eigenen Planeten gelebt und oft genug seine Kolleginnen und Kollegen nicht erreicht. Dieses Visionär-Verschrobene war mir besonders wichtig.

Die Figur des Markus Braun ist natürlich mehr als ernst. Die meisten TV-Zuschauer lieben hingegen vor allem Ihre humorvollen Rollen. Sind Schubladen für Sie ein Ärgernis oder denken Sie, dass das in Ihrem Fall gar nicht zutrifft?

Liebe ist allumfassend, daher hoffe ich, dass die meisten mich jetzt immer noch mögen (lacht). Schubladen sind immer blöd. Sie sind stickig, muffig, und man kriegt sie oft nur schlecht auf. Um im Bild zu bleiben, waren meine allerdings schon immer mit Brokat ausgelegt in einer Chippendale-Kommode. Ich habe mich nie eingeengt gefühlt, da ich mit dem nötigen Selbstbewusstsein immer wusste, dass ich mehr draufhabe als den Clown. Beispielsweise den tragischen Clown, womit mir wieder bei Wirecard wären.

 

  • Der große Fake – Die Wirecard-Story"
  • Ab 31. März auf TVNOW abrufbar

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