Manoel de Oliveira

Manoel de Oliveira
Geboren: 11.12.1908 in Porto, Portugal
Sternzeichen: Schütze

"Wir sind wie ein Schiff auf dem Ozean, das seine Route nicht kennt. Man gibt uns einen Namen, wir haben den Heimathafen vergessen und wissen nur die Koordinaten des Hafens, wohin wir fahren sollen, wo wir erwartet werden. Wir stellen uns die Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und warum? Sind wir eine zufällige Unterhaltung der Natur?"

Manoel de Oliveira ist ein tief religiöser Mann, das spürt man vor allem an seinem Spätwerk. Angst, Sünde, Sexualität sind die Themen, Sehnsucht nach Harmonie. Vor 30 Jahren hat man ihn wieder entdeckt, und seither ist er nicht müde geworden, zu arbeiten, Bilder zu komponieren: Liebe und Tod, Gut und Böse, Verzweiflung und Hoffnung sind seine Grenzbereiche des Lebens. Er ist schon früh vom Kino besessen. Den jungen Manoel, Sohn eines einflussreichen Industriellen, findet man ständig im Kino. Doch zunächst steigt er ins väterliche Geschäft ein, ist sportlich aktiv, Champion bei internationalen Autorennen. Doch dann wird das Kino wichtig, er tritt auf in "Fátima Milagrosa" (1928), aber das Selbstinszenieren liegt ihm näher.

Die deutschen Expressionisten wie die sowjetischen Filmer sind seine Vorbilder. Mit 22 dreht er "Arbeit am Fluss Douro", sein erster Dokumentarfilm als Autor, Produzent, Regisseur und Cutter. Mit der 35-mm-Kamera beobachtet er stumm Hafenarbeiter beim Be- und Entladen von Schiffen. Der Film über den Fluss und den Hafen ist der Auftakt für eine Reihe kurzer und mittellanger dokumentarischer und experimenteller Filme. Sie beschäftigen sich liebevoll mit dem Land und seinen Bewohnern. Der Film zieht einen politischen Skandal nach sich, denn er zeigt offen und provokativ die Klassenunterschiede in der Hafenstadt Porto. Unter der Regierung Salazar ist seine Arbeitsmöglichkeit eingeschränkt. Er dreht 1942 die erschütternde, traumtänzerische Liebesgeschichte unter Großstadt-Kindern "Aniki Bóbó". Es hagelt Proteste. 1959 entsteht das heute kaum bekannte Werk "Das Brot". 1962 kehrt er mit "Der Leidensweg Christi in Curalha" ins Kino zurück; einer Anklage gegen den Krieg in Form eines dörflichen Osterspiels. Zwischendurch hatte er sich als Farmer aufs Land zurückgezogen.

1972 bis 1981 entsteht ein auf literarischen Werken basierender Spielfilm-Zyklus, der in vier Filmen das Thema frustierter Liebe behandelt: "Vergangenheit und Gegenwart" (1972), "Benilde, Jungfrau und Mutter" (1975), "Das Verhängnis der Liebe" (1978) und "Francisca" (1981). Die Frauengestalten der japanischen Filmemacher Mizoguchi, Ozu oder Naruse schienen Modell gestanden haben. Darauf folgt eine Art autobiographischer Film "Vista ou memorias e confissos", der erst nach Oliveiras Tod gezeigt werden soll.

1985 verfilmt er Paul Claudels Riesendrama "Der seidene Schuh", eine siebenstündige Symbiose aus Theater-, Kino- und TV-Ästhetik, und er macht sich lustig über die Sehgewohnheiten, denen seine eigenen Filme zuwiderlaufen. "Hören sie gut zu", sagt der Erzähler, "husten sie nicht und versuchen Sie, wenigstens ein bisschen zu verstehen. Das, was sie nicht verstehen werden, ist das schönste. Das, was am längsten dauert, das ist das Spannendste und das, was sie nicht amüsiert, ist das Komischste." Die Spätfilme sind zynischer, böser, wie "Die Kannibalen" (1988). In dieser Filmoper stellt sich der Surrealist Manoel de Oliveira vor: Die Kompositionen von Joao Paes sind selbst für Musik gewohnte Ohren harte Kost. Dafür wird den Zuschauern kulinarisches Kino geboten: der via Kolonialismus zu Prunk gekommene Adel strahlt in farbigem Glanz. Marguerita verschmäht den liebenden Don Joao und nimmt den reichen Adligen, der sich als Gebräu aus Mensch und Ding erweist. Das wissend, stürzt sie aus dem Fenster, der Bräutigam legt sich in den brennenden Kamin und wird am Morgen von den nichtsahnenden Verwandten gefressen.

"Der vergängliche Ruhm der Herrschaft" (1990) ist anders: Ein Leutnant berichtet von den vier entscheidenden Kriegen und Niederlagen seiner portugiesischen Heimat. Der Film handelt von dem entschiedenen Nein, das die Kunst den Kriegen der Menschen entgegenhält. Und er erzählt ein Märchen: wie es hätte sein können, wenn jene, die etwas zu sagen haben, friedlicher denken und handeln würden. Ein höchst kunstvolles Kinostück, das immer seine Gültigkeit behalten wird. Auch in hohem Alter ist de Oliveira unersättlich: "Am Ufer des Flusses" (1993) ist "Madame Bovary" auf portugiesisch, ein eigenwillig poetischer Film des Meisters, über drei Stunden lang. Er basiert jedoch nicht auf Gustave Flauberts Roman, sondern auf einer moderneren Adaption von Augustina Bessa-Luis. Die Geschichte beginnt in den Sechzigerahren und reicht bis in die Gegenwart.

1994 läuft in Cannes, wo auch "Am Ufer des Flusses" zu sehen war, sein Film "Die Büchse des Bettlers". Das Titelobjekt ist das einzige Mittel des Blinden zu überleben. Die Tochter und der eigennützige Schwiegersohn profitieren davon. Als die Büchse gestohlen wird, ist das ganze Viertel entsetzt. Danach entstehen "O Convento" (1995), "Party" (1996), "Reise an den Anfang der Welt" (1997) und "Inquitude" (1998). Weitere Filme von Oliveira "La Princesse de Clèves" (1999), "Ich geh' nach Hause" (2001), "Belle toujours" (2006), "Die Eigenheiten einer jungen Blondine" (2009).


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