Die USA und der Holocaust
17.10.2023 • 20:15 - 21:05 Uhr
Info, Geschichte
Lesermeinung
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Vergrößern
Originaltitel
The U.S. and the Holocaust
Produktionsland
USA
Produktionsdatum
2023
Info, Geschichte

Hätte die Tragödie verhindert werden können?

Von Wilfried Geldner

Hätte Amerika den Holocaust verhindern können? Hätte es mehr Juden aufnehmen müssen als es die restriktive Einwanderungspolitik der US-Regierung erlaubte? – Eine sechsteilige Dokuserie bei ARTE (17. und 18.10., jeweils 20.15 Uhr) zeigt die von Vorurteilen geschürte Fremdenfeindlichkeit als Ursache der Abschottung Amerikas in der NS-Zeit. Online ab 10. Oktober.

Es ist eine provokante Fragestellung: Hätte Amerika den Holocaust verhindern können? Hätte es viele der sechs Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden, retten können? Die sechsteilige US-Dokuserie "Die Nazis und der Holocaust" (2022, Erstausstrahlung bei ARTE) legt das mehr als nahe. Es habe, so wird deutlich gemacht, eine historisch gewachsene Angst vor Überfremdung gegeben, längst bevor Hitler in Deutschland die Macht ergriff. Dazu sei ein weit verbreiteter Antisemitismus gekommen. Die aufschlussreiche Serie endet nicht von ungefähr mit den Worten des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der nach dem Kriegsende mahnte: "Ich hoffe, dass wir uns in Zukunft daran erinnern werden, dass es zu keinem Zeitpunkt einen Kompromiss mit Dingen geben kann, von denen wir wissen, dass sie falsch sind."

Mit der Aufhebung restriktiver Einwanderungsgesetze oder gar einem viel früheren Eintritt in den Krieg hätte Roosevelt nach der großen Depression einen konservativ und fremdenfeindlich eingestellten Kongress gegen sich aufgebracht. Obwohl große Zeitungen und Rundfunksender spätestens ab der Pogromnacht 1938 über die Verfolgung deutscher Juden berichteten, war eine große Mehrheit der US-Bevölkerung gegen eine Einmischung eingestellt. Der berühmte antisemitisch eingestellte Flugpionier Charles Lindbergh war da nur einer unter vielen Millionen.

Auch nach dem Holocaust stimmten nur fünf Prozent für eine höhere Einwanderungsquote

Sicher lässt sich der Egoismus und die Sorge der Amerikaner nicht aufrechnen mit deutschen Gräueltaten und der Verantwortung für Millionen ermordeter Juden unter den 50 Millionen Toten durch Hitlers Krieg. Doch das Gebaren der Festung Amerika gegenüber Flüchtlingen, die sich von der Freiheitsstatue auf Ellis Island das Überleben erhofften, ist zumindest im Rückblick erstaunlich. 225.000, nur ein Bruchteil der Flüchtlinge aus Deutschland, wurde letztlich aufgenommen.

Die Serie bindet in den einzelnen Folgen denn auch immer wieder die Schicksale von Holocaust-Überlebenden ein. Auch der Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus in Deutschland wird in Archivaufnahmen und in Bildern aus den Familienalben geschildert. Die erzwungene Geschäftsaufgabe, die Hoffnung auf die Bewilligung der Ausreise, die sich in endlosen Menschenschlangen vor den Konsulaten manifestierte – eine Visaerteilung konnte zwei bis drei Jahre dauern – wichen schließlich der Deportation in Hitlers Vernichtungslager. Hatte sich das Leuchtfeuer in der Hand der Freiheitsstatue, dieser "Willkommensgruß für alle Exilanten", als Trugschluss erwiesen?

Der Ausschluss von Einwanderern habe dabei eine lange Tradition, so erklären die Historikerexperten vor der Kamera. Den Anfang machte der Chinese Exclusion Act von 1882. Der spätere Zuzug von Millionen Menschen aus Osteuropa rief Rassisten auf den Plan, es wurde nach Hautfarbe und globalen Regionen entschieden. Hitler fand 1924 in Landsberg in der Vertreibung und Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner gar ein Vorbild für die Vernichtung der Völker im europäischen Osten.

1932 mussten erstmals mehr Einwanderer die USA verlassen als einreisen durften. Jedes Jahr wurden Hunderte abgeschoben, weil sie die Anforderung für die Staatsbürgerschaft nicht erfüllten. 1933 berichteten die Zeitungen über Großrazzien, die in Deutschland die Juden einschüchtern sollte. Er habe "noch nie gesehen, dass gesetzestreue Bürger in solch einem Terror leben" berichtete der Korrespondent. Es gab 3.000 Artikel über antisemitische Vergehen in Deutschland in Amerika, doch selbst amerikanische Juden wollten nicht "alarmistisch reagieren", um Schlimmeres zu verhüten.

Es ist eine traurige Geschichte, die die US-Serie über weite Strecken erzählt, von Egoismus und Selbstschutz, der in Rassismus und Antisemitismus mündet. Parallelen zu heute zeigen sich, was die Reaktionen in Europa betrifft, am Horizont. Auch nach dem Krieg, als die Katastrophe des Holocaust vor aller Augen offen lag, waren die Befürworter einer höheren Einwanderungsquote in einer erschreckenden Minderheit – nur etwa fünf Prozent der Befragten waren dafür.

ARTE zeigt drei Folgen der Dokumentation zunächst hintereinander an einem Abend. Die weiteren Folgen werden am Mittwoch, 18.10., ab 20.15 Uhr ausgestrahlt. Online verfügbar ab 10. Oktober.

Die USA und der Holocaust – Di. 17.10. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Eine Grafik zum Weltgesundheitstag.
Gesundheit

Die Gesundheit im Blick

Der Weltgesundheitstag wird jährlich am 7. April gefeiert und erinnert an die Gründung der WHO 1948. Das diesjährige Thema lautet: "Gemeinsam für die Gesundheit. An der Seite der Wissenschaft". Deutschland begeht diesen Tag seit 1954 mit angepassten Schwerpunkten.
Dr. med. Ramtin Knuschke in einem weißen Kittel.
Gesundheit

Bluthochdruck: Was hilft, wenn Tabletten nicht mehr reichen?

Bluthochdruck bleibt oft trotz Medikamenten ein Problem. Die Nierennervenablation kann neuen Halt bieten, indem sie gezielt Nervenfasern in der Nierenarterie verödet.
Mathias Liebing mit verschränkten Armen.
HALLO!

Mathias Liebing: „Der Fußball gehört im Osten wieder zur regionalen Kultur“

Mathias Liebing hat nach seiner Biografie über Norbert Nachtweih nun das Buch „Plattgemacht“ über die Entwicklung des Fußballs in Ost-Deutschland nach der Wende geschrieben. Im Gespräch mit prisma gibt er interessante Einblicke in die ostdeutsche Fußballseele.
Professor Dr. Sven Ostermeier ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin und Chirotherapie. Der Schulter- und Knieexperte arbeitet als leitender Orthopäde der Gelenk Klinik Gundelfingen. Außerdem ist er Instruktor der Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie.
Gesundheit

Knie-Arthrose: Nur keinen Schongang einlegen

Knie-Arthrose muss nicht das Ende der Beweglichkeit bedeuten. Mit gezielten Übungen kann der Knorpel gestärkt und Schmerzen gelindert werden. Entdecken Sie einfache Bewegungsformen, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
Getty Images
Reise

Mit KI zum perfekten Urlaub 

Künstliche Intelligenz (KI) kann die Reiseplanung vereinfachen. Viele Fluggesellschaften und Anbieter setzen bereits auf sie. Auch KI-basierte Apps erweisen sich als hilfreiche Assistenten.
Alexander Scheer vor einem roten Hintergrund.
HALLO!

Alexander Scheer: "Bowie hatte 35 verschiedene Leben"

Lola-Gewinner Alexander Scheer („Gundermann“, „Sonnenallee“) feiert als David Bowie im Stück „Heroes“ seit März 2025 große Erfolge in Berlin. Nun geht der Schauspieler und Sänger mit der Show, die am Berliner Ensemble regelmäßig ausverkauft ist, auf Tour. Im Interview spricht er über Bowies Musik und dessen Liebe zur Literatur.