Oscarnominierte hautnahe Dokumentation aus dem Syrienkrieg, 2018: In einem unterirdischen Krankenhaus kämpft eine Truppe von Ärzten und Ärztinnen mit ihren Helfern ums Überleben ihrer Patienten. Viele darunter sind Kinder.

Die Explosionen sind gewaltig. Vier-, fünf-, sechsmal schlagen Bomben in größter Nähe ein. In unterirdischen Räumen kämpft ein Team aus Frauen und Männern um das Leben von schwer verletzten Patienten, die dem Bombenhagel nahe Damaskus' gerade entkommen sind. Die Hektik ist groß, das Chaos auch. "Schnell, beeil dich, bring mir das Serum, sonst stirbt das Mädchen!" Solche Kommandos hört man immer wieder. Viele der Opfer sind Kinder. Ärztinnen fragen sie nach ihren Namen und danach, wie es ihnen geht. "Alles wird gut", so trösten sie, ohne es wirklich zu wissen. Denn es fehlt an Medikamenten, später auch an Lebensmitteln, die den Hunger stillen könnten. Der Dokumentarfilm "The Cave" des im Exil lebenden Syrers Feras Fayyad (2019) trug dem Regisseur nach "Last Men in Aleppo" (2017) bereits die zweite Oscarnominierung ein. Jetzt ist er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen zu sehen.

Komische Momente im Chaos des Krieges

Ohne begleitenden Kommentar, aber auch ohne wirklich subjektiv zu sein, zeigt "The Cave" ("Die Höhle") die Arbeit von Medizinern und ihren Helferinnen in einem unterirdischen Lazarett. Eine Frau, Dr. Amani Ballour, wurde zur Direktorin der Behelfsklinik gewählt. Mit ihrem Kopftuch, dem Hidschāb, bedeckt, notiert sie auf einem Zettel die Verletzungen der Ankömmlinge auf den Bahren und gibt Anweisungen darüber, was sofort zu tun sei. "Wie alt bist du? Wie heißt du?" fragt sie ein Mädchen. Sie ist am Rande der Verzweiflung, aber eben doch nur am Rande. "Wir geben niemals auf, was sie uns auch antun", sagt sie und fragt: "Wacht Allah wirklich über uns?"

In all dem vermeintlichen Chaos gibt es aber auch komische Momente, für die vor allem die Köchin namens Samaher zuständig ist. Mit einer überstandenen psychischen Verletzung und viel heiterer Naivität kocht sie in viel zu kleinen Töpfen unterm Bombenhagel ihren Reis, der dann vom Trupp der Mediziner hinreichend bemängelt wird. Gleich darauf geht sie dem Chirurgen Dr. Salim zur Hand, der sie beim Plappern zur Ruhe ermahnt. Der Chirurg ist ein Liebhaber klassischer Musik. Bei jeder Operation lässt er mit seinem Handy ein Klassik-Stück spielen. Irgendwann im Film wird er dann selbst ein Geburtstagsständchen dirigieren – es wird Amani zu ihrem 30. Geburtstag nebst einem improvisierten Buffet aus Tomaten, Pizza und Schokolade dargebracht.

Man müsste die staubige Trümmerlandschaft, die Ruinen der Trabantenstadt von Damaskus droben gar nicht sehen, um zu begreifen, was da geschieht. Es ist ein Inferno, der Irrsinn schlechthin, den man so bis zum Krieg in Syrien nicht für möglich hielt. Auf die politischen Umstände geht "The Cave" nur sehr indirekt ein. Dass es Assads Bomben und die seiner russischen Verbündeten sind, legen die Bemerkungen Armanis nahe. Sie und all die anderen im Keller aber wollen nur eins: in Frieden leben. "Nach dem Krieg lass' ich mir die Wangen straffen und die Zähne richten!", sagt Amani mal zu ihrer Helferin. Es ist kurz vor der Evakuierung der Klinik, im Frühjahr 2018 muss das gewesen sein, und Armani, die ein paar Tränen verliert, wundert sich über den Streit um die Plätze im Bus.

Ohne es besser wissen zu wollen: Dass der Film, eine deutsch-dänisch-amerikanische Koproduktion, den Oscar letztlich nicht bekommen hat, muss an seiner heiklen politischen Grenzüberschreitung gelegen haben. Ist er doch in allem Chaos ein wahres Meisterwerk aus Dialogfragmenten, spontanen Nahaufnahmen und – vor allem – einer nie aufdringlich oder gar künstlich wirkenden Montage. Drei Teams mögen da, wie man hört, am Werk gewesen sein, aber alles wirkt wie aus einer einzigen Hand.

Eine Klinik im Untergrund – The Cave – Mi. 01.07. – ARD: 22.45 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH