Tausende Mädchen und Jungen gingen bei der Flucht und Vertreibung 1945 ihre Eltern verloren, flohen in den ersten Jahren unter sowjetischer Besatzung in die Wälder und kämpften dort wie "Wolfskinder" ums nackte Überleben. Ohne Eltern, ohne Obdach, ohne Nahrung erwartete sie in Ostpreußen der sichere Tod. Im benachbarten Litauen, so hieß es, sollte es Bauern geben, die Kindern Lebensmittel gaben. Doch der Weg dorthin war qualvoll und gefährlich. Vom Hunger getrieben zogen sie fortan durch die litauischen Wälder und Dörfer, von Bauernhof zu Bauernhof und erbettelten sich das Lebensnotwendige. Bis zu 5000 deutsche Kinder sollen sich auf den Weg in die baltischen Gebiete begeben haben. Viele Litauer hatten Mitleid mit den Kindern, die teilweise nicht einmal mehr ihren eigenen Namen wussten. Sie gaben ihnen zu essen und manchmal auch Obdach und Arbeit. Sie waren die letzten Opfer des von Hitler-Deutschland entfesselten Krieges.

Im zweiten Teil seiner Trilogie "Kinder der Flucht" (weitere Teile sind "Die Kinder der Flucht - Eine Liebe an der Oder" und "Die Kinder der Flucht - Breslau brennt!") beschäftigt sich Regisseur Hans-Christoph Blumenberg mit dem Schicksal fünf sogenannter Wolfskinder. Die Geschichte der Geschwister Rudi, Sieglinde, Irmgard, Waltraud und Ulli Liedke, alle zwischen sechs und 13 Jahre alt, begann mit dem Hungertod der Mutter im Winter 1946/47. Wo sollten die Geschwister hin? Nach und nach wurden die Geschwister voneinander getrennt, bis schließlich nur noch die beiden jüngsten zusammen waren. Wie durch ein Wunder überlebten alle fünf Liedke-Kinder die traumatische Zeit. Für drei der fünf Geschwister endete die Odyssee 1948 in einem Kinderheim der DDR, zwei Schwestern blieben in Litauen zurück. Irmgard hatte das schwerste Los: Sie lebte bei einer Bauernfamilie, die sie wie eine Arbeitssklavin behandelte. Noch immer fällt es ihr schwer, über diese Zeit zu sprechen. Erst Mitte der Fünfzigerjahre, als man in Westdeutschland schon vom Wirtschaftswunder sprach, fanden sich die Geschwister wieder. Bis heute sind die Wunden der Erinnerung nicht verheilt.

Foto: ZDF/Pawel Jakubek