08.07.2024 „Columbusstraße“-Autor im Interview

„Columbusstraße“-Comiczeichner Tobi Dahmen im Interview: Ein Buch gegen das Vergessen

Von Felix Förster
Tobi Dahmen hat mit „Columbusstraße“ eine große Graphic Novel vorgelegt.
Tobi Dahmen hat mit „Columbusstraße“ eine große Graphic Novel vorgelegt. Fotoquelle: privat

Comiczeichner Tobi Dahmen hat mit „Columbusstraße“ den ersten Band seiner Familiengeschichte vorgelegt, der sich mit der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs befasst. Im Interview äußert er sich zum Hintergrund seines ambitionierten Werks.

Ihr Buch ist ganz frisch herausgekommen. Wie sind die Reaktionen bisher?

Tobi Dahmen: Es haut mich total um, die Reaktionen sind sehr positiv. Das liegt wohl auch daran, dass sich jeder zu diesem Thema irgendwie verhalten muss, denn es betrifft so viele Menschen. Mein Erstling „Fahrradmod“ war da eher ein bisschen Nische. Wir waren jetzt mit „Columbusstraße“ beim Comic-Salon in Erlangen und alle Bücher waren im Nu ausverkauft. Begleitend gab es noch eine Ausstellung, die zeigen sollte, wie ich arbeite. Die kam auch wahnsinnig gut an. Dieses Feedback hätte ich so nicht erwartet.​

Sie schildern im ersten Band von „Columbusstraße“ die Geschichte Ihrer Familie in der Vorkriegszeit und während des Krieges. Viele Informationen haben Sie aus Gesprächen mit Ihrem Vater erhalten. Hat Ihr Vater Ihnen da viel erzählt? Viele Menschen aus dieser Generation wollten ja nicht über diese dunkle Zeit sprechen. ​

Tobi Dahmen: Schon als wir Kinder waren, hat er uns davon erzählt. Etwa, dass sein Ziehvater, wie er ihn genannt hat, von den Nazis ermordet worden ist. Dadurch sind wir automatisch mit einem gewissen Blick auf die damalige Zeit, einem gewissen Bild, aufgewachsen. Wir hatten schon früh ein Gespür dafür, wie gefährlich diese Zeit war. Er hat vieles immer wieder in Nebensätzen erwähnt. Entscheidend war dann aber ein langes Gespräch, das wir während einer Bahnfahrt nach Dresden führten. Da konnte er alles einmal richtig ordnen.

Diese lange Zugfahrt kommt auch im Buch vor.

Tobi Dahmen: Er wollte Zeit mit mir verbringen. Da habe ich ihn gefragt, ob er mir nicht einmal alles in der richtigen Reihenfolge erzählen möchte. Dadurch bekam ich ein viel umfassenderes Bild und konnte auch mal nachfragen. Zu dem Zeitpunkt war ich auch schon etwas älter und habe mich für die ganze Thematik interessiert. Leider ist es häufig so, dass die Jugend leider erst auf den Trichter kommt, wenn es oft schon zu spät ist.

Wann kam Ihnen denn die Idee, den Stoff literarisch umzusetzen? 

Tobi Dahmen: Der Auslöser war dann der Tod meines Vaters. Da habe ich realisiert, wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, dann ist alles weg. Der direkte Zugang ist eben doch sehr wichtig. Es gibt ja auch Leute, die schreiben alles auf, führen eine Familienchronik, die dann nur für die eigenen Verwandten ist. Ich fühlte eher die allgemeine Verpflichtung, diese Sachen zu erzählen.​

In seinem Nachlass haben Sie dann die Feldpostbriefe seiner Brüder von der Front in Russland und in Italien gefunden. Können Sie sich da noch erinnern, wie das war, als Sie die zum ersten Mal gelesen haben? 

Tobi Dahmen: Die lagen in einer kleinen Kiste in einem Schrank in unserem Ferienhaus. Wie häufig bin ich schon als Kind an dem Schrank gewesen und habe die nie herausgekramt? Ich ärgerte mich erst ein wenig, dass ich meinen Vater nicht mehr befragen konnte. So musste ich erst einmal alles selbst entschlüsseln. Es war natürlich sehr aufregend, denn den einen Onkel kannte ich gar nicht, hatte immer nur viel von ihm gehört. Ich hatte auch vorher gar kein Bild von ihm gesehen, wusste nicht wie er aussieht. Und dann zu lesen, wie er gedacht hat, war wie eine Zeitreise. Den anderen Onkel kannte ich noch, er war mein Patenonkel. Ihn habe ich während meines Studiums in Düsseldorf häufig besucht. Aber er war sehr vom Krieg gezeichnet. Er wollte über die Zeit nicht sprechen, immer, wenn ich persönlich nachgefragt habe, hat er das abgewimmelt. ​

Davon sprach ich eben, viele Zeitzeugen wollten nicht darüber sprechen. In seinem Fall auch verständlich, denn er wurde verwundet. ​

Tobi Dahmen: Einerseits verständlich, aber natürlich mussten sie sich auch mit ihrer eigenen Schuld auseinandersetzen, die sie ja absolut getragen haben. Schließlich waren sie ja die Exekutive eines sehr verbrecherischen Systems.

Gerade diese Diskrepanz ist heute so interessant, wie das damals alles passieren konnte. Einerseits diese Schöngeister, wie Sie das so passend darstellen, und dann diese Barbareien, die von Deutschland ausgegangen sind. 

Tobi Dahmen:  Ich wollte unbedingt beides zeigen. Denn wenn wir uns der Sache nähern wollen, müssen wir auch verstehen, wie die Leute gedacht haben. Mit diesen Schwarz-Weiß-Bildern „Das sind alles Nazis“, und dann gibt es die kleine Gruppe der Widerständler, bedienen wir nur verschiedene Schubladen und bereiten nichts auf. Wir möchten es ja heute verstehen, und dazu gehört eben auch die menschliche Seite. 

Wie war denn Ihre Herangehensweise, schließlich berichten Sie ja von Ihrer eigenen Familie? Ist da eine Objektivität überhaupt möglich? Es gab bestimmt Grenzsituationen, in denen Sie gedacht haben, das ist jetzt aber zu intim, zu persönlich.

Tobi Dahmen: Ich habe allzu intime Dinge, wenn sie mir bekannt waren, nicht unbedingt aufgeschrieben. Da gibt es natürlich Grenzbereiche, beispielsweise wenn ein kindlicher Brief auch zeigt, wie labil jemand war. Auf der anderen Seite habe ich mir aber auch gedacht, ich tue ja niemandem direkt weh, denn diese Menschen leben alle nicht mehr. Meine Familie hat mich aber auch sehr unterstützt, war sogar dankbar, dass ich viele Fragen aufgearbeitet habe. Von daher hoffe ich natürlich, dass ich alles einigermaßen richtig abbilde. 

Sie halten sich mit direkten Wertungen auffällig zurück. 

Tobi Dahmen:  Natürlich habe ich meine eigene Meinung, aber ich wollte die Protagonisten lieber selbst für sich sprechen lassen, so gut es geht. Wenn sich dann eine Diskrepanz aufgetan hat oder eine Naivität durchschimmert, dann habe ich das mit dem, was beispielsweise an der Ostfront wirklich passiert ist, konterkariert. Aber ich habe auch dieses deutsche Mantra „Wir haben es ja nicht gewusst“ bewusst hinterfragt, indem ich gezeigt habe, was da parallel auf den Straßen passiert ist. So gab es Zwangsarbeiter, die die Ruinen in Düsseldorf räumen mussten und nicht in den Luftschutzkeller durften. Jeder konnte ja sehen, in welchem körperlichen Zustand die waren. Das müssen die Leute ja alles gesehen haben. Die Außenlager waren teilweise in den Städten. Und wenn man in Düsseldorf sieht, wie da bei den Pogromen gewütet worden ist, das konnte keinem verborgen geblieben sein.

Interessant ist Ihre Darstellung dieser stark gläubigen, katholischen Familie und wie sie sich in dieser Zeit verhalten hat.​ Ihr Großvater hat sich geweigert, das Haus während der Bombenangriffe zu verlassen und hatte da sein Gottvertrauen. Wie sehen Sie diese Charaktere? Einerseits Mitläufer, die sich aber andererseits auch ihren Glauben flüchten? Ist das korrekt dargestellt?

Tobi Dahmen: Der Glaube war extrem wichtig, er war die absolute Richtlinie vor allem anderen. Ich glaube, das war auch der Grund, warum mein Großvater nichts mit dem System zu tun haben wollte, weil er damit quasi auch die Haltung der katholischen Kirche übernommen hat. Die war sein Befehlsgeber, wenn man es militärisch sehen will.​ Er hat sehr viel Energie aufgebracht, um aufzubewahren, wie er gedacht hat. Es gibt seitenweise Hefte, da bekommt man als Leser einen Einblick in die Generation davor und auch in die Generation davor, denn er hatte auch aufgeschrieben, was sein Vater und sein Großvater gemacht haben. Das ist natürlich sehr interessant. Er war so gesehen ein typischer Vertreter des deutschen Katholizismus dieser Zeit.​ Einerseits schon Nationalist, aber auch jemand, der mit den Nazis nichts zu tun haben wollte.

Ein Patriot.

Tobi Dahmen: Genau, denn er hatte auch im Ersten Weltkrieg gekämpft. Wie viele Männer seiner Generation wollte er sich natürlich nicht eingestehen, dass auch das im Nachhinein unsinnig gewesen ist. Damit muss man ja auch erst einmal umgehen können: Man hat die Leute neben sich sterben sehen und muss dann akzeptieren, dass das alles ein einziger Wahnsinn gewesen ist. Auch das gehört dazu und ich habe versucht, ein realistisches Bild zu zeigen. Einerseits Rheinländer, andererseits aber auch mit einer extrem kurzen Zündschnur, wenn ihm irgendetwas gegen den Strich ging. Und dann eben der Glaube, der quasi alles bestimmt hat.​

Ich fand in Ihrem Buch vor allem die Frontgeschichten Ihrer Onkel sehr interessant. So ein bisschen ist der Ost-Feldzug in der Aufarbeitung ein blinder Fleck, denn wie es wirklich vor Ort aussah, wissen viele nicht. Das haben Sie sehr plastisch dargestellt. Auch im Hinblick darauf, was Sie gerade über den Ersten Weltkrieg und diese Sinnlosigkeit des Massensterbens dort gesagt haben.

Tobi Dahmen: Da musste ich aber viel recherchieren, denn die Briefinhalte hätten nicht gereicht. Ich habe dafür auch die Studie des Historikers Christian Hartmann genutzt, der mehrere Divisionen genauer untersucht hat. Mein großes Glück war, dass eine dieser Einheiten die Einheit meines Onkels Eberhard war.​ Dadurch konnte ich sehr detailliert dem Verlauf folgen und beschreiben wie die Truppe zusammengesetzt war. Das waren sehr junge Männer, die zum Großteil aus Bayern kamen. Deshalb habe ich den einen Soldaten im Buch dann auch bayerisch sprechen lassen. Das sind alles so kleine Informationen, die ich dann noch einfließen lassen konnte.​

Es gibt auch in Ihrer Familiengeschichte immer wieder kleine Details, die Sie einstreuen, wie etwa die Szene, in der dann plötzlich das Bild im Flur fehlt.

Tobi Dahmen: Das wurde verpackt und hoffentlich in Sicherheit gebracht. Aber es gibt dann eben auch Vasen und Obstschalen, die immer noch bei meiner Mutter zu Hause stehen. Das fand ich natürlich reizvoll. Bevor ich mir jetzt irgendwas raussuche, um diese Zeit abzubilden, ist es natürlich viel schöner, wenn das auch belegt ist.​

Das macht doch für einen Comiczeichner am meisten Spaß, kann ich mir vorstellen. Wenn man Details dann irgendwie aus der Realität pflückt.​

Tobi Dahmen: Und es macht alles noch authentischer, also genauso wie die Dokumente.​

Um einmal auf Ihren Zeichenstil zu kommen: Mir ist aufgefallen, dass Sie meist stilisierte Gesichter für die Person wählen, aber zwischendurch werden die Darstellungen der Personen auch mal fotorealistisch. Wie haben Sie entschieden, welchen Stil Sie für welche Bilder nehmen möchten?​

Tobi Dahmen: Es ist wichtig, dass sich die Leser mit den Protagonisten identifizieren können. Deshalb wollte ich sie nicht zu detailliert zeichnen, damit sie quasi als Projektionsfläche dienen. Das kennt man von Hergé, dem Schöpfer von Tim und Struppi: nur Punkt, Punkt, Komma, Strich, die „Ligne Claire“. Damit wollte ich natürlich eine Brücke schlagen zwischen den stilisierten Figuren, den „Karikaturen“, wenn man es so nennen möchte, und den Menschen auf den Fotos. Ich springe ab und zu hin und her, damit der Leser sieht, dass es sich um reale Personen handelt und um keine ausgedachte Geschichte.​

Sehr bewegend ist die von Ihnen schon angedeutete Geschichte des Ziehvaters Ihres Vaters, der dann von den Nazis kurz vor Kriegsende noch zum Tode verurteil und hingerichtet wurde.

Tobi Dahmen: Mein Großvater kannte Ewald Huth aus seiner Studentenverbindung und hatte weiterhin guten Kontakt zu ihm. Den hat er genutzt, um meinen Vater aus Düsseldorf, das bombardiert wurde, an einen sichereren Ort zu bringen. Mein Vater sollte in keiner offiziellen Kinderlandverschickung landen, da dort natürlich die Nazi-Ideologie vermittelt wurde und, das ist noch entscheidender, keine Gottesdienste besucht werden konnten. Das war ihm sehr wichtig und deshalb hat er ihn dann zunächst in Westerwald und dann später in den Schwarzwald gebracht. Und da war er eben bei dieser Organisten-Familie Huth, die sehr beliebt war in Villingen. Sein „Ziehvater“ Ewald war wirklich ein bemerkenswerter Mann. Seine letzten Worte sind auch belegt in einem letzten Brief an die Familie. Für mich war es ein unglaubliches Geschenk, dass ich mit seiner Tochter, die das alles miterlebt hat, sprechen konnte. Sie lebt noch, ich durfte sie besuchen, sodass sie mir sehr viel erzählt hat. Herr Huth hat in Villingen nun auch seinen Stolperstein bekommen, was mich sehr freut.

„Columbusstraße“ soll eine Fortsetzung bekommen?

Tobi Dahmen: Ja, denn die Nachkriegszeit ist auch extrem wichtig und hatte einen großen Effekt auf meine Familie, vor allen Dingen auf die Familie meiner Mutter, die in Ostdeutschland aufgewachsen ist.

Zum Schluss eine Frage zu Ihrem Hintergrund. Wie sind Sie dazu gekommen, Graphic Novels und Comics zu schreiben?

Tobi Dahmen: Zunächst als Leser. Ich habe es immer wahnsinnig genossen, Comics zu lesen. In der Schule ging es dann los, dass ich meine ersten Schritte im Zeichnen gemacht habe, meine eigene Sprache gefunden habe, meinen eigenen Humor. Vorher wurde ich eher ein wenig runtergebuttert, wie das in der Schule häufig so ist, aber durch die Zeichnungen habe ich dann eine Möglichkeit gehabt, den Leuten zu zeigen, dass ich auch ein bisschen Humor habe (lacht).

Sie haben diesen Humor dadurch kanalisieren können?

Tobi Dahmen: Das ist das richtige Wort. Ich hatte dadurch ein Sprachrohr und die Mitschüler haben natürlich auch davon profitiert. Sie haben alles mitgenommen, was sie irgendwie vom Schulalltag abgelenkt hat (lacht). Insofern hatte ich damit auch schnell einen gewissen Erfolg.​ Nach der Schule ging es dann automatisch weiter, ich habe die Fachhochschule für visuelle Kommunikation besucht und dort im Grunde auch nichts anderes genutzt als die Bildsprache. Da hat man schnell seine Pappenheimer gefunden, mit denen man gerne zusammengearbeitet hat. Ich habe dann die ersten Fanzines gemacht und irgendwann wollte ich auch mal längere Geschichten erzählen. Das war dann der „Fahrradmod“, der auf meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen fußte. Und nun „Columbusstraße“.

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