13.09.2021 Sänger und Gitarrist von Brenner

Martin Goldenbaum: "Der Schlager ist offen für alle Stilrichtungen"

Von Felix Förster
Hat auch als Rocker keine Berührungsängste mit den klassischen deutschen Schlager-Hits: Martin Goldenbaum von Brenner.
Hat auch als Rocker keine Berührungsängste mit den klassischen deutschen Schlager-Hits: Martin Goldenbaum von Brenner. Fotoquelle: Moritz Mumpi Künster

Die Band Brenner hat sich mit ihrem neuen Album "Rockschlager" an die Neuinterpretation unterschiedlicher Schlager gewagt. Ein Ansatz, der nicht neu ist, von der Band aber konsequent umgesetzt wird. prisma hat mit Sänger und Gitarrist Martin Goldenbaum über seine Liebe zum deutschen Schlager und seine Erinnerungen an die Wende gesprochen sowie die Frage geklärt, ob die Ramones nicht vielleicht auch ein bisschen Schlager sind.

Sie wurden mit Brenner schon einmal als "älteste Newcomer-Band" bezeichnet. Erzählen Sie doch einmal kurz, wie es zu diesem Begriff kam.

Martin Goldenbaum: Das schrieb mal eine Zeitung über uns. Seitdem werden wir den Begriff nicht mehr los (lacht). Was natürlich ok für uns ist. Es ist ja glücklicherweise kein Qualitätsmerkmal. Und so ein Begriff ist ja auch nur kurzfristig.

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Sie haben mit "Rockschlager" ein reines Cover-Album aufgenommen, auf dem Sie die unterschiedlichsten Schlager in neuem, rockigem Gewand präsentieren. Wie kamen Sie auf die Idee?

Martin Goldenbaum: Das war nach der ARD-Show "Alle singen Kaiser", in der wir "Die Gefühle sind frei" gemeinsam mit Florian Silbereisen gesungen haben. Das war ein so tolles Erlebnis, dass wir im Anschluss der Show noch im Bandbus beschlossen, den Song und weitere alte Schlager mit ins Programm zu nehmen. Dann wollten wir nur ein paar Songs im Studio aufnehmen und rannten damit bei Electrola in München offene Türen ein. Das Label beschloss, zusammen mit unseren Partnern ein komplettes Album zu produzieren. Das taten wir dann im Studio, gemeinsam mit Produzent Hardy Krech und seinem Team von Elephant-Music (Santiago, Kelly Family, Beyond The Black) in Flensburg.

Die Idee, Schlager zu interpretieren, ist nicht neu. Was ist an Ihrem Ansatz das Besondere?

Martin Goldenbaum: Das Besondere an Rockschlager ist, dass die Songs nicht nur gecovert wurden, sondern mit Bedacht und sehr respektvoll neu interpretiert wurden. Wir wollten diese Songs zu unseren eigenen Liedern machen. "Dann geh doch" beispielsweise, wurde von Howard Carpendale als Ballade gesungen. Doch der Text gibt so viel mehr her, dass er auch als Rocknummer funktioniert. Wir haben also viele Songs umarrangiert und geschaut, was musikalisch möglich ist. Andersherum haben wir Juliane Werdings „Conny Kramer“ als Ballade umgesetzt. Wir hatten sogar die Ehre, mit Textschreiber Frank Ramond (Roger Cicero, Udo Lindenberg) zusammenzuarbeiten und haben mit ihm "Für immer jung" umgesetzt. Das Original ist "Forever Young" von Alphaville und eine unserer absoluten Lieblingsnummern.

Welche Verbindung haben Sie persönlich zum Schlager?

Martin Goldenbaum: Ich bin mit Schlagern groß geworden. Zwischen Elvis, den Beatles, den Ramones, Tom Petty und Die Ärzte lagen auch die Kassetten meiner Eltern. Ich konnte die Lieder von Michael Holm, Katja Ebstein, Juliane Werding, Vicky Leandros und allen anderen, die auf unserem Album vertreten sind, schon als Kind mitsingen. Ich war sogar einmal verliebt in Alexandra, deren Lieder ich noch heute wundervoll finde. Als Teenager hatte ich eine Punkband, mit der wir auch "Tränen lügen nicht" und den Puhdys-Song "Wenn ein Mensch lebt" coverten. Conny Francis’ "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" ist auf einem meiner Soloalben "Optimist" von 2014 vertreten. Schlager spielte zwischen Punk und Rock immer eine Rolle.

Bei der Platte fällt auf, dass die Songs eine große Bandbreite abdecken: Roland Kaiser, Howard Carpendale, Vicky Leandros und Michael Holm stehen für den klassischen Schlager, die Puhdys und Wolfgang Petry sind eher Deutsch-Rock, Juliane Werding und Katja Ebstein Singer-Songwriter, Alphaville Elektro-Pop beziehungsweise New Wave, "Amsterdam" von Cora passt an den Ballermann. Was hat es damit auf sich, dass Sie den Begriff "Schlager" so weit fassen?

Martin Goldenbaum: Weil Schlager als Genre so breit aufgestellt ist. Schlager hat sich immer aus verschiedenen Stilrichtungen bedient. Es sind nicht nur die modernen poppigen Après-Ski- und Ballermann-Hits. Es sind auch die alten, fast vergessenen Lieder von Künstlern wie zum Beispiel Zarah Leander oder Alexandra. Es sind auch Songs wie „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens oder "Dann geh doch" von Howard Carpendale und Daliah Lavis "Willst du mit mir geh'n", die auch auf unserem Album sind. Der Begriff Schlager wird von vielen "Genre-Fremden" oft belächelt und abgelehnt. Schaut man wiederum nach Frankreich, lieben alle Chansons. Natürlich zu Recht. Wenn man so will, wäre "Baby I Love You" von den Ramones auch ein Schlager, und die Originalinterpretinnen The Ronettes werden in der Sparte Rock kategorisiert. Was ja auch nicht unbedingt so passt. Es ist am Ende immer nur Musik. Der Titel Schlagerrock provoziert natürlich auch ein bisschen und lädt zu Kritik ein, aber letztendlich nennen wir das Kind beim Namen und es ist, was es ist: Schlagerrock. Alphavilles "Forever Young", den ich auf dem Album auf deutsch gesungen habe, fällt da vielleicht ein bisschen raus. Obwohl es auch dank Karel Gotts Version eine Parallele zum Schlager gibt. "Für immer jung" musste unbedingt mit aufs Album. Wir hatten dafür extra mit dem großartigen Texteschreiber Frank Ramond zusammengearbeitet und sind so glücklich über diese Nummer.

Haben Sie einige der Künstler, die Sie covern, schon selbst einmal getroffen?

Martin Goldenbaum: Ja, wir haben Roland Kaiser kennengelernt, als wir in der Silbereisen-Show „Alle singen Kaiser“ gemeinsam mit Florian den Song "Die Gefühle sind frei" gesungen hatten. Das war eine tolle Begegnung. Katja Ebstein durfte ich einmal kennenlernen, sie war Jurorin, als ich 2013 beim Troubadour "Chanson und Liedwettbewerb" in Stuttgart einen Musikpreis gewann. Tolle Frau, und sie hat auch so viele wunderbare Lieder geschrieben. Wir haben mit Brenner Katja Ebsteins "Wunder gibt es immer wieder", mit dem sie übrigens 1970 beim ESC antrat, auf unser Album gebracht. Aber nicht direkt wegen des Songpreises. Da gibt es eine andere Verbindung. Als meine Schwestern, meine Eltern und ich nach der Wende – ich bin ja Mecklenburger – zum ersten Mal mit unserem neu erworbenen Opel Kadett über die frisch geöffnete Grenze fuhren, lief gerade „Wunder gibt es immer wieder“ auf der Kassette. Ich habe den Moment in meinem Gedächtnis eingefroren, wie sich meine Eltern ansahen und strahlend zunickten, als der Refrain erklang. Das ist für mich eine sehr schöne Erinnerung. Deshalb musste dieser Song mit auf unser Album. Das wollte ich Katja Ebstein damals eigentlich erzählen, aber als es mir einfiel, war sie schon weg.

Mit Dieter "Maschine" Birr von den Puhdys, mit dem Sie den Song "Wenn ein Mensch lebt" gemeinsam aufgenommen haben, verbindet Sie Ihr ostdeutscher Hintergrund. Was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?

Martin Goldenbaum: Die Puhdys sind ja praktisch die Rockhelden des Ostens. Als Kind konnte ich schon "Alt wie ein Baum" auf der Gitarre spielen und später als Teenager spielten wir "Wenn ein Mensch lebt". Als wir erfuhren, dass "Maschine" unsere Version des Songs so abfeiert und er gerne ein Duett mit mir singen möchte, waren wir mächtig stolz. Dieter "Maschine" Birr singt auf unserer Platte. Ein Ritterschlag!

Die Songs erscheinen im neuen Gewand wie gut gemachte Rocksongs. Man spürt überhaupt nicht, dass es sich dabei um Schlager handelt. Besonders auffällig fand ich dies beim Vicky Leandros Klassiker "Ich liebe das Leben". Was sagt das eigentlich über dieses immer noch häufig ein wenig despektierlich behandelte Genre aus?

Martin Goldenbaum: Danke, das freut uns. Bei diesem Song wurden wir von den Bläsern der Busters begleitet. Eine tolle Ska-Band, die ich schon als 18-Jähriger gefeiert habe. Aber ja, musikalisch strahlt Schlager ziemlich facettenreich. Wir sind ja eine Rockband, die Schlager neu interpretiert. Es sagt aus, dass Schlager sehr offen für sämtliche Stilrichtungen ist. In den Musiksendungen ist dies ganz deutlich zu sehen. Auch beim Publikum: Schlager ist bunt, offen, es treten, wie in "Der großen Schlagerstrandparty" zu sehen war (eine Sendung in der ARD, Anmerkung der Redaktion), Stars wie Die Prinzen, Annett Louisan, Sarah und Ben Zucker, Jürgen Drews, Thomas Anders, Andrea Berg, Lou Bega, voXXclub und Brenner auf. Es zeigt einfach, dass es auch ein musikalisches Interesse gibt, das Genre in seiner Vielseitigkeit zu präsentieren und aus den verstaubten Vorurteilen, Schlager sei ausschließlich stumpfe Bierzelt- und Volksmusik, immer weiter neu zu gestalten.

Der Schlager-Boom mit Cover-Alben und einem eher lustigen Ansatz à la Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn liegt nun schon einige Jahre zurück. Was halten Sie von diesem Ansatz, der ja so ganz anders ist als Ihrer?

Martin Goldenbaum: Ich mag beide, kenne aber leider viel zu wenige Songs. Aber das Schöne an Musik ist, dass sie so vielseitig ist, und wenn man sich als Hörer öffnet, ist für alles und jeden Platz. Als Künstler kannst du in ein Ego schlüpfen und dich darin total ausleben. Ich liebe es, wenn Menschen ihre Macken pflegen, sodass man sie karikieren könnte und wenn drumherum ein Spektakel oder Theater entsteht, das Spaß und Leidenschaft zeigt. Das ist teilweise sehr harte Arbeit, und wenn man erfolgreich damit ist, muss man auch noch sein Alter Ego fortführen, obwohl man sich eventuell künstlerisch in andere Richtungen entwickelt. Das schafft über Jahre hinweg nicht jeder.

Die Songs des Albums passen zum Mitsingen auf Partys, funktionieren aber auch auf einer anderen Ebene, besonders wenn man sich die teilweise sehr tiefgründigen Texte ansieht. Waren Sie selbst überrascht davon?

Martin Goldenbaum: Überrascht nicht. Wir hatten ja die Songs schon im Kindesalter kennengelernt, kannten die Texte und haben sie für unser Album mit Bedacht gewählt. Wir wollten nicht einfach nur stumpf Schlager-Hits covern. Sondern wir wollten sie respektvoll zu unseren eigenen Liedern machen, im Brenner-Stil, und natürlich das Schönste aus den Arrangements herausholen. Es steckt sehr viel Liebe und Fleiß in dem Album, was auch unserem Produzenten-Team um Hardy Krech und Matze Roska zu verdanken ist. Der Party-Effekt kam eher beiläufig, da ja schon alles Hits waren, die jeder mitsingen kann. Selbst bei den tiefgründigen Songs wie "Willst du mit mir geh'n" oder "Conny Kramer".

Die klassischen Schlager der 70er und 80er Jahre werden häufig gecovert und – mit neuen Dancebeats versehen – neu veröffentlicht. Wird das diesen Songs gerecht?

Martin Goldenbaum: Es ist ja alles eine Frage des Geschmacks. Wir würden die Songs als Band natürlich klassisch mit Bass, Schlagzeug und Gitarren arrangieren. Wenn es nicht ausreicht, kommen auch Streicher hinzu oder wie bei "Willst du mit mir geh'n" ein komplettes Orchester. Dancebeats oder echte Drums? Wenn es songdienlich ist und Spaß macht, warum nicht. Jeder macht das, was er liebt.

Sie sind schon mit Florian Silbereisen aufgetreten, waren aber auch in Wacken, haben Kontakt zu The Boss Hoss. Das spricht dafür, dass Sie keinerlei Berührungsängste haben. Woher kommt diese Offenheit?

Martin Goldenbaum: Eben, Offenheit ist da schon das Zauberwort. Ich glaube, man wird unbeweglich, wenn man sich in einer Spießigkeit oder Starre, die es in allen Genres gibt, wiederfindet. Aber wir sind ja auch nur Menschen und auch sehr abhängig von unserer Prägung oder Einstellung, und es spielen so viele Faktoren eine Rolle, wie man sich entwickelt. Vielleicht habe ich da einfach Glück gehabt. Meine Mutter hat mir als Kind immer gesagt: „Du bist ein Glückskind“. Vielleicht habe ich sie unterbewusst beim Wort genommen. Glücklicherweise sind wir bei Brenner alle offen und frei von Scheuklappen. Obwohl wir trotz allem sehr verschieden sind. Vielleicht sind wir uns auch nur deshalb irgendwann mal über dem Weg gelaufen.

Wann können Ihre Fans neues, eigenes Material von Brenner erwarten?

Martin Goldenbaum: Wir haben ja gerade unser neues Album veröffentlicht. Es wird sich zeigen, wann wir die nächste Scheibe aufnehmen. Zumindest schreibe ich schon an weiteren eigenen Songs für Brenner. Jetzt hoffen wir erst einmal, dass unsere Rockschlager ihren Weg finden.

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