04.09.2024 Neue TerraXplore-Reihe

Psychologe Leon Windscheid: „Toxische Männlichkeit schadet auch Männern“

Von Danina Esau

In einer neuen TerraXplore-Reihe beschäftigt sich TV-Psychologe Leon Windscheid mit dem Thema toxische Männlichkeit. Jetzt denken viele wahrscheinlich: Oh nein, schon wieder so ein Männerhasser-Format. Darum geht ihm aber nicht. 

Männlichkeit wird vermehrt negativ gesehen. Gehst du da mit?

Leon Windscheid: Auf keinen Fall. Ich finde es toll, dass es Männlichkeit gibt. Das ist nicht nur auf die Männer beschränkt, es gibt ja auch Frauen, die das zeigen, was wir als typisch männlich bezeichnen würden. Es ist ja nicht alles schlecht an dem typisch männlichen Verhalten, die Gesellschaft braucht es genauso wie Weiblichkeit.

Trotzdem muss sich in Sachen Gleichberechtigung noch einiges tun. Warum sind wir immer noch nicht so progressiv, wie wir oft denken?

Leon Windscheid: Dass Eva aus der Rippe von Adam geformt wurde und daher das schwächere Geschlecht sein soll, ist eine Denkweise mit einer langen Geschichte. Es dauert, diese alten Bilder aufzubrechen. Es ist ein bisschen so wie bei der Klimakatastrophe: Wir merken langsam, dass unser Lebensmodell, basierend auf Konsum, Verbrennermotoren und Kohlekraftwerken, die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Sich das einzugestehen, kann weh tun, Veränderungen fallen dem Menschen schwer. Das ist beim Thema Geschlechterrollen nicht anders. Außerdem sprechen wir viel zu wenig über die Vorteile, die uns ein progressiveres Verständnis von Geschlechterrollen bringen würden. Stattdessen geht es um gendergerechte Sprache und sperrigen Frauenquoten, die von irgendwelchen Prozentwerten abhängen.

Männer sterben früher und leben generell ungesünder. Ist das biologisch bedingt oder liegt‘s am Lebensstil?

Leon Windscheid: Nicht nur das: Viel mehr Männer sitzen in Gefängnissen, viel mehr Männer haben Suchterkrankungen und von vier Menschen, die sich das Leben nehmen, sind drei Männer. Sie machen mehr Verkehrsunfälle und sterben im Durchschnitt fünf Jahre eher als Frauen. Wenn es eine Krankheit gäbe, bei der die Hälfte der Menschheit fünf Jahre früher sterben würden, wäre die Hölle los. Doch bei Männern nehmen wir das einfach hin. Zu dem Thema gibt es eine spannende Studie: Wenn man Nonnen und Mönche, die im Kloster einen ähnlichen Lebensstil führen, miteinander vergleicht, wird dieser Unterschied in der Lebenserwartung sehr viel kleiner – Männer und Frauen werden quasi gleich alt. Es kann also nicht an der Biologie des Mannseins liegen, es scheint etwas damit zu tun zu haben, wie wir leben. Dieses toxische Männlichkeitsbild schadet in erster Linie den Frauen und den Nicht-Männern auf diesem Planeten, aber es schadet auch uns Männern.

Aber warum halten gerade Männer an ihrer Männlichkeit so fest, auch wenn sie wissen, dass sie schädlich ist?

Leon Winscheid: In der Psychologie sprechen wir von Flexibilität, also der Fähigkeit, Gedanken und Verhaltensweisen bewusst an die Umstände anzupassen. Viele sind mit ihrem Verhalten erfolgreich, haben schon immer so ihr Team geführt und so eine super Firma aufgebaut, schon immer so die Beziehung zu ihren Eltern oder zur Partnerin gepflegt. Kommt dann etwas Neues, versuchen sie, diese Muster in der Situation anzuwenden. Es ist wahnsinnig schwer, alte Muster abzulegen, vor allem, wenn sie augenscheinlich funktioniert haben.

Welche Vorteile hätte eine gleichberechtigtere Welt?

Leon Windscheid: Das geht los bei besserer Gesundheit bis hin zu besseren Beziehungen zu sich selber, aber auch zu anderen. Es geht mir gar nicht darum, ein neues Bild von Männlichkeit zu erschaffen. Aber wir sollten weiter fassen, was als männlich gilt. Jemand, der an seinem Webergrill Fleisch essen möchte, am liebsten Bier trinkt und einen hart trainierten Bizeps hat, ist für mich genauso ein Mann, wie jemand, der vegan lebt und sich die Fingernägel lackiert. Von dieser Offenheit profitieren wir alle.

Männer sollen stark und souverän sein, gleichzeitig aber auch ihre „weibliche“ Seite zeigen. Sind sie damit überfordert?

Leon Windscheid: Ja, total. Viele Männer befinden sich zurzeit in einer doppelten Anspruchshaltung. Einerseits herrscht immer noch das klassische Bild des starken, mächtigen Mannes vor – übrigens auch bei Frauen. Gleichzeitig sollen Männer jetzt auch über ihre Gefühle reden, Care-Arbeit erledigen, nicht nur der Brotverdiener sein, sondern auch Vater, Ehemann und Co. Diesen Ansprüchen gerecht zu werden, fällt vielen schwer. Dabei geht es gar nicht darum, allem gerecht zu werden. Stattdessen können Männer ihre Rolle neu erfinden. Auch ich bin ein heterosexueller Cis-Mann. Ich mag viele Aspekte meiner Männlichkeit, dass ich einen Bart habe zum Beispiel oder ein breites Kreuz. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich mich bei dem, was als weiblich gilt, bedienen kann. Vor allem in Sachen Beziehungen und Emotionen kann ich viel lernen. Ich erweitere meinen Horizont als Mann, für mich ist es das Beste aus beiden Welten.

Die drei Folgen der Reihe „Toxische Männlichkeit“ gibt es am Sonntag, 8. und 15. September sowie 6. Oktober um 18.30 Uhr im ZDF.