Ein opulenter Bildband blickt auf 72 Jahre Bochumer Verein zurück – in 263 wunderbaren Fotografien.

Es gibt Momente, wenn man in einer dieser obszön großen Architekturen sitzt, da vergisst man, dass dies einmal Industriebauten waren. In der Zeche Zollverein etwa, im Landschaftspark Duisburg-Nord – oder in der Jahrhunderthalle in Bochum. Wenn hier Theater gespielt, Klassik aufgeführt oder Kunst gezeigt wird, bekommen diese Orte ein zweites Leben eingehaucht, eine neue Aura, die vergessen macht, dass hier noch vor Jahren oder Jahrzehnten das stattfand, was manche im Rückblick – vielleicht mit ein wenig Romantik im Anklang – Maloche nennen.

Bleiben wir bei der Jahrhunderthalle. Erbaut 1902 vom Bochumer Verein für die Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung und anschließend genutzt als Gaskraftzentrale ist sie heute eines der beeindruckendsten Industriedenkmale des Ruhrgebiets. Doch noch etwas zeichnet diesen Bochumer Verein, einen Bergbaukonzern, zu dem mehrere Stahlwerke und Zechen gehörten und der 1956 schließlich mit einem Krupp-Unternehmen fusionierte, aus: Aus seiner Geschichte ist mit rund 125.000 Aufnahmen eine der quantitativ, aber auch qualitativ bedeutendsten Sammlungen von Industriefotografie überliefert worden.

Lebensraum Ruhrgebiet

Ralf Stremmel, Historiker und Privatdozent an der Bochumer Ruhr-Universität, hat aus diesem Fundus nun ein Buch gemacht – und wenn man sich den Begriff mit entsprechend lobendem Unterton denkt, ist es im besten Sinne ein Bilderbuch. Zwar erfährt man als Leser in verschiedenen, profund aufbereiteten Kapiteln auch durch Texte etwas über die Geschichte dieses Bochumer Vereins, über die Arbeiter und die sozialen Strukturen, über den Lebensraum Ruhrgebiet und die Produktion in den Betrieben, doch die deutlicheren Spuren beim Leser hinterlassen die Fotografien – 263 an der Zahl.

In ihnen nämlich wird nicht nur die Zeit wieder lebendig, in der das Ruhrgebiet zum Mythos wurde, werden nicht nur die Fabriken und Hütten, die Zechen und Stahlwerke wieder aktiv, die heute zu einem größeren Teil geschlossen sind, vor allem vermitteln diese Bilder durch die Menschen auch etwas von der Atmosphäre, die zwischen 1854 und 1926 zwischen Fördertürmen und Schloten, Gasometern und Turbinenhallen durch Bochum waberte.

Stolz, Zusammenhalt und Humor

Es sind Bilder voller Poesie, die aber in keinem Moment vergessen lassen, dass es hier um harte Arbeit geht, eben um: Maloche. "Vom Tagelöhner bis zum Generaldirektor" bekommen da die verschiedensten Charaktere noch einmal ihren Auftritt, teils in Porträts, teils in Szenerien, manchmal inszeniert, manchmal als Schnappschuss.

Und noch eine weitere Leistung vollbringt dieses handwerklich hervorragend produzierte Buch: Es leistet einen Beitrag zur Stilgeschichte der Architektur- und der Industriefotografie. Anhand der 263 ausgewählten Arbeiten wird deutlich, welche Themen die jeweiligen Fotografen wählten, aus welchen Blickwinkeln und mit welchen Stilmitteln sie die Szenen, Objekte und Menschen inszenierten, und das Buch macht so auch deutlich, wie Bochum, wie das Ruhrgebiet jener Zeit in Erinnerung bleiben will. Es ist ein Buch voller Stolz, Zusammenhalt und durchaus auch voller Humor.