Seen und Fische, Pubs und verschwundene Burgen: Irland ist auch vom Boot aus ein Erlebnis.

Sionnan galt als Göttin der Schönheit und der Liebe. Als Enkelin des Meeresgottes konnte sie es sich erlauben, ausgelassen umherzutollen und den irischen Fischern, Jägern und Bauern manchen Schabernack zu spielen. Aber einmal ging Sionnan (sprich: Shannon) zu weit: Sie trank aus der Quelle des großen Stroms, verschluckte sich ganz erbärmlich und wurde hilflos von den Fluten hinaus ins Meer getrieben.

Immerhin, zur Erinnerung an das hübsche Girl aus grauester Vorzeit trägt das Gewässer ihren Namen: Shannon. Der 370 Kilometer lange Strom, der westlich von Limerick in den Atlantik mündet, ist auf 250 Kilometern schiffbar und dank seiner gemütlichen Strömungsverhältnisse eine Einladung an alle Freizeitkapitäne ohne Kapitänspatent.

Der König von Connaught

Was die Holländer aus wenigen Flüssen und ganz vielen Kanälen geschaffen haben, ein Paradies für Wasserwanderer, das ist auf Europas grüner Insel dem (oder der?) Shannon ganz allein gelungen. Wer hier einen Kabinenkreuzer bucht und sich auf große Flusskreuzfahrt begibt, dem eröffnen sich Seen mit unbewohnten Inseln und stille Seitenarme mit fantastischem Fischreichtum.

Die Dörfer am Ufer weisen, so verschlafen sie auch sein mögen, selten weniger als zwei Pubs auf und mindestens einen Tante-Emma-Laden.

Der Shannon senkt sich von 76 Metern Meereshöhe gemächlich auf Null herab. Das heißt, reißend wird der Shannon nie, die Strömung überfordert niemanden.

Ausgangsorte für Bootstouren sind Carrick-on-Shannon im Oberlauf und Banagher im County Offaly. Das einst stolze Banagher ist heute ein Kaff von 1.500 Einwohnern und lässt kaum mehr ahnen, dass Offaly die Heimat des Clans der O'Connors ist, die mit Roderick O'Connor einst den König von Connaught stellten. Lange her.

Die grün umrankte Clothru-Burg

Unsere besondere Empfehlung ist eine Zwei- Seen-Tour auf dem Shannon. Eigentlich durchmisst der Shannon sogar drei Seen, aber den nördlichsten und kleinsten, Lough Allen im mucksmäuschenstillen County Leitrim, lassen wir außen vor.

Lough Ree dagegen ist eine Schönheit, die man erlebt haben muss. Auf der Insel Inis Cloithrinn wurde die legendäre keltische Königin Medb grausamst ermordet. Danach lebte hier ihre Schwester Clothru mit sechs Töchtern auf einer grün umrankten Burg. Man kann diese Burg spüren, sehen oder berühren wird man sie nicht.

Der dritte See heißt Lough Derg ("roter See"). Er bietet eine Vielzahl von kleinen unbewohnten Inseln, die sich vom Kabinenkreuzer aus leicht erobern lassen.

Vor allem bieten sie eine geradezu spirituelle Stille, einen Frieden, wie ihn der Dichter William Butler Yeats zu Beginn des 20. Jahrhundert auf der Seeinsel von Innisfree (im stillen County Leitrim) fand. Aber das ist eine andere Geschichte. Bootsfahrer wollen vielleicht nicht dichten, nicht alle von ihnen: Sie wollen Irland genießen.