Um die weltweiten Klimaziele zu erreichen, müssen sich Autohersteller und Verkehrsteilnehmer gleichermaßen auf gravierende Veränderungen einstellen. Unsere neue Serie "Mit prisma mobil" beleuchtet die vielen Facetten des Wandels auf und neben den Straßen.

Mobilität steht vor einem Umbruch, wie es ihn Jahrzehnte nicht gegeben hat. Die neue prisma-Serie "Mit prisma mobil" geht den Umwälzungen auf den Grund und spricht mit Experten, Betroffenen und Entscheidern über die Herausforderungen der Zukunft. Fakt ist: Die derzeitige Lage ist angespannt. Die Deutsche Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise. Neben dem Imageproblem durch die Dieselskandale und der verzögerten Elektrowende sagen Elektroauto-Hersteller wie Tesla aus den USA oder BAIC in China den deutschen Autobauern den Kampf an. Die Aktien der drei großen deutschen Hersteller BMW, Daimler und Volkswagen verloren seit 2018 deutlich an Wert.

Zwar versuchen sie mit Hochdruck, Elektroflotten aufzubauen, doch so richtig in Fahrt kommt die Produktion hierzulande nicht. Von der politischen Zielmarke, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, ist Deutschland weit entfernt. Laut ADAC waren bis Ende 2019 nur 284.000 E-Fahrzeuge zugelassen worden. 126.000 davon sind Plug-in-Hybride. Die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Fördermittel in Höhe von 600 Millionen Euro seien bis heute nicht ausgeschöpft worden. "Ganz offensichtlich waren die Angebote der Hersteller bisher weder preislich attraktiv noch alltagstauglich genug", so der Verband.  Anders in China: Dort wurden im vergangenen Jahr 1,26 Millionen Elektroautos verkauft, wobei in China und den USA der Markt mittlerweile wieder rückläufig ist.

Wo geht die Reise hin? Bei der ungewissen Marktlage und dem geringen Angebot an Elektromodellen ist es kein Wunder, dass die Deutschen unschlüssig sind: Wie der IT-Verband Bitkom errechnet hat, können sich 47 Prozent einen Kauf vorstellen, 46 Prozent ziehen das aber nicht in Erwägung. Gegen Elektroautos sprechen nach Ansicht der Befragten vor allem die geringe Reichweite (68 Prozent), zu wenige Ladesäulen (67 Prozent) sowie die Unsicherheit, ob man bei Auslandsfahrten die Batterie aufladen kann (64 Prozent).

E-Autos gelten auch als zu teuer (63 Prozent), zudem werden in der Studie zu lange Ladezeiten (56 Prozent) bemängelt. Um die Klimaziele zu erreichen, ist ein Wandel der Mobilitätskonzepte unab - dingbar, sind sich die Experten einig. "Die Frage ist nur, ob wir das gesteuert und geplant und sozial abgesichert machen oder ob wir bis zum Ende warten und erst dann reagieren, wenn der Karren an die Wand gefahren ist", sagt der Verkehrsexperte Professor Dr. Udo Becker von der Technischen Universität Dresden. Dazu müsse eine neue "Verkehrswelt" entstehen: "Zunächst müssen wir investieren, um unsere Städte umzubauen: mehr Radwege, mehr Fahrgemeinschaften, mehr Bus und Bahn. Aber dann werden auch die Läden wieder näher zu den Menschen kommen, die Busse fahren doppelt so oft und sind billiger als heute, weil mehr Menschen den öffentlichen Verkehr nutzen, so Becker.

Wenn die Mobilitätswende gelingt, prognostiziert er klare Vorteile: "Wir werden mobiler sein, aber anders, mit weniger Lärm, Abgas, mit weniger Geld, Unfällen, Zersiedelung und Treibhausschäden.“ Damit Menschen auf das Auto verzichten, müssen die Alternativen attraktiv sein, betont Katrin van Randenborgh, Sprecherin des ADAC, und ergänzt: "Verfügbarkeit, Takt, aber auch der Preis des öffentlichen Verkehrs müssen mit dem Auto konkurrieren können." Verbote und Restriktionen müssen aus Sicht des ADAC unterbleiben, weil – insbesondere auf dem Land – die Alternativen eben nicht oder kaum verfügbar seien.

Erste Anstrengungen gab es bereits: Im Herbst vergangenen Jahres gründete das Bundesverkehrsministerium zusammen mit Ländern und Kommunen ein Bündnis für moderne Mobilität mit dem Ziel, mehr Platz für umweltfreundliche Verkehrsmittel zu schaffen. Dazu gehört auch der schnelle Ausbau des Radverkehrs, wie er im Klimapaket der Bundesregierung vereinbart wurde. Der Fahrradclub ADFC zeigte sich erfreut: "Nicht nur nimmt sich die Regierung vor, den Radverkehr mindestens zu verdreifachen. Sie gesteht auch ein, dass die bisherigen, eher kosmetischen Methoden der Radverkehrsförderung zu kurz greifen. Ab 2020 soll für den Radverkehr richtig ambitioniert und qualitätvoll gebaut werden, das ist das Signal an die Städte", sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork.

Und wie sieht‘s bei Elek- troautos aus? Aufgrund neuer Fördermaßnahmen und einem deutlichen Produktionsanstieg erwarten Experten für 2020 ein besonders großes Absatzplus für E-Autos vor allem in Deutschland. Auf der jüngsten Elektronikmesse CES in Las Vegas präsentierte erstmals sogar der Elektronik-Riese Sony eine eigene Elektrostudie: Zwar ist eine Serienfertigung des Vision-S eher unwahrscheinlich, doch will sich Sony offenbar vor allem als Zulieferer ins Gespräch bringen. Was technisch möglich ist, zeigte auch Daimler mit seinem Vision AVTR, der dank der "Bubble Wheels" sogar seitwärts fahren kann. Das chinesische Start-up Byton ist schon weiter: Noch dieses Jahr sollen die ersten Elektromodelle auf den deutschen Markt kommen. Eines steht fest: Die Zukunft hat begonnen.

Der Mobilitätsreport 2020 – Mit prisma mobil

Folge 1: Die Zukunft hat begonnen

Folge 2: Die lang vernachlässigte Alternative