Der Unterricht in Deutschland wird oft als rückständig kritisiert. Doch wie handhaben andere Länder Themen wie Digitalisierung, Medieneinsatz, Schulbeginn und Klassenverbände? prisma hat sich umgeschaut.

Matheaufgaben am Tablet, Lernateliers statt Klassenzimmer und "Coaches", die über interaktive Tafeln wischen. Kein Zweifel – die digitale Revolution erfordert andere, leistungsfähigere Schulen. Überall auf der Welt werden neue pädagogische Modelle erprobt. Die Arte-Dokumentation "Die Schule von morgen" gibt einen Einblick in die Welt dieser innovativen Bildungsmethoden.

Doch was in Deutschland noch visionär klingt, gehört andernorts längst zum Schulalltag. Während beispielsweise in den Niederlanden neue Medien vermehrt im Unterricht genutzt werden, fehlt es hierzulande an den meisten Schulen schon an der Hardware-Ausstattung. Bildungsexperten in Deutschland diskutieren emotional über Digitalisierung im Klassenzimmer, an den niederländischen Steve-Jobs-Schulen hingegen ist das iPad nicht wegzudenken. Das Konzept stützt sich auf personalisiertes Lernen am Tablet, das die Motivation der Schüler stärken soll. Statt in festen Klassenverbänden sitzen sie in Workshops zusammen, gelernt wird gemeinschaftlich vernetzt statt allein zuhause.

Lehrer werden zu "Lernbegleitern"

Felicitas Macgilchrist, Leiterin der Abteilung "Schulbuch als Medium" am Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung –, beobachtet auch in Deutschland eine deutliche Entwicklung hin zum digitalen Lernen. "Die Zeiten, in denen ausschließlich Frontalunterricht abgehalten wurde, sind vorbei", sagt die Professorin für Medienforschung mit dem Schwerpunkt Bildungsmedien an der Georg-August-Universität Göttingen. "Auch Schulen, die keine digitalen Geräte einsetzen, entwickeln eine größere Methodenvielfalt." Allgemein beobachtet die Bildungsexpertin auch in Deutschland eine Entwicklung zu digitalen Projekten. "Inzwischen arbeitet bereits fast jede Schule mit digitalen Projekten und es werden zunehmend mehr", berichtet sie und nennt als Beispiel die Alemannenschule Wutöschingen. Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg gilt als Vorreiter im Bereich digitale Bildung und ist dank finanzieller Unterstützung des Schulträgers technisch sehr gut ausgestattet.

Auch das Umfeld unterscheidet sich von den meisten anderen Schulen: Klassenzimmer sind zugunsten von Lernateliers, Input-Räumen und kooperativen Lernbereichen weitgehend verschwunden, Lehrer wurden zu "Lernbegleitern" und Schüler zu "Lernpartnern". Felicitas Macgilchrist sieht in digitalisiertem Unterricht eine Möglichkeit, Schüler über den Spaß an den technischen Spielereien zum Lernen zu motivieren. Zudem helfe gemeinsames, vernetztes Lernen bei der Problemlösung. Sie sieht aber auch die Gefahr, die das Konzept "always online" im Hinblick auf die spätere Arbeitswelt mit sich bringt: "Wenn es für die Schüler keinen Offline-Raum mehr gibt, bereitet die Schule sie auf ein Arbeitsleben vor, in dem erwartet wird, dass sie immer zur Verfügung stehen." Sie plädiert dafür, Medienkompetenz mehr Raum zu geben: "Wichtig ist, nicht nur mit Medien zu lernen, sondern auch über sie."

Differenzierte Diskussionen wie diese müssen keineswegs in herkömmlichen Klassenzimmern passieren. In vielen Ländern werden die starren Strukturen der Klassenverbände aufgebrochen und an die individuellen Bedürfnisse der Schüler angepasst. In der Integrativen Lernwerkstatt im Wiener Bezirk Brigittenau etwa lernen Kinder verschiedener Altersgruppen gemeinsam. Die mehrfach ausgezeichnete Inklusionsschule, in der ein knappes Drittel aller Schüler Förderbedarf hat, verzichtet auf Noten und Hausaufgaben. Sechsjährige kommen in die "Eingangsklasse", in der sie mindestens drei Jahre lang bleiben.

Ausgeschlafen lernt es sich leichter

Dass die Wiener Schule, wie in vielen europäischen Ländern auch, erst um 8.30 Uhr beginnt, ist für Bildungsexperten ebenfalls ein großer Vorteil. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern wie Spanien, Portugal, Schweden oder Finnland sind deutsche Schüler echte Frühaufsteher. Seit Jahren streiten sich Pädagogen darüber, ob der frühe Schulbeginn in Deutschland den Bedürfnissen der Schüler entspricht. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die meisten Schüler ausgeschlafen deutlich leistungs- und aufnahmefähiger sind. Schlafforscher plädieren schon lange für einen Schulstart frühestens um 8.30 Uhr.

Ein Thema, das in der aktuellen genderpolitischen Diskussion auf dem Vormarsch ist, nennt sich geschlechtsneutrale Pädagogik. In vielen isländischen Vorschulen – passenderweise in dem Land, in dem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen als am weitesten fortgeschritten gilt – soll die Benachteiligung von Mädchen dort angegangen werden, wo sie beginnt: im Kleinkindalter. In diesem besonderen Vorschulmodell gibt es keine typischen Jungen- oder Mädchenspielzeuge. Die Kinder verbringen viel Zeit in der Natur und lernen, sich ihr Spielzeug selbst zu basteln. Dass Deutschland von solchen Ansätzen noch weit entfernt ist, zeigt sich etwa in Lernheften, die jeweils für Jungen oder Mädchen ausgelegt sind. Während die einen Aufgaben mit Pferden lösen, rechnen die anderen mit Autos.

Prinzip offenes Klassenzimmer

Doch nicht nur in puncto Schulbeginn oder Geschlechterneutralität sind skandinavische Länder Vorreiter. In Finnland könnte das Werk eines preisgekrönten Architektenbüros die Schullandschaft revolutionieren. Das moderne Gebäude nahe der finnischen Hauptstadt Helsinki bietet auf rund 10.000 Quadratmetern Platz für 750 Schüler vom Vorschul- bis zum Teenager-Alter. Die 2012 eröffnete "Saunalahti"-Schule in Espoo ist zum Anziehungspunkt des gesamten Stadtteils geworden und bietet den Anwohnern viele Angebote wie die Nutzung der Schulbibliothek. Der Glasbau beherbergt zudem eine Kita, eine Vorschule und einen Jugendklub.

Ein wichtiger Aspekt, den die weiträumige Architektur unterstützt, ist das Prinzip des offenen Klassenzimmers. Glaswände statt Mauern trennen die Räume und betonen so den Workshop-Charakter des Unterrichts. Jeder Raum, ob Flur, Schulhof oder Fensterbank, bietet Platz zum Lernen. Wer für sich sein möchte, nutzt die Ruheräume. Dieser Punkt ist für Felicitas Macgilchrist besonders wichtig: "Eine offene Architektur kann sehr inspirierend sein. Es muss jedoch Rückzugsorte geben, denn jedes Kind lernt unterschiedlich."