Für viele ältere Menschen hat ein Sturz nicht nur körperliche Folgen. Im sechsten Teil der prisma-Serie geht es um die Frage, wie das Risiko reduziert werden kann.

Es bricht nicht nur der Knochen, sondern oft auch das Selbstvertrauen. Wenn ältere Menschen stürzen, ist das Medizinern zufolge ein einschneidendes Lebensereignis. "Ein Sturz im Alter steht sinnbildlich für gestürztes Vertrauen in den eigenen Körper", sagt Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Geriatrie im St. Marien-Hospital Köln. "Dem Menschen wird zum ersten Mal bewusst, dass er nicht mehr wie selbstverständlich die volle Körperkontrolle hat.

Ein Sturz leitet eine Ära ein, in der man von anderen abhängig ist. Das hat großen Einfluss auf die Psyche – mehr, als man sich das als jüngerer Mensch vorstellt." Die gründliche Aufarbeitung des Sturzhergangs und der Umstände sei essentiell, um Risikofaktoren zu erkennen und zu mindern, betont der Experte. "Ein Sturz ist ein ernst zu nehmendes Ereignis, das unbedingt vom Hausarzt abgeklärt werden sollte." Vier bis fünf Millionen Stürze ereignen sich jedes Jahr in Deutschland. Knapp jeder dritte über 65-Jährige stürzt mindestens einmal im Jahr, bei den über 80-Jährigen sind es 40 Prozent. Die häufigsten Folgen: Schürfwunden und Weichteilverletzungen, in fünf Prozent der Fälle auch Knochenbrüche, meist des Oberschenkelhalses oder des Unterarms.

"Die Bettlägerigkeit nach einer schweren Verletzung macht die Patienten noch unselbstständiger. Viele haben auch Angst, erneut zu stürzen, und schränken ihre Aktivitäten ein", sagt Prof. Dr. Schulz. Dies sei jedoch genau die falsche Reaktion. "Es heißt nicht umsonst: Wer rastet, der rostet. Wir empfehlen weiterhin Bewegung in Begleitung oder mit einer Gehhilfe." Dennoch: 60 Prozent der Gestürzten fallen innerhalb eines Jahres erneut.

Ursachen finden

Wichtig bei der Aufarbeitung eines Sturzerlebnisses sei neben der medizinischen und der psychischen Betreuung die Untersuchung der Sturzursache sowie des häuslichen Umfeldes. Dort ereignen sich 80 bis 90 Prozent der Fälle – häufig, weil das eigene Zuhause als vertraut und sicher empfunden wird. Ganz entscheidend ist das richtige Schuhwerk: "In den allermeisten Fällen hatten die Gestürzten gar keine Schuhe an", erklärt der Kölner Mediziner. Auch die klassischen Pantoffeln bergen ein erhöhtes Sturzrisiko. "Am besten trägt man auch zuhause feste Turnschuhe, idealerweise mit Klettverschluss."

Die meisten Stürze ereignen sich indes nachts beim Gang zur Toilette. "Hier erfahren wir im Nachhinein häufig, dass Patienten das Licht nicht angemacht oder ihre Gehhilfe nicht benutzt haben. Auch wenn man meint, man kenne seine Wohnung im Schlaf: Die Statistik zeigt, dass viele Stürze vermeidbar sind", so Schulz. Eine gute Beleuchtung, festes Schuhwerk, Haltegriffe an markanten Stellen, das Beseitigen von Stolperfallen wie Teppichen oder höheren Kanten, das Nutzen von Gehhilfen auch bei kurzen Wegen, die regelmäßige Überprüfung der Sehhilfe – all diese Tipps sind leicht umsetzbar und können helfen, das Sturzrisiko zu minimieren.

Vorbeugen durch Kontrollen

Auch körperliche Faktoren spielen bei Stürzen im Alter eine große Rolle. Wenn die Muskelmasse schwindet, werden Stand und Gang unsicherer. Frauen sind hier noch stärker gefährdet als Männer. Kraft, Ausdauer, Koordination und Körperspannung lassen nach, ebenso der Gleichgewichtssinn, die Sehschärfe, die Fähigkeit zum räumlichen Sehen und die Nervenleitgeschwindigkeit. Letztere sorgt für weniger Gefühl in Händen und Füßen, sprich: weniger Kontrolle.

Umso wichtiger ist es, aktiv gegen das "Einrosten" anzusteuern – mit viel Bewegung und Übungen, die den Geist fit halten. So können Selbstständigkeit und Mobilität länger erhalten bleiben. Wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung. "Viele unserer Patienten haben Mangelerscheinungen. Vitamin-D-Mangel etwa begünstigt Osteoporose, die die Knochen brüchig macht", sagt Prof. Dr. Schulz. Eine Blutanalyse gibt darüber Aufschluss und kann eine Umstellung der Essgewohnheiten zur Folge haben. Hinzu kommt die regelmäßige Überprüfung, ob Medikamente richtig dosiert sowie verträglich sind oder ob sie mit anderen interagieren. Auch hier können falsche Einstellungen das Sturzrisiko deutlich erhöhen.

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