Sina Trinkwalder gilt als Vorreiterin in Sachen ökologische Textilproduktion. Ein Gespräch über Verantwortung, regionale Produktion und den Preis ökologischer Textilien.

Frau Trinkwalder, Ihr Modelabel "manomama" stellt Öko-Textilien her. War das stets Ihr oberstes Ziel?

Ich wollte nachhaltige Arbeitsplätze schaffen. Im Sinne der Enkelwirtschaft ist uns wichtig, was der Kunde denkt, noch wichtiger, was dessen Enkel sagen würde. Klar war demnach, dass unsere Prozesse ohne Chemie auskommen sollten. Unsere Arbeit zielt auf eine nachvollziehbare, regional wertgeschöpfte Produktion – unter strengsten ökologischen Maßgaben. Unsere Öko-Produkte sind Nebeneffekt unseres sozialen Engagements (siehe Infokasten).

Wie zeigt sich Ihre Philosophie konkret?

Wir produzieren über die Vorgaben der Öko-Siegel hinaus. Die sind ein netter Anfang einer globalen Wertschöpfungskette, aber nicht unser höchster Standard. Etwa verzichten wir auf Materialien wie Elasthan und Elastomere, Schwermetalle, Benzoide, Weichgriffmittel sowie viele weitere Hilfsmittel, von denen manche selbst nach GOTS (Anm. d. Red.: Global Organic Textile Standard, weitere Informationen zu diesem Standard finden Sie am Artikelende) erlaubt sind. Wir halten uns an die viel strengeren Umweltauflagen in Deutschland.

Sind die Unterschiede so groß?

Siegel sind der kleinste gemeinsame Nenner der Industrie. Einige fordern, Kinderarbeit bei der Produktion möge vermieden und dürfe nicht neu geschaffen werden. In Deutschland ist sie verboten. Anderes Beispiel: Natronlauge. Das GOTS-Zertifikat verlangt für jeden Prozess neue Lauge und einen Beleg für die sachgerechte Entsorgung der gebrauchten. Unser eigens entwickeltes System hält die Lauge in einem geschlossenen Kreislauf. Sie muss nicht entsorgt werden. Zudem nutzen wir einen bisher weltweit einmaligen geschlossenen Kreislauf für Biobaumwollfasern: Verschnitt bei der Taschenproduktion – laut GOTS Abfall – spinnen wir neu aus. Gefärbt sind die Fasern auch schon. Das spart Ressourcen und Kosten.

Sie nutzen synthetische Textilfarben. Wie passt das zu Ihrer Öko-Linie?

Pflanzenfarben sind entgegen der allgemeinen Auffassung nicht ökologisch: Für den Anbau der Färberpflanze braucht es zunächst fruchtbares Land. Bei und nach der Ernte werden Chemikalien wie Aluminiumnitrat, Alaun und Kupfer eingesetzt, um die Pigmente aus der Pflanze zu ziehen. Dann erst wird die Farbe isoliert – mit dem gleichen Prozess wie bei synthetischen Farben. Von den Pflanzenfarben bleiben Tonnen giftigen Zellmaterials übrig, das in Europa nicht entsorgt werden darf.

Sie legen Wert auf Regionalität. Woher kommt Ihre Ware?

Unsere Schurwolle beziehen wir von einem drei Kilometer entfernten Bauern. Hanf kommt aus dem Taubertal, Leder aus einem Erlanger Schlachthof, Viskose aus Österreich – sie besteht aus tschechischer und bayerischer Rotbuche aus nachhaltiger Forstwirtschaft statt aus Bambus von indonesischen Plantagen, für die Regenwald gerodet wird. "Regional" heißt, in Radius-Kilometern zu denken, nicht in Ländergrenzen. All unsere Arbeitsschritte passieren aber in Deutschland. Eine herkömmliche Jeans umkreist zweimal den Globus, bis sie im Laden landet. Einzig unsere regenbewässerte Bio-Baumwolle kommt aus Tansania – von kleinen Farmern, die sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen haben.

Was kostet faire Öko- im Vergleich zu herkömmlicher Textilproduktion?

Gängiges Biobaumwollgarn aus der Türkei kostet 3,30 Euro. Stelle ich ein Kilo davon in Deutschland her, bin ich inklusive Recycling-Anteil und gutem Material bei knapp sechs Euro. Ein Kilo Wolle stricken wird in der Türkei, einem "Hochlohnland", mit zirka 60 Cent bezahlt, in Deutschland mit zwei Euro. Für eine Stunde Nähen zahlen wir einen Stundenlohn von mindestens zehn Euro brutto zuzüglich Miete, Berufsgenossenschaftsbeitrag, Sozialabgaben. Das macht knapp 20 Euro. Der Stundenlohn in der Türkei liegt bei etwa 1,60 Euro, in Bangladesch bei 14 Cent. Färben ist in Deutschland um rund 300 Prozent teurer als zum Beispiel in Asien.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Öko-Textilindustrie?

In Deutschland gehen die letzten Garnspinnereien insolvent. Produziert wird überwiegend in Asien. Hanf zum Beispiel muss aufwendig aufbereitet werden, um daraus Garn herstellen zu können. Genauso ist es bei Schurwolle – dafür haben wir eine Lösung gefunden und innerhalb von fünf Jahren sämtliche Aufbereitungsstufen selbst geschaffen. Auch immer mehr Färbereien und Webereien schließen. Noch haben wir Partner für unsere Lieferkette, aber langsam wird es schwierig. Wir können nicht alles allein stemmen.

Tonia Sorrentino führte das Interview.

Die gängigsten Öko-Siegel in der Übersicht:

Zertifizierungsverfahren, die bestimmte Anforderungen an Rohstoffe und Produktion stellen, sind zunehmend beliebt. Inzwischen verleihen auch Industrieverbände und Hersteller ihren Textilien Siegel. Unabhängige Zertifikate vergeben beispielsweise Nichtregierungsorganisationen. Die Unterschiede dabei sind groß, die Standards unterscheiden sich in vielen Details. Hinschauen lohnt sich also.

Global Organic Textile Standard (GOTS)
Zertifiziert werden nach GOTS ausschließlich Produkte, die aus mindestens 70 Prozent biologisch erzeugten Naturfasern bestehen. Für chemische Zusätze, Accessoires und soziale Bedingungen gelten festgelegte Kriterien. www.global-standard.org

Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft
Der IVN verleiht die Siegel "Naturtextil IVN zertifiziert" und "Naturtextil IVN zertifiziert BEST". Unter anderem dürfen nur Naturfasern aus kontrolliert biologischem Anbau und unbedenkliche Farben verwendet werden. Der IVN-Best-Standard bezeichnet derzeit den maximal umsetzbaren Öko-Level bei der Textilherstellung. Die Liste der verbotenen Hilfsmittel ist weit länger als die des GOTS. www.naturtextil.com

Öko-Tex Standard 100
Dieses Siegel, das den Großteil der hierzulande zertifizierten Produkte kennzeichnet, stammt von der Internationalen Gemeinschaft für Forschung und Prüfung. Es kennzeichnet die Freiheit von Rückständen bestimmter Schadstoffe in bereits produzierten Textilien beziehungsweise die Einhaltung von Grenzwerten. Diese sind allerdings teils vergleichsweise hoch angesetzt, was kritisiert wird. Zudem bezieht der Standard bestimmte Chemikalien wie chlorierte Lösungsmittel nicht ein. www.oeko-tex.de

Öko-Tex 100 plus
Dieses Gütezeichen schließt die Regelungslücken des Standard-100-Labels. Betriebe müssen auf Schadstoffe verzichten und zusätzlich strenge Umwelt- und Sozialkriterien erfüllen. Die Anforderungen schließen unter anderem auch Energie-, Wasserverbrauch und Emission ein. www.oeko-tex.de

Fairtrade Certified Cotton
Das Siegel kennzeichnet menschenwürdige Textilienproduktion, die sich unter anderem durch einen Baumwoll-Mindestpreis für Bauern definiert. Die Baumwolle ist frei von Gentechnik und bestimmten Pestiziden. www.transfair.org Mehr Infos zum Thema können Sie unter www.gruenemode.org finden.