28.12.2020 Interview mit Hartwig Webersinke

Finanzexperte: "Die Geldflut hebt nicht alle Boote"

Dr. Hartwig Webersinke ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Aschaffenburg.
Dr. Hartwig Webersinke ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Aschaffenburg. Fotoquelle: Alois Mueller

Dr. Hartwig Webersinke, Professor für Finanzdienstleistungen an der Hochschule Aschaffenburg, gilt als ein profilierter Kenner der Finanzmärkte, der mit präzisen Analysen und klaren Aussagen die Dinge auf den Punkt bringt. Im Interview bietet er eine anschauliche Orientierung für Sparer und Anleger.

Wir erleben gerade eine schwere Rezession, eine weltweite Krise der Wirtschaft, und sehen zugleich Höchststände bei Aktienkursen an den Börsen. Wie passt das zusammen?

Viel Geld treibt die Nachfrage. Das gilt allgemein, aber auch und gerade an der Börse. Derzeit ist viel Liquidität, also flüssiges Geld, im Umlauf. Es fließt aus den milliardenschweren Hilfsprogrammen der Staaten und Notenbanken.

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Müsste dann das viele Geld nicht zu einer allgemeinen Inflation führen?

In gewissem Sinne sehen wir ja eine Inflation – eben an den Börsen. Viel Geld fließt in Aktien, aber auch in Immobilien, also in Sachwerte. Die Preisentwicklung kann man durchaus als Sachwert-Inflation bezeichnen. Die Verbraucherpreise steigen hingegen in weit geringerem Maße.

Kann man denn unbedenklich jetzt alle Sachwerte, also Aktien und Immobilien, kaufen?

Vorsicht! Die Geldflut hebt nicht alle Boote. Immobilien zum Beispiel liefen allgemein die vergangenen Jahre gut, Investoren verzeichneten auf breiter Front Wertzuwächse. Doch die Corona-Krise hat die Rahmenbedingungen verändert, womöglich umfassend und langfristig. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice. Braucht man da noch so viele Büroflächen? Läden in Fußgängerzonen erzielten höchste Mieten. Doch die Besucherfrequenzen sinken. Man muss große Fragezeichen an teure Standorte der Vergangenheit setzen. Dagegen sind Logistik-Zentren sehr gefragt. Post- und Paketdienste liefern so viel wie nie zuvor. Auch bei Wohnimmobilien übersteigt die Nachfrage das Angebot.

Ähnliches passiert ja bei Aktien. Auch hier haben die Kurse Höchststände erreicht.

Ja, allerdings gilt auch hier: Nicht alle Werte steigen. Fluggesellschaften, Tourismusunternehmen und Hotelkonzerne leiden unter der Krise besonders. Die Aktienkurse sind tief gefallen und werden sich – wie die Unternehmen – nur sehr mühsam erholen. Und alte Klassiker, die mal als sichere Geldanlagen galten, zum Beispiel Energie- und Versorgungsunternehmen, müssen mit der Energiewende einen tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen, ebenso die Autobranche. Hier vollzieht sich der Wandel sogar auf mehreren Ebenen und mit zunehmender Geschwindigkeit. Alte Märkte – für Autos mit Verbrennungsmotoren – brechen weg, die neuen sind noch nicht groß genug. Ausgerechnet während einer Jahrhundertrezession fällt die Anpassung an das neue Marktumfeld besonders schwer. Corona beschleunigt Trends, die sich bereits vor der Krise abzeichneten. Das erkennt man am Einzelhandel, der schon lange nach Antworten auf die Verschiebung ins Online-Geschäft sucht.

Wer profitiert denn von diesen Umbrüchen?

Sehr gute Perspektiven hat die Technologiebranche. Die Apple-Aktie ist schon ziemlich teuer, aber es gibt noch viele weitere Unternehmen, die zukunftsweisende Ideen für die digitale Transformation haben.

Wenn die Preise für Aktien und Immobilien schon so weit gestiegen sind: Besteht da nicht die Gefahr, dass irgendwann Schluss ist und man keine Wertsteigerungen mehr erlebt?

Das gleichzeitige Auftreten von Jahrhundertrezession und Strukturkrisen in aller Welt hat Rekordhilfen ausgelöst. Corona hat die Situation noch verschärft. Es folgen nun weitere Schritte beim Geldausgeben. Auf Jahre stellt diese Liquidität, diese Geldflut, sicher, dass Sachwerte gefragt und mithin teuer bleiben. Da die Staaten sich weiter immens verschulden, hat auch niemand ein Interesse an steigenden Zinsen. Auch das spricht für Sachwerte.

In unsicheren Zeiten greifen viele Anleger zu Gold als Krisenwährung. Ist ein Investment sinnvoll?

Gold sollte man nur als Beimischung im Vermögen haben und nicht übergewichten. Das Edelmetall hat zuletzt einen deutlichen Rückschlag erlitten. Gold wird in Zeiten großer Unsicherheit gekauft. Doch nun zeichnet sich ab, dass die Krise nach und nach abgebaut wird. Damit sinken auch die Ängste. Ich würde derzeit kein Gold kaufen.

Zum Schluss: Was sollten Sparer nun im neuen Jahr tun?

Um Sachwerte kommen Sparer derzeit nicht herum. Sie sollten die Angst vor ihnen überwinden, Schritt für Schritt vorgehen, sich informieren und Rat suchen bei sachkundigen Anlagespezialisten. Denn die Anlage in Aktien oder Immobilien braucht die Begleitung von Experten, die sich da auskennen.

Marcus Italiani führte das Gespräch.

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