19.07.2016 Ernährung

Zucker, viel besser als sein Ruf

Wo der Zucker herkommt, ist unserem Körper egal. Ob Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Zucker – der Mensch kann alle Kohlenhydrate in kleinste Zuckerbausteine zerlegen und als Energie nutzen.
Wo der Zucker herkommt, ist unserem Körper egal. Ob Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Zucker – der Mensch kann alle Kohlenhydrate in kleinste Zuckerbausteine zerlegen und als Energie nutzen. Fotoquelle: Sunny studio / Shutterstock.com

Der Körper braucht ihn, der Geist erst recht: Warum ist der Zucker derart verteufelt worden?

Dem Zucker wurde zuletzt ordentlich Saures gegeben. Gefährlich sei er, wurde behauptet, weil er dick mache, weil er Diabetes fördere und Sucht auslöse. Sieht er nicht wie Kokain aus?

Wer Zucker madig macht, rennt in einer Gesellschaft, die ihrem Essen und überhaupt dem Genuss mit Hassliebe gegenübersteht, offene Türen ein. Die Warnung vor dem Zucker mag wissenschaftlich auf wackligen Füßen stehen, doch ist sie wohlfeil und klingt zeitgemäß alarmistisch.

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Als Kronzeuge in der Sache Zucker gegen Gesundheit wird gewöhnlich Robert H. Lustig (61) aufgerufen, ein amerikanischer Professor für Neuroendokrinologie (hat nichts mit Zucker zu tun), dessen Wirken missionarische Züge trägt. Als der Spiegel titelte: "Droge Zucker" (2012), berief er sich auch und vor allem auf Lustig.

Wenn der Motor abstirbt

Nun ist ein Buch erschienen, das der Verteufelung eines Naturwunders (das ist Glukose, also Traubenzucker) entgegentritt. "Die Zuckerlüge" heißt es, erschienen im Verlag Ludwig. Die beiden Autoren, der Ernährungswissenschaftler Sven-David Müller und der Journalist Detlef Brendel, widersprechen dem Vorwurf, Zucker trage maßgeblich zu leichtem und starkem Übergewicht bei.

Seit 1970 liege der Pro-Kopf-Absatz von Zucker konstant bei 18 bis 20 Kilo im Jahr. Wenn sich im gleichen Zeitraum die Zahl der Übergewichtigen verdoppelt habe, könne dies schwerlich an einer angeblich immer zuckriger gewordenen Ernährung liegen. Vielmehr gehe im Zeitalter totaler Motorisierung der Anteil an selbstständiger Bewegung sträflich zurück, auch bei Kindern.

"Ohne den Brennstoff Glukose", schreiben Müller/Brendler, "würde unser Motor absterben. Wo der Zucker herkommt, ist unserem Körper egal. Ob Brot, Kartoffeln, Nudeln oder Zucker – der Mensch kann alle Kohlenhydrate in kleinste Zuckerbausteine zerlegen und als Energie nutzen."

Erst wer zu viel des Guten tut, sprich mehr futtert, als er durch Sport, körperliche Arbeit oder Sex abbaut, setzt Fettpolster an. Mit Zucker als solchem hat das nichts zu tun.

Unsere Vorfahren wussten, was sie am Zucker hatten. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar erklärte in einer TV-Sendung über das Einkochen von Obst: "Wir Menschen sind nicht die einzigen, die scharf sind auf süße Früchte. Unzählige Bakterien und Pilze machen sich daran zu schaffen. Doch gegen diese Invasion der Mikroben gibt es ein altes Hausrezept: Zucker, viel Zucker!"

Tatsächlich schwingt das Pendel zurück zum Zucker. Warum? Weil er unverfälscht ist.

"Iss nichts, was Zutaten enthält, die du nicht kennst!", fordert der Food-Experte Michael Pollan. Getränke-Trendmarken wie Boylan Bottling oder Puck's Fountain süßen aus Prinzip nur mit Rohrzucker. Pepsi und Coca-Cola werben wieder offen mit dem Zucker in ihren Getränken. Die Eismarke Häagen- Dazs propagiert "Echt oder gar nicht". Zucker ist echt. Und gesünder als viele Kunstprodukte der Nahrungsmittelindustrie.

Da setzt eine Entwicklung ein, die Prof. Lustig und andere Anti-Zucker-Kreuzzügler gar nicht lustig finden.

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