Lebenskunst

Wenn schon faul, dann richtig!

Von Tobias Toll
Einfach mal nichts tun. Faul sein, ist gar nicht so einfach.
Einfach mal nichts tun. Faul sein, ist gar nicht so einfach. Fotoquelle: Jenny Sturm/shutterstock.com

Die Arbeit geht nicht von der Hand? Sie fühlen sich blockiert? Dann versuchen Sie es mal mit – Nichtstun.

Nichts ist eindeutig. Deswegen müssen wir sogar unter den Müßiggängern, Faulenzern und Lebenskünstlern zwischen zwei Typen unterscheiden: zum einen diejenigen, die aus dem Leben mehr herauszuholen verstehen als sie investieren. Die "Monaco Franze"-Typen, wie sie von Helmut Fischer vor Jahren so unnachahmlich in Helmut- Dietl-Serien verkörpert wurden.

Ob so ein Hallodri je auf Reisen geht? Fraglich. Sein Lebensstil verbindet sich mit einem Revier – seinem Viertel. Das ist der Ort, an dem die Welt zu ihm kommt. Er muss nicht hinaus, zu viel der Mühe!

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Aber es gibt zum anderen natürlich auch den Lebenskünstler als Reisekünstler. Jene Wochen des Jahres, die man Urlaub nennt und die von Stress und Sonnenbrand gekennzeichnet sind, meistert er mit links. Er genießt vor allem eins – das Unterwegssein.

Hier kommen fünf Überlegungen zum Thema Urlaub, Freiheit und Arbeit.

Der Moment, wenn nichts mehr geht, wenn die Arbeit stockt.
Da helfen nur eiserner Wille und Weitermachen. "Von wegen!", sagt Adrienne Appell vom amerikanischen Verband der Spielzeugindustrie: "In toten Momenten hilft es, beispielsweise einen Zen-Garten auf dem Schreibtisch zu pflegen." Mit einem winzigen Rechen durchkämmt der Gestresste ein Schälchen mit Steinen, Sand und Bonsai und hofft darauf, dass Entspannung einsetzt – und mit ihr die Wiederkehr der Energie.

Wer fleißig sein will, muss erst mal faul werden. Das ist eine Möglichkeit.

Eine andere: Britta Steffen (31), die zweimalige Schwimm-Olympiasiegerin aus Schwedt/Oder, schlug in ihrer aktiven Zeit dem Trainingsstress ein Schnippchen, indem sie sich täglich Mittagsschlaf gönnte. Bei Tourneen, Sportreisen und Buchvorstellungen ließ sie sich ihn vertraglich garantieren: Mittags darf ich eine Stunde pennen.

Wir wollen uns nicht vorstellen, wie das in der Firma aussähe, wenn alle zu gegebener Stunde den Kopf auf den Schreibtisch legten. Der Mut zur Muße fehlt. Denn Tatsache ist: Mittagsschlaf wirkt, er beflügelt für den Rest des Tages. Nicht nur Britta Steffen. Was ist ein Stündchen verschlafene Arbeitszeit gegen eine geniale Idee, die im Schlaf geboren wird?

Sollten Sie älter als, sagen wir, 45 sein, werden Sie diese fünf Buchstaben nicht kennen: ICYMI.
Es handelt sich dabei um ein Folterinstrument, dem digitalen Terminkalender vergleichbar, der mit scharfem "Pling" an das nächste Meeting gemahnt. ICYMI heißt wörtlich "in case you missed it" und raunzt Sie, sollten Sie eine Nachricht verpasst haben, unmissverständlich an: So geht das nicht, Freundchen! Du hast meinen Tweet (meine Mail) gefälligst zu beachten.

Touristen unterliegen ständig einem ICYMI-Alarm. Sie müssen hierhin, sie müssen dahin, sie werden am Bus erwartet, 20 Minuten vor Abfahrt. Pünktlich! Wir sind doch im Urlaub.

Der müßige Reisende wird nicht mitspielen, er verabscheut Pflichttermine. Für ihn gilt: keine Museen (zu großes Gedränge), keine organisierten Weinproben (zu wenig Genuss), keine Busfahrt zu Touri-Zielen (zu vorhersehbar), keine organisierten Ausflüge (zu viel Nepp), kein Captain's Dinner (zu viel falsches Getue).

Der müßige Reisende wird sich durch den Tag treiben lassen, wird zufällig interessanten Leuten begegnen und vielleicht jenseits ausgetretener Pfade in eine Liebelei geraten.

Muss der müßige Reisende überhaupt von zuhause fort? Nicht unbedingt. Er ist kein Pauschaltourist, allein schon der Mühen wegen, die es kostet, einer zu sein.

Der müßige Reisende macht Fehler. Hier ist er zu dünn angezogen, dort hat er es versäumt, sich ein Ticket zu besorgen.
Viel mehr aber zählt für ihn, sich nicht stief staats auf eine überkonditionierte Wandertruppe einzulassen. Oder ritsch, ratsch die Klettverschlüsse seiner Funktionsweste aufzureißen, weil jemand ein Aspirin, einen Notkeks oder ein Taschenmesser braucht. Perfektion ist ihm ein Gräuel.

Zeit ist Geld.
Das hat Benjamin Franklin 1748 in die Welt gesetzt, nach dieser Devise funktioniert sie. Dabei wird umgekehrt ein Schuh draus, im Wortsinne: Der Schuster, der sich die Muße nimmt, ein Paar nach allen Regeln der Kunst handzuarbeiten, kann einen um 500 Prozent höheren Preis erzielen als die Schuhfabrik mit ihren auf Effizienz getakteten Zeiteinheiten. Vielleicht gönnt sich unser Schuster die eine oder andere Pause außer der Reihe. Nur so kann er kreativ arbeiten. Für seine Produkte der Bedächtigkeit wird man ihn lieben.

Wenn der Müßiggänger sich und anderen Tee bereitet, wirkt das wie eine Zeremonie. Mit der hübschen Kassiererin im Supermarkt probiert er ein Gespräch, einfach so. Welch Glück, wenn sie darauf eingeht, ungeachtet der sich bildenden Schlange. Zeit ist nicht Geld. Zeit ist etwas Schönes, wenn sie die Chance bekommt, langsam zu vergehen.

Was mögen die Cromagnon-Menschen vor 40.000 Jahren gedacht haben, als sich der Erste von den Jägern absonderte, um Pferde an die Höhlenwand zu malen, Mammutfiguren zu schnitzen und vollbusige Frauen zu formen. Ein Taugenichts das!

Aber genau so setzte die Beschäftigung der Menschen mit Kunst, Wissenschaft und überhaupt mit dem Schönen ein. "Ohne die Klasse der Müßiggänger", sagt der Philosoph Bertrand Russell, "wären die Menschen heute noch Barbaren."

Kann man Müßiggang lernen? Kann man Stille, die unserer Welt abhandengekommen ist, wiederfinden? Kann man all denen, die sich nach Momenten der Langeweile sehnen, helfen?
Es wird neuerdings ein Geschäft damit gemacht. Nicht nur in den Klöstern, die seit Langem schon ihren Etat aufbessern, indem sie spartanische Zellen anbieten, in denen nur Glockengeläut die zerfließende Zeit strukturiert.

Wellness-Hotels und Flughafen-Lounges locken mit Ruhe, mit Abschalten von elektronischen Medien und digitalem Plemperkram; sie locken mit der Muße vor dem Abflug. Ja, man kann die Freiheit zur Muße neu erlernen.

Obwohl, bestimmt existiert auch dafür schon eine App.

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