Film in der ARD

"Sörensen hat Angst": Ein besonderes Debüt für Bjarne Mädel

von Eric Leimann

In "Sörensen hat Angst" spielt Bjarne Mädel nicht nur die Hauptrolle, er führte auch erstmals Regie. Die Geschichte eines Kommissars mit Panikstörung, der in ein zutiefst melancholisches Ostfriesen-Kaff zieht, ist außergewöhnlich.

ARD
Sörensen hat Angst
Kriminalfilm • 20.01.2021 • 20:45 Uhr

Krimi geht immer, sagte sich wohl Hörspiel-Regisseur Sven Stricker, als er vor einigen Jahren begann, eigene Geschichten zu schreiben. Weil er in Schauspieler Bjarne Mädel nicht nur den Hörbuch-Sprecher seines Kommissars Sörensen fand, sondern auch einen Freund und Seelenverwandten, kommt es nun dazu, dass die Verfilmung des ersten Sörensen Romans zum Regiedebüt des vielbeschäftigten Schauspielers Bjarne Mädel wird. Und was ist das für ein Regiedebüt! Der sympathische Norddeutsche konnte Schauspiel-Granden wie Matthias Brandt, Stefan Kurth und andere für prägnante Nebenrollen gewinnen. Und er erzählt einen bitterbösen Kriminalfall mit ebenso finsterer wie brillanter Komik.

Schon die Vorgeschichte und Anreise Sörensens ins Ostfriesenkaff Katenbüll – dem Ort der Handlung – werden auf ungewöhnliche Weise erzählt. Ein Mann sitzt mit starrem Blick in seinem Auto. Über der Mittelkonsole ist ein Foto von ihm mit Frau und Töchterchen angeklebt. Nach kurzer Prüfung des Erinnerungsschnappschusses wird das Bild so abgeknickt, dass nur noch Vater und Tochter darauf zu erkennen sind. Dazu ändert sich die Landschaft außerhalb des Wagens in rascher Schnittfolge. Die Außenwelt wechselt von Hamburger Stadtlandschaften zu immer einsamer anmutenden Landbildern. Hier hat sich offenbar jemand aufgemacht, ein neues Leben zu beginnen, weil das alte nicht mehr tragbar war.

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Wenig später stellt sich Sörensen auf der tristen neuen Dienststelle den Polizeikollegen Jennifer Holstenbeck (Katrin Wichmann) und Malte Schuster (Leo Meier) als neuer Chef vor. Noch ehe man miteinander warm wird, liegt schon die erste Leiche tot im Stall: Bürgermeister Hinrichs hat es erwischt. Dessen Ehefrau (Anne Ratte-Polle) und der noch kindliche Sohn wirken auf seltsame Art eher irritiert und geschockt. Überhaupt erscheint Sörensen das gesamte Szenario Katenbüll höchst merkwürdig, selbst wenn man die Angststörung des Kommissars "abzieht", aus deren Wahrnehmungsperspektive Szenen immer wieder sehr eindrücklich geschildert werden. Die Hypersensibilität des Ermittlers in Bezug auf viele Reize, die ihn überfordern und ängstigen, haben Regisseur und Hauptdarsteller Bjarne Mädel wunderbar eindringlich in Szene gesetzt. Fast möchte man sagten: Es sind mit die "besten" Angstattacken, die man im deutschen Fernsehen bisher gesehen hat.

Das Lachen bleibt einem im Hals stecken

Bald ermitteln Sörensen, seine Kollegin und alleinerziehende Mutter Jennifer Holstenbeck sowie der junge Greenhorn-Bulle Malte in einem äußerst schmutzigen Fall, der einem nach zwischenzeitlichem Lachen schnell wieder das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wenn man in der so übervollen Landschaft des deutschen TV-Krimis die Besonderheit von "Sörensen" beschreiben will, könnte man sagen: Es gibt keinen anderen Ermittlerfilm, der so suizidal dunkel und gleichzeitig mit viel Humor erzählt. Tatsächlich ist es ein Kunstwerk, das Regisseur Mädel, Drehbuchautor Sven Stricker und ihr bis in kleinste Rollen mit großen Theaterschauspielern besetzte Krimi-Juwel erschufen.

An "Mord mit Aussicht", neben "Stromberg" Bjarne Mädels Durchbruch als Schauspieler, erinnert bei "Sörensen" nur der ländliche "fish out of water"-Plot sowie das humorige Spiel mit dem Hinterwäldlerischen. Das Leichte des einstigen ARD-Quotenhits geht "Sörensen" jedoch vollends ab. Lustige Landbilder zum lustig geblasenen Turbo-Soundtrack sucht man hier vergeblich. Die Lage in Katenbüll ist nicht nur trist, sondern bitterernst. Also lacht man über Bratkartoffeln, die Vegetarier Sörensen als einziges "fleischloses" Gericht in der Dorfkneipe auf den Tisch gestellt bekommt. "Die sind ja mit Speck", sagt der Bediente. "Ja klar", sagt der Wirt trocken. "Schmecken ja sonst nicht."

Wer auf Nord-Scherze dieser Güteklasse steht, wird auf weitere Filme mit Sörensen hoffen. Ein zweiter Roman "Sörensen fängt Feuer" ist bereits erschienen, im August 2021 folgt Fall drei, "Sörensen am Ende der Welt". Ob Bjarne Mädeln sie wieder selbst in Szene setzen würde, hat er noch nicht entschieden. Es sei ziemlich toll aber auch ungeheuer anstrengend gewesen, für alles verantwortlich zu sein, sagt der 52-jährige Schauspielstar. Vielleicht braucht Mädel auch erst mal eine Auszeit, so wie sein Held Sörensen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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