"Wiener Blut"

Die Wiener trau'n sich was

von Wilfried Geldner

Ein vermeintlicher Selbstmord, der keiner ist. Dazu große Probleme mit der trinkenden Mutter und der renitenten Tochter. Die Wiener Staatsanwältin Fida Emam hat es in dem sehenswerten Thriller alles andere als leicht.

ZDF
Wiener Blut
Thriller • 02.11.2020 • 20:15 Uhr

Klotzen, nicht kleckern – das ist die Devise im Austro-Thriller "Wiener Blut", einer Gemeinschaftsproduktion von ORF und ZDF. Schon die Vogelperspektive, die von weit oben herab die Wiener Straßen mit ihrem Verkehr und den nächtlichen Lichtern zeigt, deutet es an: Hier wird Großes imaginiert, und Autor Martin Ambrosch ("Das finstere Tal") kennt keinerlei Scheu vor kühnen Themen. Hier wird der Islamismus mit der Korruption im heimatlichen Wien gekreuzt. Alle mischen sie mit: die Juristen aus dem Ministerium, die Richter vom Obersten Gerichtshof und die Banker sowieso. Dass das alles nicht im Gebräu von Klischees und Kolportage versinkt, dafür ist aber auch gesorgt: Durch das alles zieht sich eine Familien- und Generationengeschichte, die für viel Gefühle und Wahrheit sorgt.

Die Mutter der Staatsanwältin – Charlotte Schwab auf allerlei Diwans im Morgenmantel hingegossen – hört gern Carmen: "Die Liebe ist ein wilder Vogel", und säuft dabei. Sie war mal eine berühmte Geigerin, aber dann hat sie die Gicht erwischt. Jetzt zieht sie hinter ihrem alten Plattencover den Whisky hervor und träumt von vergangenen Zeiten. Was nützt es da, wenn die Tochter, eben die Staatsanwältin, sie rügen will, weil sie sich nicht um den Haushalt kümmert. Mag sie in ihrem Anwaltsjob auch noch so erfolgreich sein, gegen diese Trinkerin ist sie ohne Chance.

Noch aussichtsloser scheint allerdings der Zweikampf der von Melika Foroutan großartig gespielten Staatsanwältin mit der eigenen Tochter zu sein, die offensichtlich aus Protest mit Kopftuch zum Islam übergetreten ist, weshalb sie in der Schule viel Ärger bekommt. Was aber wiederum nicht heißt, dass sie die Mutter nicht vor der Schuldirektorin wortgewandt verteidigt. Argumente werden der Tochter von der Mutter selbst geliefert, weil die ja ein dauerhaftes Verhältnis mit ihrem Vater hat, der sich nicht von seiner Alt-Familie lösen will.

So kommt es, dass sich die Kopftuch-Tochter (Noelia Chirazi bekam den österreichischen Filmpreis Romy für ihre Rolle) von einem willfährigen islamistischen Jüngling ködern lässt, während ein ultrarechter Banker (Harald Schrott) und der Imam vom Islam-Kulturverein (Stipe Erceg) ihr konspiratives Unwesen treiben und die Revolution in Mitteleuropa vorbereiten. Das schaukelt sich hoch bis zum Showdown am Wiener Hauptbahnhof, der viel Action bietet. Mensch und Material werden nicht gescheut.

Von den besseren "Tatort"-Krimis kennt man das: Die Wiener trau'n sich was, auch die mitproduzierende Filmstiftung ist mit auf der kritischen Seite. An Kraftausdrücken herrscht gelegentlich wie gewohnt kein Mangel, und die Politik ist vor keiner Demaskierung sicher. Es ist schon großes Genrekino, das da die Regisseurin Barbara Eder produziert. Da nimmt man das Straußwalzerchen des Titels und die von Martin Gschlacht (Kamera) im Schlussbild schier grausam nahe gerückte Fassade des Stefansdoms gerne in Kauf.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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