"Shadowplay"-Darstellerin Nina Hoss

"Das Interesse an deutschen Stoffen ist weltweit gerade sehr groß"

von Eric Leimann

Die deutsche Kino-Ikone Nina Hoss ("Barbara") macht in Fernsehen. Erdacht von zwei Schweden und mithilfe von US-Stars wie Taylor Kitsch erzählen viermal 105 Minuten vom Leben im Trümmerfeld Berlin 1946 – mit den Mitteln des Zeitdramas, Krimis und Horror-Anklängen.

Vom Spielen in Trümmern: Ausnahmeschauspielerin Nina Hoss verkörpert in der ZDF-Miniserie "Schatten der Mörder – Shadowplay" (Freitag, 30. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) eine Frau, die 1946 unter Anleitung eines New Yorker Cops (Taylor Kitsch) im zerstörten Berlin eine neue Polizeieinheit aufbauen will. Dabei bekommt es die mit Tischbeinen bewaffnete Bürgerwehr aus Frauen und Waisenkindern mit chaotischen Machtverhältnissen und viel kriegstraumatisierten Personal im Deutschland der Stunde Null zu tun. Nina Hoss, 45, über "märchenhafte" Geschichts-Thriller und den Grund, warum sich die internationale Film- und Fernsehwelt gegenwärtig nach Geschichten aus Deutschland und insbesondere Berlin sehnt.

prisma: "Schatten der Mörder" ist eine Miniserie, die zu weiten Teilen in einer Trümmerlandschaft spielt. Gibt es diese Kulisse des zerstörten Berlins wirklich?

Nina Hoss: Wir haben in Prag gefilmt – mit einem verfallenen Fabrikgelände als Zentrum des Drehs. Sicher wenn die Kamera rausfährt, kommen animierte Bilder einer zerstörten Stadt dazu. Trotzdem war es schon eine richtige Landschaft aus Trümmern, die man zum Spielen nutzen konnte. Das half auf jeden Fall enorm, sich in die Atmosphäre Berlins direkt nach dem Krieg einzufühlen.

prisma: Ist es nicht schwierig, eine ganze Großstadt aus Ruinen zu erschaffen, da man immer über mehrere Stunden Spielhandlung ja wieder neue Motive benötigt?

Nina Hoss: Na klar, das ist die Kunst der Bildgestaltung und des Schnitts. Wir Schauspieler haben damit nur bedingt zu tun. Trotzdem sind die Ruinen natürlich ein entscheidender Faktor der Erzählung. Natürlich wird beim Film immer auch eine Illusion erschaffen. Wir sind auch durch die Gegend gefahren, um verschiedene ruinenhafte Sets zu nutzen, die dann im Schnitt als zusammenhängende Trümmerlandschaft wahrgenommen werden.

prisma: In und um Prag herum entstehen seit Jahren viele Filme und Serien. Pflegt man dort mittlerweile Ruinen so, dass sie weiterhin Filmen als Location dienen können?

Nina Hoss: Vielleicht ist das wirklich so. Es gibt dort viel alte Bausubstanz, die an das Deutschland vor oder eben direkt nach dem Krieg erinnert. Und es sind ja nicht nur Ruinen. Auch die echten Gebäude der Miniserie – Hotel, Verwaltungsgebäude, Villen – das waren allesamt echte Gebäude und keine Studiobauten.

prisma: Was macht das Spiel in Trümmern mit Ihnen als Schauspielerin?

Nina Hoss: In diesem Fall – sehr viel. Ich würde sogar sagen, die Orte und der Zustand der Orte sind die entscheidende Antriebskraft dieser Geschichte. Es gibt kein Zurück! Das ist sozusagen die Überschrift über allem, was passiert. Wir erzählen von Menschen, in deren Leben alles kaputtgegangen ist. Berlin nach dem Krieg – das waren Menschen, denen immer mehr klar wurde, was ihr Land angerichtet hatte. Es war ein großes Schuldtrauma, das sich da breitmachte – das man aber auch zur Seite schieben musste, weil es zu überleben galt. Gleichzeitig lag auch eine Hoffnung über allem, weil die Chance bestand, sich neu zu erfinden. Über all diesen widersprüchlichen Gefühlen lag schließlich eine große Unsicherheit. Weil keiner wusste, wie es weitergehen sollte.

prisma: Wie haben Sie sich persönlich in die deutsche Stunde Null eingearbeitet?

Nina Hoss: Es existieren Quellen – auch von Frauen – die sich damals äußerten. Die Unsicherheit, was passieren würde, ist das vorherrschende Thema dieser Dokumente. Es waren ja nicht nur die Trümmer, zwischen denen man lebte. Dazu kam, dass man nicht wusste, ob man am nächsten Tag etwas zu essen bekam. Man wusste nicht, wie Berlin aufgeteilt werden würde. Noch nicht mal, ob Berlin demnächst im Westen oder Osten liegen oder ob alle Menschen aus der Stadt ausgesiedelt werden würden. Es war ein Leben auf Abruf in den Jahren 1945 und 1946, eine absolute Improvisation auf allen Ebenen.

prisma: Nun ist "Schatten der Mörder" nicht nur ein Nachkriegsdrama, sondern auch eine finstere Kriminalgeschichte ...

Nina Hoss: Genau. Das Historische und seine Atmosphäre sind sozusagen die Folie, auf der sich die Erzählung abspielt. Und trotzdem ist beides miteinander verwoben. Wir erzählen ja auch von Charakteren, von denen niemand nur schuldig oder unschuldig ist. Dieses Leben in Zwischenwelten ist auch an jeder einzelnen Figur ablesbar.

prisma: Im Prinzip erlebt man ja einen Krimi "noir" in historischer Kulisse. Man sieht Ritualmorde in Settings, wo man sie filmisch nicht vermuten würde. War es das, was Sie an dem Stoff interessierte?

Nina Hoss: Ich fand einige Dinge interessant. Mich hat das Drehbuch an alte Novellen erinnert, es hatte aber auch etwas Märchenhaftes. Hinzukam die enorme sommerliche Hitze, in der das Ganze spielt. Ich fand es interessant, die Geschichte so zu erzählen, weil die beschriebene Atmosphäre viel mit den Charakteren macht. Und dann all die Kulturen: Deutsche, Amerikaner, Russen, die da in dieser zerstörten Stadt aufeinanderprallen. Viele Menschen haben Geheimnisse, mit denen die Serie spielt. Ich fand das Setting gerade für eine Krimi-Erzählung wunderbar reich und experimentell.

prisma: Die Serie erzählt von einem New Yorker Polizisten, der nach Berlin kommt und dort auf eine vorwiegend weibliche Gruppe trifft. Sie versucht, die brachliegende Polizeiarbeit zu übernehmen. Gab es solche Gruppen wirklich?

Nina Hoss: Ja, das ist durchaus historisch. Diese Gruppen haben sich selbst zusammengefunden, um dem Chaos entgegenzutreten. Meine Figur Elsie ist eine Frau, die es in die Hand genommen hat, eine solche Gruppe zu gründen. Sie formiert eine Art Bürgerwehr. Frauen wie sie haben damals enorm viel geleistet. Man erzählt schon lange von den Trümmerfrauen, aber komischerweise kaum von jenen, die sich dieses rechtsfreien Raumes angenommen haben, der von den Besatzern gar nicht umfassend kontrolliert werden konnte. Dazu herrschte viel zu viel Unordnung. Ich hatte davor tatsächlich noch nichts über diese ersten, von Frauen selbst organisierten Versuchen gehört, in Berlin wieder eine Art Polizei aufzubauen. Allein schon um davon zu erfahren, lohnt sich die Serie.

prisma: "Schatten der Mörder" ist eine weitere internationale Serie, die aus dem historischen Berlin berichtet. Kann man sagen, dass das Interesse an der Stadt in der internationalen Filmwelt gerade riesig ist?

Nina Hoss: Ja, ich glaube, das kann man sagen. Ich finde sogar, das Interesse an deutschen Stoffen insgesamt ist weltweit gerade sehr groß. Ich bekomme auch mit, dass es nicht nur beim Publikum so ist, sondern auch unter Produzenten. Engländer, Amerikaner oder Skandinavier – alle sind derzeit heiß auf deutsche Geschichten.

prisma: Woher kommt das?

Nina Hoss: Ein Punkt ist sicher, dass sie auf deutsches Geld hoffen (lacht). Es ist aber sicher nicht der einzige Grund. Serien wir "Babylon Berlin", "Dark" oder Maria Schraders "Unorthodox", die im gegenwärtigen Berlin spielt, werden ja nicht nur gehypt, sondern sie werden auch von einem großen Publikum weltweit mit großem Interesse verfolgt. Ich glaube, wenn Geschichten gut sind, kann man international auch besser daran anknüpfen. Letztendlich ist das auch der entscheidende Punkt – aber ein interessantes Setting hilft dabei.

prisma: Wie es scheint, ist Berlin gerade ein besonders guter Ort für Geschichten ...

Nina Hoss: Ja, da ist die räumliche Verdichtung mit den Besatzungszonen nach 1945, dazu die vier Systemwechsel in nur einem Jahrhundert. Es gibt, wenn man vom 20. Jahrhundert erzählt, fast kein spannenderes Land als Deutschland, und das nutzen nun Filmemacher weltweit.

prisma: Weil sich Geschichte immer auch in den Menschen widerspiegelt?

Nina Hoss: Na klar, Geschichte wird immer dann interessant, wenn sie sich in Menschen widerspiegelt. Sie wird ja letztlich auch von Menschen gemacht. Egal, ob man nun Alfred Döblins Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" von 1929 mit all seinen Umwälzungen liest oder meinetwegen Maria Schraders "Unorthodox", das von einer jungen jüdischen Frau erzählt, die mit unterschiedlichen Hoffnungen sich gerade das moderne Berlin als Zufluchtsort auswählt. Dazwischen liegen die deutschen Allmachtsfantasien und die Vergangenheit, die Schuld, die das Land im Dritten Reich auf sich geladen hat. Es ist so viel passiert in den letzten gut 100 Jahren, dass darin eine ungeheure Kraft liegt. Deshalb findet der Schauplatz Berlin weltweit so viel Beachtung.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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