Das Unwort
Fernsehfilm, Tragikomödie • 09.11.2020 • 20:15 - 21:40
Lesermeinung
Latif (Neil Malik Abdullah, l.) und Simon (Thomas Sarbacher, r.) sitzen auf der Wartebank.
Vergrößern
Simon (Thomas Sarbacher, l.) und Latif (Neil Malik Abdullah, r.) bitten Frau Dr. Nüssen-Winkelmann (Iris Berben, M.) darum, das Verfahren gegen alle Jungs einzustellen.
Vergrößern
Majan (Neda Rahmanian) nimmt ihren Sohn in Schutz. Sie sorgt sich um dessen Sicherheit.
Vergrößern
Annika (Anna Brüggemann) sieht, wie Karim (Oskar Redfern, r.) Max (Samuel Benito, l.) auf dem Schulhof die Kette vom Hals reißt, greift aber nicht ein.
Vergrößern
Originaltitel
Das Unwort
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2020
Fernsehfilm, Tragikomödie

Wie antisemitisch sind deutsche Klassenzimmer?

Von Eric Leimann

In einer bärenstarken ZDF-Tragikomödie wird der latente Antisemitismus in deutschen Klassenzimmern klug in Szene gesetzt. Dem starbesetzten Ensemble um Iris Berben, Devid Striesow, Anna Brüggemann und Thomas Sarbacher hilft dabei ein ziemlich brillantes Drehbuch.

Der fünfzehnjährige Max Berlinger (Samuel Benito), ein deutscher Junge jüdischen Glaubens, hat seinem Mitschüler Karim (Oskar Redfern) das Ohrläppchen abgebissen. Einem anderen hat er die Nase gebrochen. Nun droht dem Jungen der Schulverweis. Max' Eltern (Thomas Sarbacher, Ursina Lardi) gehen mit ziemlich gemischten Gefühlen zum abendlichen Krisengespräch ins Gymnasium ihres Kindes. Der Vater voller Wut auf den latenten Antisemitismus in Deutschland, die Mutter mit sorgenvollen Gedanken um die Zukunft des Sohnes. Weil die ebenfalls geladenen Eltern Karims (erst einmal) nicht auftauchen, beginnen die Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde (Iris Berben) und der Schulrektor (Devid Striesow) die Sitzung nur mit einem Elternpaar. Auch der Vertrauenslehrer hat angeblich keine Zeit. Vertreten wird er vom einzigen Nicht-Akademiker am Tisch, Hausmeister Eichmann (Flroian Martens), dessen Nachname dem gereizten Vater Berlinger nicht gerade als gutes Omen erscheint. Ebenfalls mit in der Runde sitzt die junge, engagierte Klassenlehrerin der Infight-Gruppe (Anna Brüggemann).

In Rückblenden, die die Kammerspiel-Atmosphäre der Krisensitzung "auflockern", sieht man die Eskalation des Konflikts im Klassenzimmer. Als Max seinen Glauben offenbart, greifen schnell alte Stereotype und Vorurteile. Bei Moslems, Juden und den "neutralen" Beobachtern der Szene. In einer der besten Szenen versucht Lehrerin Annika Ritter (Brüggemann) ihre Klasse für die anstehende Lektüre von Anne Franks Tagebuch zu begeistern. Von ihren Schülern erntet sie dafür vorwiegend Spott. Auch irgendwo aufgeschnappte Argumente, das Tagebuch wäre sowieso nicht echt, weil ein Mädchen dieses Alters es niemals geschrieben haben könnte, machen die Runde.

PRISMA EMPFIEHLT
Täglich das Beste aus der Unterhaltungswelt bequem in Ihr Mail-Postfach? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "PRISMA EMPFIEHLT" und erhalten ab sofort die TV-Tipps des Tages sowie ausgewählte Streaming- und Kino-Highlights.

Rassismus der "besseren Kreise"

Was Drehbuchautor und Regisseur Leo Khasin ("Kaddisch für einen Freund") mit "Das Unwort" schafft, ist ziemlich beeindruckend. Sehr unterhaltsam und mit viel Spielfreude vom Schauspiel-Ensemble umgesetzt, entlarvt die Tragikomödie Mechanismen von Rassismus. Vor allem dem Rassismus jener Art, wie er in "besseren" Kreisen wie im gezeigten Gymnasiums vorkommt. Hier trifft die raue Lebenswelt jugendlicher Selbstfindungs- und Selbstbehauptungskämpfe auf die politische Korrektheit von Pädagogen und Eltern, die natürlich keinesfalls zugeben wollen, dass so etwas wie Mobbing, Diskriminierung und rassistische Vorurteile in ihrer Welt passieren könnten.

Devid Striesow spielt einen windelweichen Schuldirektor, dem vor allem die eigene Karriere am Herzen liegt. Iris Berben gibt die desillusionierte Schulaufsichts-Beamtin kurz vor der Pensionierung, die dem Geschehen an der Schule wütend-fassungslos gegenübersteht. Filmemacher Leo Khasin, der selbst aus einer osteuropäischen jüdischen Einwanderer-Familie stammt, zeigt die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, wirksame Strategien gegen rassistisches Denken und Handeln zu entwickeln. Dass sein durchweg unterhaltsames Kammerspiel gebildete Akademiker und Gymnasialschüler streiten lässt und eben nicht in dem ZDF-Publikum eher "fernen" sozialen Brennpunkten angesiedelt ist, darf als kluger Schachzug gewertet werden. Die Eskalation des Falles – der zudem auf wahren Geschehnissen beruht – geht einem so deutlich näher, "Das Unwort" erscheint in seiner nachvollziehbaren Eskalation bestürzend realistisch.

Auf Schulhöfen ist "Du Jude!" ein gängiges Schimpfwort

Im Anschluss an "Das Unwort" läuft um 21.40 Uhr die Dokumentation "Hey, ich bin Jude! Jung. Jüdisch. Deutsch." von Jan Tenhaven. In dem Beitrag berichten junge deutsche Juden zwischen zwölf und 25 Jahren, wie es ihnen in ihrem Umfeld, in ihren Klassen ergeht. Auf deutschen Schulhöfen ist "Du Jude!" ein gängiges Schimpfwort, erfährt man. Antisemitische Sprüche, geschmacklose Witze und nervige Vorurteile gehören für junge Jüdinnen und Juden hierzulande zum Alltag. Ergänzt werden die unkommentierten Gespräche des Filmemachers, die in ganz unterschiedlichen deutschen Städten und Gemeinden entstanden, von nüchternen Protokollen antisemitischer Vorfälle, vorgelesen von Iris Berben.

Das Unwort – Mo. 09.11. – ZDF: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
top stars
Das beste aus dem magazin
Dr. Ebru Yildiz ist Leiterin des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen.
Gesundheit

Spenden Sie ein Organ?

Über 9000 Menschen warten in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan. Im Jahr 2020 spendeten 916 Menschen nach dem Tod ihre Organe. Nahezu 3000 Patientinnen und Patienten konnten so mit einem lebensnotwendigen Transplantat versorgt werden. Die Zahl der Organspendenden reicht jedoch bei weitem nicht aus.
Greiz war die Residenzstadt des Fürstentums Reuß älterer Linie.
Nächste Ausfahrt

Dittersdorf: Residenzstadt Greiz – "Perle des Vogtlandes"

Auf der A 9 von Berlin nach München sehen Autofahrer nahe der Anschlussstelle 27 das braune Hinweisschild "Residenzstadt Greiz". Wer die Autobahn hier verlässt, gelangt zur Stadt im thüringischen Vogtland an der Grenze zu Sachsen.
Sonja Zietlow und Daniel Hartwich.
HALLO!

Sonja Zietlow und Daniel Hartwich: "Man trieft nicht so"

Ein neuer Arbeitsplatz für Sonja Zietlow und Daniel Hartwich: Das "Dschungelcamp" steht in diesem Jahr erstmals in Südafrika. Zumindest Zietlow ist bekennender Südafrika-Fan.
Der Thron südlich von Koblenz stammt aus dem 12. Jahrhundert.
Nächste Ausfahrt

Koblenz/ Waldesch: Königsstuhl Rhens

Auf der A 61 von Kaldenkirchen nach Hockenheim begegnet Autofahrern nahe der AS 40 das Hinweisschild "Königsstuhl Rhens im Welterbe Oberes Mittelrheintal".
Dr. med. Heinz-Wilhelm Esser ist Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie am Sana-Klinikum Remscheid und bekannt als "Doc Esser" in TV und Hörfunk sowie als Buchautor.
Gesundheit

Koronare Herzkrankheit: schnelle Diagnose wichtig

Herzkranzgefäße liegen wie ein Kranz auf und um das Herz. Sie haben eine wichtige Funktion, da sie das Herz mit Sauerstoff versorgen. Zu einer Verengung führen Plaques, das sind Kalkablagerungen. Dies hat zur Folge, dass nicht genug sauerstoffreiches Blut den Herzmuskel versorgt.
Gesundheit

Viele Lippenstifte sind ungesund

3,5 Kilogramm Lippenstift isst eine Frau in ihrem Leben, wenn man den Berechnungen der Kosmetikfirma Raw Natural Beauty Glauben schenkt. Das wären ungefähr 875 Produkte, die unbewusst von der Lippe in den Magen wandern.