Dokumentarfilmer Christian Weisenborn drehte einen sehr persönlichen Film über seinen Vater: Günther Weisenborn war eine Schlüsselfigur in der fast vergessenen und nach dem Krieg lange verunglimpften NS-Widerstandsbewegung "Rote Kapelle".

Im starken Dokumentarfilm "Die guten Feinde: Mein Vater, die Rote Kapelle und ich" erzählt Filmemacher Christian Weisenborn die sehr persönliche Geschichte seines Vaters. Der Schriftsteller und Dramaturg Günther Weisenborn war NS-Gegner und einer der führenden Köpfe in der Widerstandsbewegung "Rote Kapelle". Im Gegensatz zu anderen Aktivisten gegen Hitler spielt sie im öffentlichen Bewusstsein heute kaum noch eine Rolle. Dabei gilt die "Rote Kapelle" nicht nur wegen ihres hohen Frauenanteils als eine der interessantesten oppositionellen Gruppen während des NS-Regimes.

Erst spät kommt Weisenborns ebenso fein wie klug montierter Film auf den Grund zu sprechen, warum die "Rote Kapelle" heute nur noch historisch interessierten Fachleuten bekannt scheint: Im Nachkriegsdeutschland wurde die mutige Gruppe – erfolgreich – als kommunistisches Spionage-Netzwerk verunglimpft.

Christian Weisenborn, 1947 in Berlin geboren, nimmt sich viel Zeit, um die Mitglieder des Widerstands vorzustellen. Darunter vor allem lebenslustige, junge Leute. Künstler, Zahnärzte, Offiziere und einfache Sekretärinnen. Bis zu 400 Mitglieder soll die Gruppe gehabt haben. Sexuell freizügig und in Feierlaune waren sie, darunter viele weibliche Protagonisten. Insgesamt gab es einen erstaunlichen Frauenanteil von 40 Prozent. Nur eines war die heterogene Gruppe nicht: ein kommunistischer Kader.

Zwar spielten zentrale Charaktere wie Luftwaffen-Offizier Harro Schulze-Boysen und seine Frau Libertas in ihrer Vision für ein Deutschland nach Hitler mit Ideen wie Planwirtschaft, doch klassisch kommunistisch, wie nach dem Krieg sogar linke Blätter wie "Spiegel" und "Stern" behaupteten, war die Gruppe nie. Die Demontage der "Roten Kapelle" – sie half Juden und anderen Verfolgten oder dokumentierte vor und während des Krieges Nazi-Verbrechen – erfolgte aufgrund gezielt gestreuter Fehlinformationen westdeutscher Geheimdienste, an deren Verbreitung die Post-NS-Lobby in der BRD entscheidenden Anteil hatte.

So wurde das Verfahren gegen den "Rote Kapelle"-Chefankläger Manfred Roeder, Mitverantwortlicher für mindestens 45 Todesurteile gegen Mitglieder der Widerstandsgruppe, lange verschleppt und schließlich Jahrzehnte später eingestellt. Roeder wurde für seine Kriegsverbrechen nie belangt und lebte ab 1963 sehr gut von seiner Pension als Generalrichter. Christian Weisenborns stimmungsvoll erzählter Film ist nicht nur die Hommage an den Vater und eine Gruppe sehr moderner, freigeistiger und mutiger Menschen. Er ist ebenso ein Lehrbeispiel für die Verunglimpfung der Wahrheit. Erst in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends wurde die "Rote Kapelle" von einer Historikerkommission voll rehabilitiert. Dass verdrehte Fakten und Fake News gerade heute wieder zum politischen Werkzeug gehören, diese Assoziation drängt sich beim Betrachten dieses wichtigen und bewegenden Dokumentarfilms auf.


Quelle: teleschau – der Mediendienst