Geständnisse eines Neonazis
10.05.2023 • 22:15 - 23:05 Uhr
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Produktionsland
D
Produktionsdatum
2023
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Gefährlicher als erwartet? Ein Insider aus der rechten Szene packt aus

Von Eric Leimann

Militante Neonazis arbeiten auf den Tag des Systemzusammenbruchs hin – sagt einer, der jahrzehntelang in der verschwiegenen Szene aktiv war. Für den ungewöhnlichen Doku-Mehrteiler "Geständnisse eines Neonazis" wurde "Michael" mit Gaming-Technologie animiert – um die Quelle zu schützen.

Es ist ein ungewöhnlicher, ja gewagter Ansatz, mit dem Filmemacher Dennis Leiffels seinen Doku-Zweiteiler "Geständnisse eines Neonazis" (Teil zwei am Mittwoch, 17. Mai, 22.45 Uhr) den Zuschauern nahebringen will: Ein ehemals militanter Neonazi, über Jahrzehnte im inneren Kern der rechten Szene aktiv, will auspacken. Er erzählt sein Leben und verrät viel über Finanzierung, Bewaffnung und Pläne der alten Kameraden. Ein durchaus detailreiches und auch in seinen Aussagen beängstigendes Doku-Stück.

Doch um ihre Quelle "Michael" zu schützen, wurde nicht nur ihr Name geändert, sondern der Aussteiger in einen Avatar verwandelt, der mithilfe zweier Schauspieler (einer spricht die Neonazi-Erlebnisse, der andere gab die Bewegungen für den Avatar vor) den Stoff in virtuell "nachgestellte" Szenen gießt – Interviews und Erlebnisberichte. So schafft die Doku, bei aller inhaltlicher Brisanz, auch ein wenig Distanz. Während "Geständnisse eines Neonazis" im linearen Fernsehen in einer etwas kürzeren Version läuft, ist der FIlm in der ZDF-Mediathek ab Montag, 8. Mai, als insgesamt 90 Minuten langer Dreiteiler zu sehen.

Wer der Doku, deren Aussagen schon ziemlich unglaublich klingen, folgt, stellt sich früher oder später die Frage, ob denn diese eine, wenn auch sehr detailreich berichtende Quelle tatsächlich ausreicht, um ihr Glauben zu schenken. Die Filmemacher haben das Material durch sehr erfahrene Rechercheure prüfen lassen und sind sich sicher: Das, was "Michael" erzählt, ist wahr. Wahr von den Anfängen seiner Geschichte an, die in einem rein "rechten" Elternhaus spielen, das seinen Sohn in "völkische" Zeltlager zur frühen Indoktrinierung schickte, das aber auch wusste, was man öffentlich erzählen durfte und wie man sich dort gab, um mit der radikalen Gesinnung nicht aufzufallen. Dem erwachsenen "Michael" gelang der nahtlose Übergang zur militanten Szene, über die der Aussteiger nun auspackt. So seien die Neonazis von heute besser organisiert und finanziert als gedacht. Sie horten demnach Waffen, bilden ihre Mitglieder daran aus und warten auf "Tag X", an dem es dem System an den Kragen gehen soll.

Der virtueller Nazi aus dem Computer

Einige Details aus der rechten Szene, die "Michael" bestätigt, sind durchaus erwähnenswert. So zum Beispiel die große Bedeutung der Musik, mit der über Konzerte und CD-Verkäufe bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr (Stand: 2018) verdient werden. Deutschland hat die größte Rechtsrockszene weltweit. Weitere Einnahmequellen bilden demzufolge Versandhandel, Musik-Merchandise, Immobilien, Security-Business, organisierte Kriminalität und Kampfsport-Veranstaltungen.

Keine besonders ruhmreiche Rolle, so heißt es in der Doku, nehme dabei der Verfassungsschutz ein. So berichtet "Michaels" Avatar, dass der Verfassungsschutz bei allen Aktivitäten der rechten Szene "nur zugesehen habe". Er selbst wurde insgesamt zehnmal angesprochen, ob er für den Verfassungsschutz arbeiten wolle. Es wäre viel Geld angeboten worden, einige hätten es genommen, andere nicht – heißt es im Film. Insgesamt klingt es in der Doku nicht danach, als hätte diese Politik viel gebracht – eher im Gegenteil.

Viele von "Michaels" Insider-Informationen sind spannend und aufschlussreich, wenn man davon ausgeht, dass die Faktenchecker des ZDF-Programms ihre Arbeit so sauber erledigt haben, wie sie im Rahmen der Doku versichern. Ob man hingegen die Machart des Films als etwas betrachtet, das mehr Nähe und Erlebbarkeit schafft, steht auf einem anderen Blatt. "Michaels" Erzählungen wurden von Motion-Artists der OnPoint Studios Berlin in monatelanger Arbeit in die virtuelle Welt überführt. Dabei wurde "Michael" in Bewegung, Gestik, Mimik und Sprache in eine fast realistisch anmutende Person verwandelt. Verwendung fand die Grafik-Engine "Unreal Engine 5", die bislang vor allem in der Gaming-Industrie oder bei Hollywood-Produktionen eingesetzt wurde – und nun erstmals umfassend für eine Doku-Serie des ZDF.

Geständnisse eines Neonazis (1) – Mi. 10.05. – ZDF: 22.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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