Oft gehören die Fälle der Magdeburgerin Doreen Braschs (Claudia Michelsen) nicht zur Spitzenware der deutschen Krimikunst. Nicht so der "Polizeiruf 110: Der Verurteilte" von 2020. Die preisgekrönte Geschichte einer verschwundenen jungen Mutter ist wendungsreich, hochspannend und angsteinflößend.
An diesem "Polizeiruf" sieht man mal wieder, was ein wirklich gutes Drehbuch ausmacht: Die alleinerziehende Krankenpflegerin Valerie (Amy Benkenstein) hat sich über ein Dating-Portal am Abend mit einem Mann verabredet. Am Morgen danach wird ihre Nachbarin und Freundin Sandra vom Weinen des bei ihr abgestellten Babyphones wach. Valeries Tochter ist alleine in der Wohnung, das Bett der Mutter leer. Eine große Suchaktion beginnt. Im Haus einer Patientin, die Valerie wohl spätabends noch aufsuchen wollte, finden sich Spuren der Verschwundenen. Sie führen zum verschrobenen Gärtner Markus Wegner (Sascha Geršak) und seiner Frau Annegret (Laura Tonke).
Die wendungsreiche, extrem fiese Geschichte hat sich Jan Braren ausgedacht, der 2012 für seinen viel gelobten Cyber-Mobbing Film "Homevideo" einen Grimmepreis gewann. Neben Brarens bärenstarken neuen Plot, über den man vorab besser nicht zuviel wissen sollte, muss jedoch über die Besetzung der Episodenhauptrollen mit den Ausnahme-Schauspielern Sascha Geršak und Laura Tonke gesprochen werden. So unterschiedlich die beiden Mimen mit ihrer Kunst umgehen – Geršak (beeindruckend als Hans-Jürgen Rösner in "Gladbeck") mit großer Physis und Wucht, Tonke ("Hedi Schneider steckt fest") als Meisterin der mikroskopisch kleinen Gesten -, in diesem Film performen sie als "White Trash"-Pärchen so grandios, dass man als Zuschauer mit offenem Mund zurückbleibt.
Dass die Erstausstrahlung von "Der Verurteilte" ausgerechnet in der Post-Weihnachtszeit 2020 – also der erweiterten "Besinnlichkeitsphase" zwischen den Jahren – platziert wurde, ist zumindest erstaunlich. Der Ekel-Krimi aus Magdeburg ist nämlich so ziemlich das Gegenteil eines Weihnachtsfilms und vermittelt auch alles andere als eine frohe Botschaft. Doch egal, Qualität ist Qualität. Und wenn klar festgestellt werden kann, dass dieses späte Krimi-Highlight des Jahres 2020 (Regie: Brigitte Maria Bertele, "Tatort: Die Pfalz von oben") auf jeden Fall der beste Michelsen-"Polizeiruf" bis dato war, kann man es auch als Weihnachtsgeschenk der Magdeburger Macher an die Zuschauer und sich selbst betrachten. Immerhin: Zuletzt war dem Magdeburger Revier auch mit dem "Polizeiruf 110: Ronny" (Drehbuch: ebenfalls Jan Braren) über ein aus dem Heim verschwundenes Kind ein bärenstarker Sozialkrimi gelungen.
Polizeiruf 110: Der Verurteilte – Fr. 07.07. – ARD: 23.15 Uhr