Riefenstahl
24.11.2025 • 22:50 - 00:30 Uhr
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Leni Riefenstahl im CBC-Interview „Leni Riefenstahl in her own words“ (1965).
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Leni Riefenstahl bei der Kamera, während der Dreharbeiten von „Olympia“ mit Joseph Goebbels und Hermann Göring auf der Tribüne (1936) (aus dem Nachlass).
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Leni Riefenstahl über die Botschaft im Film „Triumph des Willens“ (Ausschnitt aus „Die Macht der Bilder: Leni Riefenstahl“, Ray Müller (1993)).
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Leni Riefenstahl kontrolliert ihr Aussehen für die Aufzeichnung zur dreiteiligen Dokumentation „Speer und er“ von Regisseur Heinrich Breloer (1999).
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Originaltitel
Riefenstahl
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2025
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Die Muse der Nazis

Von Eric Leimann

Andres Veiels und Sandra Maischbergers "Riefenstahl" feierte 2024 Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig. Dort, wo die 2003 im Alter von 101 Jahren verstorbene "Filmemacherin der Nazis" früher Erfolge feierte. Die großartige, akribische Montage von Riefenstahls Nachlass ist schlichtweg genial.

Leni Riefenstahls Filme wie "Triumph des Willens" (1935) oder "Olympia" (1936-38) beeindrucken bis heute. Niemand, erst recht keine Frauen, die als Filmemacherinnen damals keine Rollen spielten, schoss so schöne und ästhetische Bilder. Als Muse vieler Nazi-Größen, an erster Stelle Adolf Hitler, dem sie hingebungsvolle Briefe schrieb, blieb Riefenstahl auch nach dem Ende des Regimes 1945 eine gefragte Frau. 2003 starb die Fotografin, Regisseurin, Schauspielerin und Tänzerin im biblischen Alter von 101 Jahren. Ihren Nachlass, unfassbare 700 Kisten mit Material, durfte mit Andres Veiel ("Black Box BRD") einer der renommiertesten Dokumentarfilmer Deutschlands sortieren. Gemeinsam mit Produzentin Sandra Maischberger, die Riefenstahl selbst noch im hohen Alter interviewte, erschuf man aus Filmmaterial, Fotos und Riefenstahls akribisch mitgeschnittenen Telefonaten und Anrufbeantworter-Botschaften die faszinierende Dokumentarfilm-Collage "Riefenstahl". In ihr entlarvt sich die Frau, die stets leugnete, von den Gräueltaten der Nazis gewusst zu haben, als eitle Geschäftemacherin und Fan nationalsozialistischer Ideale.

Premiere feierte der eigentlich knapp zweistündige Film, der für die TV-Version auf 90 Minuten gekürzt wurde, bei den Filmfestspielen von Venedig 2024. Danach lief "Riefenstahl" im Kino. Nun zeigt das Erste das Werk als TV-Premiere, die für ein Jahr auch in der ARD-Mediathek stehen wird.

Auch nach dem Krieg lebte Leni Riefenstahl übrigens gut vom ihrem zweifelhaften Ruf. Weltweit war die attraktive und auch ein bisschen diabolisch wirkende Filmemacherin ein gefragter Interviewgast, wie man in zahlreichen Ausschnitten aus Formaten wie dem CBC-Interview "Leni Riefenstahl in her own words" (1965) auch in Andres Veiels Doku bewundern kann. Auch in deutschen BRD-Talkshows war Leni Riefenstahl in den 60-ern und 70-ern zu Gast, dazu kamen Home Storys. Und wenn die Fragen kritisch wurden, konnte man – und kann man in diesem Dokumentarfilm – grandiosen Wutausbrüchen und heftigem Gezeter einer älteren Dame namens Leni Riefenstahl beiwohnen.

Prächtig leben vom dubios verwegenen Ruf

Die Entlarvung der Leni Riefenstahl geschieht im brillant montierten Dokumentarfilm weitgehend ohne Off-Kommentar. Nur an wenigen Stellen erzählt die Stimme von Ulrich Noethen einige wenige Fakten zur Einordnung. Der Rest sind Briefe, Botschaften, Bilder und vor allem Interviews und beiläufig von der Kamera begleitete Gespräche der Protagonistin. Leni Riefenstahl, die von ihren ehrgeizigen Eltern – die lieber einen Sohn gehabt hätten – zu Höchstleistungen getrimmt wurde, musste in jungen Jahren als Künstlerin in einer ungehemmten Männerwelt selbst heftige sexuelle Übergriffe und (versuchte) Vergewaltigungen hinnehmen. Einer ihrer Peiniger war Reichspropagandaminister Joseph Goebbels.

Später ließ Riefenstahl dann selbst filmische Begleiter über die Klinge springen. Politisch mit der Übernahme der Faschisten in Ungnade gefallene Mitstreiter wurden von ihr bewusst aus Stab-Listen entfernt, und auch für "filmisches Kanonenfutter" sorgte sie. So deckt die Doku auf, dass Riefenstahl laut Sandra Maischberger "ein Massaker in den ersten Kriegstagen in Polen nicht nur als Zeugin erlebt hat, sondern es möglicherweise sogar mit ausgelöst hat". Für ihre Arbeit am spät im Krieg entstandenen Film "Tiefland" engagierte Riefenstahl über hundert Sinti und Roma aus KZs wie dem Zwangslager Maxglan bei Salzburg oder dem Lager Marzahn bei Berlin, da sie "südländisch" wirkende Komparsen für den Film benötigte, vor allem waren es Kinder.

Auf Fotos und Set-Filmen sieht man Riefenstahl, wie sie sich freundlich lächelnd mit jenen Kindern umgibt, als wäre sie deren Mutter oder Wohltäterin. Später wurden die Komparsen ins KZ zurückgeschickt, wo die meisten von ihnen ums Leben kamen.

"Riefenstahl" ist auch der entlarvende Film über eine Frau, die als eine der ersten Medienpersönlichkeiten die Kraft von Fake-News erkannte. Nach dem Motto: Wenn man nur lange und oft genug behauptet, man hätte nichts mit der Nazi-Ideologie zu tun gehabt, kommt man einfach so davon. Und kann sogar prächtig von seinem dubios verwegenen Ruf leben.

Riefenstahl – Mo. 24.11. – ARD: 22.50 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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