Die Dokumentation "Schlagerland" lässt tief blicken in die wohl deutscheste aller Musikrichtungen und zeigt, was sich hinter dem Gute-Laune-Image der Branche verbirgt.

Gerade noch stand Franziska Wiese auf der Bühne, zum ersten Mal vor großem Publikum. Schlagersängerin will die 29-Jährige werden, erzählt sie nun Jürgen Drews, einem Urgestein der Szene. Der "König von Mallorca" blickt die Newcomerin entgeistert an, will wissen, warum sie denn nicht lieber Pop machen wolle. Er, der sein Leben der Musik gewidmet hat, kann es kaum glauben, dass da eine junge Frau neben ihm steht und vom Schlager träumt. "Ich wollte nie Schlager singen", gesteht Drews, und macht doch nichts anderes. Offen wie kaum ein anderer gibt der Mann mit der sonnengegerbten Haut und den langen braunen Haaren in der Dokumentation "Schlagerland" Einblicke in eine Szene, die nichts mehr liebt, als das Zelebrieren der heilen Welt, hinter der sich aber ein knallhartes Geschäftsmodell verbirgt. 3sat zeigt den sehenswerten Beitrag nun in einer Wiederholung.

Am Ende des 90-minütigen Films von Arne Birkenstock wird die Nachwuchskünstlerin Wiese ganz oben angekommen sein: Mit ihrer Geige – das Instrument spielt sie seit Kindertagen – steht sie auf der Bühne des "Schlagerfestes" von Florian Silbereisen, dem Flaggschiff unter den Schunkelformaten im deutschen Fernsehen.

"Schlagerland" begleitet die junge Frau auf dem Weg von der Musikerin zum Produkt. "Irgendwann, ich war noch klein, wollt' ich gern ein Maler sein", singt Wiese in einem ihrer Songs, "später hab' ich dann entdeckt, welche Kraft in Liedern steckt". Sie klingt ein wenig wie Alexandra, die in den späten 60-ern hochtheatralisch das Baumsterben besang. Wäre da nicht der Technobeat, das ewige Umpf-Umpf, das heute offenbar zum Grundgerüst eines guten Schlagers gehört.

"Alltag vergessen, 'ne gute Zeit haben, bisschen abschalten, und auch nicht zu anstrengend sein": So erklärt Jörg Hellwig den neuen Erfolg der alten Musik. Hellwig muss wissen, wovon er spricht. Er ist Chef von Electrola, einer Plattenfirma, die seit bald 100 Jahren ihr Geld macht mit den musikalischen Sehnsüchten der Deutschen. Franziska Wiese ist sein neuestes Produkt. Er verpasst dem Mädel mit der Geige ein Image, das ihre Musik verkaufen soll. Kein leichtes Unterfangen: "Musik und Optik" würden nicht zusammenpassen bei Wiese, sagt später Michael Jürgens, der Produzent von Silbereisens "Schlagerfest". Also sieht die Schlagergeigerin wenig später komplett anders aus: weniger Lippenstift, glatte Haare statt Locken. Selbes Produkt, neue Verpackung, Deal.

Ob es das wert ist? Wer Jürgen Drews beobachtet, bekommt da seine Zweifel. Erst ein Auftritt in Oberhausen, dann auf der Berliner Waldbühne, schließlich auf dem Spargelfest im brandenburgischen Beelitz. Alles an einem Tag. Zur Begrüßung "Olé, ich freu mich drauf", später "Ein Bett im Kornfeld", natürlich noch "Der König von Mallorca". Das Lied, sagt Drews, ist "so bescheuert, dass es schon wieder gut ist". Aber es kommt an. "Ein richtig schwerer, harter Beruf" sei es, Schlagersänger zu sein, weiß auch Ralph Siegel, Erfinder der Band Dschinghis Khan und Komponist des ESC-Gewinners "Ein bisschen Frieden" von Nicole.

Schwer sei es heute, von der Musik zu leben, sagt Siegel. Franziska Wiese, einst Angestellte in einem Arbeitsamt, kündigt dennoch ihren Job. Ein gewagter Schritt. Denn Erfolg sei eben nicht planbar, weiß Schlagerproduzent Jean Frankfurter zu berichten. Wer hätte etwa gedacht, dass Helene Fischers "Atemlos" zu einem derartigen Hit werden würde? Nicht einmal Kristina Bach, Komponistin der Nummer, hatte das für möglich gehalten. Obwohl sie glaubt, das Wesen des Schlagers durchschaut zu haben. "Der deutsche moderne Schlager ist technoid", analysiert sie. "Und Techno ist verkappte Marschmusik. Und das liebt der Deutsche."

"Leichte Musik ist leicht verbreitbar", bringt es hingegen Gitte Haenning auf den Punkt. 1963 wollte die Dänin "nen Cowboy als Mann", heute scheint ihr das Gejodel von einst fast ein wenig peinlich zu sein. Sie vermisst die Substanz im deutschen Schlager, lässt Haenning durchblicken. Ähnlich sieht das Roland Kaiser, ein Star der Szene und SPD-Mitglied. Ihm fehle der "textliche Zeitgeist" im Schlager von heute, sagt der Sänger. Er selber aber, das gibt Kaiser unumwunden zu, könne es auch nicht besser.

Bleibt die Frage, was das für Leute sind, die diese Musik hören. Im Film kommen sie nur selten zu Wort. Vielleicht, weil die Fanszene heute kaum zu fassen ist. Schlager ist Mainstream geworden, läuft wieder in den Clubs, ist "der Soundtrack der Menschen, die unter der Woche hart arbeiten und am Wochenende hart feiert", wie es Filmemacher Birkenstock ausdrückt.

Hart am Arbeiten ist inzwischen auch Franziska Wiese, die Schlagersängerin mit der Geige. Nach ihrem Auftritt bei Silbereisen folgten weitere Fernsehshows, derzeit tourt sie mit dem Schlagerzirkus "Immer wieder sonntags " durch die Lande, beinahe täglich steht sie in einer Stadt- oder Messehalle auf der Bühne. Mission erfüllt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst