Stolpersteine - Gegen das Vergessen
23.01.2025 • 21:05 - 22:00 Uhr
Info, Zeitgeschichte
Lesermeinung
Jeder einzelne Stolperstein wird von Hand gefertigt, jeder Buchstabe einzeln eingeschlagen.
Vergrößern
Zwei Steine erinnern an zwei Menschen, die früher hier gewohnt haben. Das Haus selbst gibt es nicht mehr.
Vergrößern
Der Erfinder: Künstler Gunter Demnig (li.) bei einer Verlegung im Gespräch mit dem Organisator der Stolpersteine in Frankfurt am Main, Martin Dill (re.)
Vergrößern
Die Stolpersteine gehören in vielen Städten Deutschlands längst zum Straßenbild. In Berlin liegen mehr als 10.000 von ihnen.
Vergrößern
Originaltitel
Gegen das Vergessen
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2024
Info, Zeitgeschichte

Es geschah in der Nachbarschaft

Von Wilfried Geldner

"Hier wohnte" steht auf einer Messingplatte, danach das Datum der Geburt, der Deportation und der Ermordung. 1993 verlegte der Künstler Gunter Demnig in Köln erstmals einen "Stolperstein". Inzwischen gibt es 100.000 in 30 Ländern. Sie bringen die Schicksale von Verfolgten und Ermordeten näher als abstrakte Zahlen, wie der WDR-Film von Marius Möller überzeugend anschaulich macht.

"Jeder Stein erinnert an ein im Nationalsozialismus zerstörtes Leben", sagt der Konzeptkünstler Gunter Demnig, der in den frühen 90-ern die Idee hatte, mit in den Boden eingelassenen Erinnerungssteinen an die vergessenen Opfer des Naziterrors zu erinnern. Die Anfänge waren schwierig, es gab Widerstand, Städte und Gemeinden sperrten sich aus unterschiedlichen Gründen. Doch inzwischen hat das Konzept der "Stolpersteine", das die Auseinandersetzung der Nachkommen und Nachbarn mit persönlichen Schicksalen anregen soll, Erfolg. Das zeigt die so informative wie lebendige Dokumentation von Marius Möller (WDR / ARTE).

"Hier wohnte ...", so beginnen die in Messingplatten gravierten Aufschriften vor Häusern, in denen einst Deportierte und Ermordete wohnten – Juden zumeist, aber auch Sinti und Roma, Euthanasie-Opfer und politisch Verfolgte. Weiter werden der Name des früheren Bewohners sowie das Datum der Deportation und des Todes genannt. Es ist die Alltäglichkeit des Geschehens, die hier ins Bewusstsein zurückgeholt wird. Nicht nur der Opfer wird gedacht, frühere Mitbewohner und Nachbarn werden einbezogen.

"Nicht der Stein ist das Kunstwerk", sagt Demnig, sondern die Auseinandersetzung damit. Statt abstrakter Trauer soll die Nähe zu den Opfern hergestellt werden. Immer mehr Angehörige wollen inzwischen mit "Stolpersteinen" an ihre Vorfahren erinnern. Inzwischen gibt es über 100.000 Denksteine – Betonklötze mit Messingplatte – in 30 Ländern, in Deutschland und Holland die meisten. Frankreich sperrte sich lange, das Land hat eine andere Gedenkkultur, sie blieb dort lange staatlich verordnete Pflicht.

Mit kurzen Archivbildern aus der NS-Zeit und – große Ausnahme – mit lebendigen Statements von engagierten Historikern wird im Film Zeitgeschichte lebendig. Nachkommen aus Kanada wollen in Frankfurt sich und andere an ihre ermordeten Vorfahren "Georg und Susi" erinnern, die einmal "ein Teil von Frankfurt" waren. Aber auch eine jüdische Widerstandskämpferin aus Berlin-Kreuzberg bekam jüngst einen Gedenkstein. Mit 14 war sie auf das Dach des Kaufhauses Hertie gestiegen, hatte den Spruch: "Nieder mit Hitler" aufgemalt und später eine Widerstandsgruppe gegründet. Bisher hatte es keine Erinnerung an sie gegeben.

Auch, wenn sich manche Städte und Gemeinden sträuben, Erinnerungssteine auf öffentlichem Grund zuzulassen und die Verantwortung lieber ins Private verschieben, ist mit ihnen doch der Anfang für eine neue, mehrere Generationen übergreifende "Erinnerungskultur" gemacht. Letztlich plädiert auch diese Doku selbst für ein neues, anderes Erinnern, das sich nicht nur aus Zahlen, aus Schuld und Sühne speist, sondern aus persönlichem Interesse.

Stolpersteine – Gegen das Vergessen – Do. 23.01. – ARTE: 21.05 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Das beste aus dem magazin

Heinz Strunk und Ully Arndt.
HALLO!

Heinz Strunk und Ully Arndt im Interview: „Bilder lassen sich nicht überlesen“

Im Carlsen Verlag ist die lange erwartete Comic-Version des Bestsellers „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk erschienen. Ully Arndt hat den Stoff adaptiert. Wir haben mit beiden gesprochen.
Dr. med. dent. Julia Thome ist Zahnärztin im Kölner Carree Dental. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte sind Funktionsdiagnostik/-therapie und Wurzelkanalbehandlungen.
Gesundheit

So bleibt die Zahnprothese lange in Schuss

Zahnprothesen benötigen besondere Pflege, um lange haltbar und funktionstüchtig zu bleiben. Zahnpasta ist ungeeignet, da sie die Prothese beschädigen kann. Erfahren Sie, wie Sie Ihre Prothese richtig reinigen und pflegen.
"Migräne Doc" von Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee
Gesundheit

Für Sie gelesen: "Migräne Doc" von Prof. Dr. med. Dagny Holle-Lee

Migräne betrifft Millionen in Deutschland. Professor Dr. med. Dagny Holle-Lee, selbst Betroffene und Expertin, bietet in ihrem Buch "Migräne Doc" wertvolle Einblicke und Tipps zur Linderung und Diagnose der Krankheit.
Martin Goldenbaum mit seiner Gitarre.
HALLO!

Martin Goldenbaum über sein neues Album "Alles Bunt": "Dem Mikrofon erzähle ich alles"

Martin Goldenbaum, der Sänger der Band Brenner, ist nach einem Ausflug in den Bereich des „Rock-Schlagers“ mit seinem Solo-Album wieder punkiger und rockiger unterwegs. Im Interview gewährt er Einblicke. 
Heinz-Wilhelm Esser mit einem Stethoskop.
Gesundheit

PMDS – wenn der Zyklus zur Zumutung wird

Das prämenstruelle dysphorische Syndrom (PMDS) ist mehr als nur ein Befindlichkeitsproblem. Es betrifft zahlreiche Frauen und wird oft unterschätzt. Dr. Esser erläutert Ursachen und Therapieansätze.
Das Buch "Der stille Dickmacher" von Daniela Kielkowski.
Lesetipps

Für Sie gelesen: "Der stille Dickmacher"

In ihrem Buch "Der stille Dickmacher" erklärt Daniela Kielkowski, wie das Gehirn unser Gewicht steuert und warum Stressabbau entscheidend für eine erfolgreiche Diät ist.