Tatort
11.04.2021 • 20:15 - 21:45 Uhr
Serie, Krimireihe
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Produktionsland
D
Produktionsdatum
2021
Altersfreigabe
12+
Serie, Krimireihe

Narziss und Geld-im-Mund

Von Eric Leimann

Ein Ludwigshafener Spätkauf-Betreiber wird brutal erschlagen hinter der Ladentheke gefunden. In seiner Kehle: das Wechselgeld. Lena Odenthal und Johanna Stern ermitteln im neuen "Tatort" unter verdächtigen Kunden.

Die Ludwigshafener Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) haben derzeit gut zu tun. Nach dem Weihnachtsfall "Unter Wölfen" und "Hetzjagd" im Februar ist "Der böse König" schon ihr dritter "Tatort" in dreieinhalb Monaten. Zuletzt waren es gesellschaftliche Themen, die das Südwest-Revier umtrieben: Die Macht privater Sicherheitsdienste und der mangelnde Schutz von Zielpersonen rechten Terrors. In der neuen, im Hochsommer 2020 gedrehten Folge geht es indes tiefenpsychologisch zu: Während einer lauen Nacht wird Spätkauf-Betreiber Sandro Esposito (Christoph Gaugler) erschlagen von einer Kundin hinter der Ladentheke gefunden. Jemand hat brutal auf den Mann eingedroschen – und ihm zudem noch Münzgeld in die Kehle gestopft. Letzteres spricht nicht unbedingt für den klassischen Raubmord. Ebenfalls verwunderlich: Einige Kunden lungerten zwischen den Regalen des Shops herum, als die Leiche schon längst hinterm Tresen lag. Warum hatten sie zuvor nichts mitbekommen?

Unter den verdächtigen Ladenbesuchern befinden sich ein Freund (Bernhard Conrad) des ehemaligen Besitzers (Özgür Karadeniz), der nach einem Wein suchte. Auch der aggressive Verlierer-Typ Jannik Berg (Pit Bukowski) trieb sich im Spätkauf herum, ebenso wie der smarte Anton Maler (Christopher Schärf), der sich selbst Antoine nennt und die Ermittlungen der Kommissarinnen – besonders die von Johanna Stern – schnell auf eine persönliche Ebene bringen will. Gleichzeitig kümmert sich der Mann rührend um seine Freundin oder Ex-Freundin (Lana Cooper), die mit einem seltsamen Leiden an ihre Wohnung gefesselt ist.

Einer von 100 ist ein Nazisst

Im Zentrum des Drehbuchs von Martin Eigler (auch Regie) steht jener Anton Maler – aber ist er auch der Täter? Je mehr die Kommissarinnen über ihn erfahren, desto beeindruckter oder wütender darf man sein: "Antoine" erzählt Lügengeschichten, die ihn und seine Biografie interessanter machen. Alles, was der Mann sagt, scheint charmant und zeigt ihn in exzellentem Licht. Doch was passiert, wenn man dem Narziss widerspricht oder ihn gar kritisiert?

Zwischen 0,4 bis ein Prozent der Bevölkerung leidet unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, recherchierte "Tatort"-Macher Martin Eigler. Mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump schaffte es sogar einer von ihnen ins Weiße Haus. Kennzeichen krankhafter Narzissten sind: Größenwahn, Unfähigkeit zur Selbstkritik und die Einteilung aller Menschen in Feinde und "Freunde", die sich jedoch komplett unterwerfen müssen.

Gespielt wird der Narziss vom österreichischen Schauspieler Christopher Schärf ("Einer von uns"), den man von Nebenrollen aus Serien wie "Braunschlag", "Der Pass" oder "Skylines" kennt. Der 42-Jährige wirkt locker zehn Jahre jünger und taucht in der österreichischen Presse gern in Rubriken wie "Die schönsten Männer Wiens" auf. Tatsächlich ist Schärf ein talentierter Verführer und damit durchaus glaubhaft in einer "Tatort"-Charakterstudie, die ein bisschen an den grandiosen Stuttgarter "Tatort"-Fall "Der Mann, der lügt" von 2018 erinnert. Auch der stammte übrigens von Martin Eigler und setzte sich mit einer Figur auseinander, die chronisch "alternative Wahrheiten" kreieren muss.

Nun – ganz so irritierend wie das Stuttgarter Meisterstück ist "Der böse König" nicht, dafür ist das Ludwigshafener Narzissten-Porträt ein wenig zu explizit und durchschaubar. Trotzdem sieht man dem Karussell frustrierter Loser-Männer im Visier kluger Kommissarinnen gerne zu. Auch, weil es längere Zeit irritierend unklar bleibt, welches Spiel das Verdächtigen-Quartett treibt. Es ist ein solider Ludwigshafener Sommer-Fall in satten Farben entstanden, der sein interessantes Thema publikumswirksam zu transportieren versteht. Vielleicht wird auch die gut zehn Millionen starke "Tatort"-Familie ab Sonntagabend, 21.45 Uhr, ihren Freundes- und Bekanntenkreis nach Narzissten absuchen. Laut Statistik könnten sich unter ihnen bis zu 100.000 "Verdächtige" finden.

Tatort: Der böse König – So. 11.04. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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