Wolfswinkel
03.09.2025 • 20:15 - 21:45 Uhr
Fernsehfilm, Drama
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Originaltitel
Wolfswinkel
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2022
Fernsehfilm, Drama

Stille Dörfer sind tief

Von Jasmin Herzog

Das Drama "Wolfswinkel" (2023), das die ARD nun wiederholt, ist und bleibt aktuell. Die Polizistin Melanie freut sich über die Rückkehr ihrer Jugendfreundin Lydia in die brandenburgische Provinz. Doch die Influencerin stellt mit ihrem rechten Gedankengut schon bald das Dorf auf den Kopf.

Cannabis im Garten, eine "gestohlene" Straße und die Rückkehr einer alten Freundin: Zu Beginn des Films "Wolfswinkel" ist einiges los im ansonsten eher beschaulichen ländlichen Idyll rund um das titelgebende Örtchen. Hier, in der brandenburgischen Pampa, kennt man sich, alles hat seinen Platz und läuft in geordneten Bahnen, ist grundsolide – was augenscheinlich auch für das Leben der Dorfpolizistin Melanie (Annett Sawallisch) gilt. – Schon viele Komödien, Dramen oder Krimis haben es sich zur Aufgabe gemacht, so ein vermeintliches kleines Paradies als die Hölle auf Erden zu entlarven oder die gemütliche Kaffwelt wenigstens mal ein bisschen auf links zu drehen. Auch in "Wolfswinkel" wird der gut eingerichtete Alltag in der Provinz jäh gestört. Doch diesmal ist die Story anders als erwartet. Es geht um Politik, um verengte Meinungskorridore und letzten Endes um die Spaltung der Gesellschaft. Ein bisschen viel für so ein kleines Dorf. Und für so einen Film.

Zunächst wähnt man sich als Zuschauer in einem jener heiteren Heimatdramen, die das Erste sonst gerne am Freitagabend zeigt: Melanie arbeitet bei der brandenburgischen Polizei und lebt daheim in Wolfswinkel recht glücklich vor sich hin. Sie will von jedem gemocht werden, und wenn es mal brenzlig wird, hält sie sich lieber raus. Ohne Zweifel ein Mensch, der schätzt, was er hat und was ihn umgibt, und sich ungern aus der Komfortzone rausbewegt.

"Wolfswinkel" ist aber ein ARD-Mittwochsfilm. Hier platziert der Sender neben Krimis häufig relevante Filme, Dramen und Krimis mit gesellschaftspolitischen Bezügen. So auch diesmal. Denn alles wird anders im Ort, als eines Tages Melanies beste Freundin Lydia (Claudia Eisinger, "Der Masuren-Krimi") zurückkehrt, weil sie das Haus ihrer verstorbenen Tante geerbt hat. Außerdem verlief wohl die erträumte Schauspielkarriere nicht so, wie Lydia sich das erhofft hatte – was sie ziemlich frustriert. Aber erst mal ist die Freude auf beiden Seiten groß. "Ick globs ja nich!", freut sich Melanie, als sie ihre Freundin wegen einer Verkehrskontrolle anhalten muss. "Jut siehste aus, Barbie." "Du sollst mich nicht Barbie nennen", schimpft ihre Freundin gespielt zurück. Sie nennt sie liebevoll "Landei". Zwei Frauen, zwei Gegensätze, aber trotzdem ist da etwas: die Basis einer einst engen Freundschaft.

"Ich finde das nicht richtig"

Schnell merkt Lydia: In Wolfswinkel herrscht immer noch tote Hose, die Stille empfindet sie als erdrückend. Genau deshalb ist sie doch damals nach Berlin gegangen. Außerdem trifft sie Menschen wieder, auf die sie lieber verzichten würde. So wie Grundschullehrerin Anja (Alina Levshin, "Im Angesicht des Verbrechens"), die schon als Jugendliche gerne bei der Schauspielerin aneckte und gerade mit einem großen Problem zu kämpfen hat: Von einem Stück Straße wurde sämtliches Kopfsteinpflaster über Nacht entfernt. Es war ausgerechnet der geschichtsträchtige Weg, der zu einer Stelle am Kiessee führt, an der einst für Bunkeranlagen der Wehrmacht gegraben wurde. In der NS-Zeit mussten dort auch KZ-Häftlinge arbeiten. Und jetzt verkauft Bürgermeister und Bauunternehmer Elvis (Jörg Schüttauf) die Steine der "ollen Holperstraße", nachdem der Gemeinderat zugestimmt hat.

Für die engagierte Anja eine "Schweinerei": "Ich finde das nicht richtig, das ist ein Denkmal. Das kann man nicht einfach so verhökern", rechtfertigt sie vor Lydia ihre Wut, als sie als "aufgeregtes Huhn" bezeichnet wird. "Ist das nicht nur eine alte DDR-Legende?", fragt Lydia provokant. Die beiden streiten offenbar nicht zum ersten Mal. Und dabei immer mit dem Kopf durch die Wand – so wie damals. Und Melanie? Sie hört lieber amüsiert zu. "Ick halt mich da raus", sagt die Polizistin nur.

"Holt euch eure Heimat zurück!"

Während sich Anja beim Gemeinderat für ein Denkmal einsetzen will, welches an die KZ-Häftlinge erinnern soll, hat Lydia andere Gedanken. Lieber sollte man über attraktive Freizeitangebote für die Jugendlichen nachdenken, findet sie. Auch das Heimatfest müsste wieder eingeführt werden. Bei allen findet sie Zuspruch, das spornt sie an. Sie organisiert einen Jugendclub und vieles mehr. Und nach und nach offenbart sie ihre Gesinnung. Unter dem Slogan "Holt euch eure Heimat zurück!" lädt sie Videos auf ihrem Blog hoch und dokumentiert ihre Pläne. Und die nicht ganz so erfolgreiche Schauspielerin genießt die neue Aufmerksamkeit, ganz zum Ärger von Anja, die zu Gegenschlägen ausholt.

Denn für die Grundschullehrerin steht fest: Lydia nutzt die rosarote Brille der Bewohner, um rechtes Gedankengut zu verbreiten. Zunächst nimmt Melanie ihre Freundin nicht ernst – bis vor allem einige der Jugendlichen im Dorf immer radikaler werden. Die heile Welt, in der sich die Polizistin eben noch wähnte, steht plötzlich auf der Kippe.

Klischees, aber von Bedeutung

Trotz mancher Klischees und Stereotypen, trotz des mithin didaktischen Ansatzes und des arg konstruiert wirkenden Handlungsbogens: "Wolfswinkel" (Regie: Ruth Olshan, Buch: Scarlett Kleint) hat seine Momente. Über das Auftauchen von Lydia wird sukzessive offengelegt, dass so ein Idyll fast immer auch seine Schattenseiten hat und wie schnell Menschen manipuliert werden können, wenn der Nährboden für Agitation schon vorhanden ist – das Ganze wirkt durchaus nach, auch wenn die Story arg didaktisch daherkommt. Wirklich beeindruckend ist hingegen der Auftritt von Annett Sawallisch als dem ganzen fassungs- und weitgehend ratlos gegenüberstehende Polizistin Melanie.

Die 1978 in Berlin geborene Theaterschauspielerin, die hier ihr TV-Hauptrollendebüt gibt, ist die Entdeckung dieses Films. Über dessen Thema sagt sie im ARD-Interview: "Es ist viel zu einfach, jemanden als Verschwörungsgläubigen, Rassisten, Zecke, Nazi oder was auch immer abzustempeln, rechts oder links liegenzulassen und den Kontakt abzubrechen. Die fortschreitende Polarisierung in unserer Gesellschaft macht mir echt Sorgen. Solange wir miteinander im Gespräch bleiben, tun wir etwas dagegen."

Fraglos ein Ereignis ist auch die authentische Kulisse. Gedreht wurde im brandenburgischen Wittbrietzen und Zülichendorf, südlich von Potsdam. Eine schöne, ehrliche Gegend, fernab urbaner Aufgeregtheiten – unbedingt sehenswert!

Wolfswinkel – Mi. 03.09. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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