Westerbork war zunächst ein Flüchtlingslager, das 1939 von der niederländischen Regierung für die aus Deutschland vertriebenen oder geflüchteten Juden eingerichtet worden war. 1940 überfielen die Deutschen die Niederlande, unterstellten das Lager dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts und benannten es in "Polizeiliches Judendurchgangslager Westerbork" um. Die SS blieb in Westerbork weitgehend im Hintergrund. Es waren jüdische Insassen, die die neu Eingelieferten registrierten, auf die Baracken verteilten und die Zwangsarbeit beaufsichtigten. Sie bildeten die Lagerpolizei und stellten die Deportationslisten zusammen. In Westerbork wurde nicht geschlagen und gemordet, niemand verhungerte. Die Insassen wurden nicht geschoren und durften Zivilkleidung tragen, es gab Zeitungen, eine Schule, ein Krankenhaus, Sportveranstaltungen und einmal die Woche einen Kulturabend.

Jeden Dienstag fuhr von Westerbork ein Zug nach Bergen-Belsen, Theresienstadt, Auschwitz und Sobibor. Rund 100 Züge brachten etwa 100000 Menschen in den Tod. Der Lagerleiter, SS-Mann Gemmeker, wollte über das Lager einen Film drehen lassen. Der Fotograf Rudolf Breslauer hat einige Monate lang mit einer 16-mm-Kamera Aufnahmen gemacht, den Film aber nie fertiggestellt. 90 Minuten stummer Szenen sind erhalten. Sie zeigen Menschen bei der Arbeit, der Entflechtung von Kabeln, Demontage von Flugapparaten, dem Zerkleinern von Batterien. Dreimal wird gezeigt, wie Menschen in dem Lagerbahnhof eingeliefert werden. Einmal besteigen sie den Zug nach Auschwitz. Das ist wohl die einzige Aufnahme, die es von einer Deportation nach Auschwitz gibt, eine Szene, die auch Alain Resnais in "Nacht und Nebel" zitiert hat.