Henri Verneuil

Journalist, Kritiker, Regisseur: Henri Verneuil Vergrößern
Journalist, Kritiker, Regisseur: Henri Verneuil
Henri Malakian
Geboren: 15.10.1920 in Rodosto, Türkei
Gestorben: 11.01.2002 in Paris, Frankreich

Der Komiker Fernandel verhalf dem Journalisten Henri Verneuil einst zu Filmruhm, danach zahlte sich die Beziehung für ihn aus: Fernandel verdankte Verneuil einige seiner besten Filmrollen. Bereits in den Fünfzigerjahren hatte Regisseur Verneuil regen Anteil am kommerziellen Kino in Frankreich. Verneuil bewies immer eine gute Hand, wenngleich späte Filme wie "I wie Ikarus" (1979) und "Tausend Milliarden Dollar" (1982) keine großen Kinoerfolge waren.

Ein Kassenküller indes war 1983 noch einmal ein Film mit Jean-Paul Belmondo: "Die Glorreichen", nach einem Roman von Pierre Siniac, lockten ganz Frankreich ins Kino - auch wenn der Film formal nicht mehr zur Verneuil-Klasse zählte. Henri Verneuil gehört zur älteren Filmgarde Frankreichs. Er ist Armenier wie Charles Aznavour und Rouben Mamoulian, dessen "Königin Christine" ihn nach eigenen Worten maßgeblich beeinflusst hatte, Kino zu machen. Als Henri Malakian wurde er am 15. Oktober 1920 im türkischen Rodosto geboren. Seine Familie war während der Christenverfolgung in seinem Land 1923 nach Marseille gezogen, wo Henri aufwuchs, geprägt vom Lebensstil der Provence.

Er wollte ursprünglich Schiffbauingenieur werden, doch dann sah er - wie er gerne als Anekdote erzählt - mitten im Examen eben jenen Film mit der Garbo, und da habe er alles um sich herum vergessen. Der 23-Jährige gibt das Studium auf, wird Journalist, besser gesagt Filmreporter. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter gründet er bald darauf die Kulturzeitung "Horizons" und interessiert sich fast nur noch fürs Kino. Dort wird er bald ein Meister der Unterhaltung: Ihn zieht es nach Paris, wo ihm sein Landsmann Fernandel Hilfestellung leistet. Der erste Spielfilm ist 1951 die Verfilmung des Marcel-Aymé-Romans "Der Totentisch" - natürlich mit Fernandel.

Unterhaltung ist hinfort Verneuils wichtigstes Ziel: Wer ins Kino geht, der wolle sich unterhalten. Wer sich bilden, informieren oder mit Problemen auseinandersetzen will, der könne ja Zeitschriften und Bücher lesen und ab und an gezielt ins Fernsehen schauen. Die meisten Menschen würden tagsüber arbeiten, sich anstrengen, schwere körperliche oder geistige Arbeit tun, was sollen die dann noch abends mit Problemen auf der Leinwand? Unterhaltung für ein breites Publikum, aber nicht auf die einfache Weise - das ist seine Devise: Verneuil ist ein raffinierter Geschichtenerzähler, er lässt eine spannende Handlung perfekt abspulen, baut aber raffinierte Zwischenfälle ein, Spannungsmomente, die den glatten Ablauf hemmen.

Gewalttätig sind seine Filme dabei schon und das hat ihm manche Kritik eingebracht, doch zum Thema physischer Gewalt im Kino hat Verneuil seine eigene Meinung: "Überall auf der Welt gibt es Gewalttätigkeit und im Kino weiß jeder, dass hier Schauspieler sich nur mit künstlichem Blut anmalen lassen." Was soll man dem noch entgegenhalten?! Journalist, beziehungsweise Kritiker ist der Regisseur und spätere Produzent jedoch immer geblieben: Stets hat er seine Umwelt kritisiert: Kritiker, Kollegen, Politiker - ohne Umschweife. François Truffaut etwa hat er als einen der Großen des französischen Kinos verehrt, Jean-Luc Godard hingegen einen "Künstler" geschimpft, der selbst dann bewundert wird, wenn er ins Glas spuckt.

Und von Claude Chabrol hielt er große Stücke, beneidete ihn vor allem wegen seiner Schnelligkeit: "Wenn wir zur gleichen Zeit einen Film angefangen haben, war er fertig, ehe ich die Hälfte abgedreht habe. Und wenn bei mir dann die Schlussklappe fiel, war Chabrol nebenan mit dem dritten Film fertig. Und dafür waren die drei noch nicht einmal schlecht". Claude Chabrol könnte, so meint Verneuil, einer unserer besten Regisseure sein - wenn er nicht so faul wäre. Verneuil gehört stets zu den konservativen Regisseuren, für ihn gibt es keinen engagierten oder innovativen Film, sondern nur einen guten oder einen schlechten, einen, der es wert war ins Kino zu gehen und einen, den man besser vergessen sollte. Dabei war ihm klar, dass nicht jeder Verneuil-Film dem eigenen Maßstab und Urteil standhalten würde. Verneuil blieb dabei stets seiner Erfolgslinie treu und arbeitete am liebsten immer mit dem gleichen Team und den gleichen Schauspielern: achtmal mit Fernandel, fünfmal mit Jean Gabin, und am meisten mit Jean-Paul Belmondo.

Der spielte bei ihm das erste Mal 1960 in dem Sketch "Der Ehebruch" aus dem Episodenfilm "Die Französin und die Liebe". Zwei Jahre danach war er neben Jean Gabin der Star von "Ein Affe im Winter"; wieder ein Jahr später entstanden gleich zwei Belmondo-Filme unter seiner Regie, der Action-Thriller "100.000 Dollar in der Sonne", eine Trivialform von Henri-Georges Clouzots "Lohn der Angst" und "Dünkirchen, 2. Juni 1940", ein Kriegsfilm über die Schlacht bei Dünkirchen. Ebenfalls mit Belmondo drehte er 1971 "Der Coup", 1974 "Angst über der Stadt" und zwei Jahre später "Der Körper meines Feindes".

Bescheiden ist Henri Verneuil immer geblieben. Seine Lieblingsfilme waren "Ein Affe im Winter" mit Gabin und Belmondo und "I wie Ikarus" mit Yves Montand und als seinen schönsten Action-Film bezeichnet er gerne "Angst über der Stadt". "Die Menschen sind nie so gut oder so böse, wie es den Anschein hat" das ist seine Devise und nach der funktionieren seine schönsten Filme, außer denen, die er selbst heraushebt, die Bauernkomödie "Der Bäcker von Valorgue", das Kleinstadtdrama "Verbotene Frucht" (beide 1952), sowie der "Der Clan der Sizilianer" von 1969, sicher Verneuils bekanntester Film.

Weitere Filme von Henri Verneuil: "Meine Frau betrügt mich", "Staatsfeind Nr. 1" (beide 1953), "Der Hammel mit den fünf Beinen", "Nächte in Lissabon" (beide 1954), "Der Weg ins Verderben" (1955), "Paris, Palace Hotel" (1956), "Im Rausch der Sinne" (1957), "Die Affären von Madame M.", "Ferien für den Musterknaben" (beide 1958), "Ich und die Kuh" (1959), "Affäre einer Nacht", "Der Präsident" (beide 1960), "Vor Salonlöwen wird gewarnt" (1961), "Lautlos wie die Nacht" (1962), "Die 25. Stunde" (1966), "Die Hölle von San Sebastian" (1967), "Die Schlange" (1972) sowie die 1991 die beiden "Mayrig"-Filme "Die Straße zum Paradies" und "Heimat in der Fremde".

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