Schon der Spitzname zeigt, mit welchen Vorurteilen Betroffene zu kämpfen haben: "Zappelphilipp-Syndrom" nennen viele ADHS spöttisch. Dabei gehen die Symptome der "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" weit über körperliche Unruhe hinaus – bei Kindern, aber ganz besonders bei Erwachsenen. Das zweite Vorurteil: ADHS-Patienten oder ihren Eltern wird oft vorgeworfen, sie seien selbst für die Krankheit verantwortlich. Inzwischen aber geht die Forschung von mehreren Ursachen aus – einer Mischung aus genetischen, biologischen und Umweltfaktoren. Sicher ist: Etwa die Hälfte der in ihrer Kindheit von ADHS Betroffenen nehmen diese Krankheit oder einzelne Symptome mit ins Erwachsenenalter. Und gerade da wird es kompliziert.

Das große Problem bei Erwachsenen ist die Diagnose. Innere Unruhe, Unkonzentriertheit, Einschlafstörungen, Vergesslichkeit, Impulsivität und Emotionalität – kaum jemand denkt bei solchen Verhaltensweisen oder Störungen sofort an ADHS, so Dr. Lothar Imhof, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Ahrensburg. Dazu komme, dass ADHS bei Erwachsenen oft überlagert werde, bei rund 40 Prozent etwa durch eine depressive Belastung, bei 20 Prozent durch eine Angststörung und bei rund 35 Prozent durch eine Persönlichkeitsstörung. Und: Das Suchtrisiko sei bei erwachsenen ADHS-Patienten ebenfalls erhöht.

Störung des Dopamin-Haushalts

So komplex Symptome und Diagnose sind, so komplex sind auch die Behandlungsmöglichkeiten. Zwar gibt es mit "Methylphenidat", dem Arzneistoff in Präparaten wie Medikinet oder Ritalin, inzwischen ein erprobtes und gut erforschtes Medikament, doch nicht nur Eltern, sondern auch betroffene Erwachsene scheuen häufig den Einsatz. Auch hier schlägt wieder ein Vorurteil zu: Methylphenidat stelle bloß ruhig. Dabei geht der Stoff deutlich weiter. Er greift in die gestörte Dopamin-Regulation des Körpers ein und normalisiert diese. Die Übertragung dieses neuronalen Botenstoffs, der unter anderem den Eigenantrieb, die Aufmerksamkeit, die Motivation und das Lernen durch Belohnung fördert, ist bei ADHS-Patienten gestört.

Während laut einer 2016 veröffentlichten Studie der Florida International University Kinder, die zuerst eine Verhaltenstherapie erhalten, größere Fortschritte machen als solche, die zunächst mit Medikamenten behandelt werden, ist – besonders für Erwachsene – noch etwas anderes wichtig: die richtige Dosierung. Und richtig heißt, nicht nur bei ADHS: individuell. Dr. Lothar Imhof betont jedoch, dass es auch im Alltag viele Stellschrauben gebe, an denen man selbst drehen könne: "Für die Patienten ist es schon im Vorfeld einer ärztlichen Therapie sehr wichtig, den Alltag gut zu strukturieren. Eine To-do- Liste hilft genauso wie Erinnerungszettel und Terminkalender." Auch gezieltes Verhaltenstraining und psychologische Betreuung könnten spürbare Hilfestellung leisten.

Sport und Achtsamkeit

Was ebenfalls helfen kann, sind Sport und das in den vergangenen Jahren zum Trend gewordene Achtsamkeitstraining. Sport hilft dabei, sich zu entspannen, und kleine Übungen, bei denen der Geist darauf trainiert wird, sich zu fokussieren, können in Sachen Aufmerksamkeit unterstützen. Davor steht jedoch die Diagnose – und die wird inzwischen vereinfacht durch Hilfsmittel wie den ADHS-Screener der Weltgesundheitsorganisation, der mit Hilfe einer Selbstbeurteilungsskala eine Aussage dazu ermöglicht, ob ein Verdacht auf ADHS überhaupt begründet ist. In weiteren Schritten geht der Arzt dann einer ADHS-Erkrankung in der Kindheit nach und klärt weitere Symptome ab. Erste Schritte auf dem Weg zu einer Therapie.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unsere Arztkolumne auf Seite 62. Weitere Informationen zu ADHS und zur Behandlung im Kindesund Erwachsenenalter finden Sie in einer Stellungnahme der Bundesärztekammer, die wir hier verlinkt haben.