Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung der Welt – und nicht nur bei älteren Generationen ein Thema. Zwei Ärzte sprechen über Entstehung, Vorsorge und Behandlungsmöglichkeiten.

Laut Deutscher Rheuma-Liga leidet in Deutschland jeder Sechste an behandlungsbedürftiger Arthrose. Verbandspublikationen zufolge betrifft die Krankheit bis zum mittleren Lebensalter mehr Männer, ab dem 55. Lebensjahr mehr Frauen. "Man vermutet heute, dass fast jeder Mensch über 70 eine Arthrose im Körper hat, die er aber nicht unbedingt spürt", sagt Universitätsprofessorin Dr. med. Andrea Meurer, Ärztliche Direktorin und Geschäftsführerin der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main und 1. Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC).

Bei primärer Arthrose spricht man umgangssprachlich von Verschleiß. Mit steigendem Lebensalter verschwindet das Knorpelgewebe. Sekundäre Arthrose kann unter anderem die Folge von bakteriellen Entzündungen sein, von Unfällen oder asymmetrischer Belastung aufgrund von Fehlstellungen wie X- oder O-Beinen. Ein Irrglaube ist, dass primäre Arthrose durch ein hohes Maß an Bewegung entsteht und sich durch Ruhen verhindern ließe, sagt Meurer. „Bewegung produziert Flüssigkeit in den Gelenken. Das versorgt sie mit den notwendigen Nährstoffen und erhält so die Beweglichkeit.“ 

Sport, der guttut

Meurer rät zu Schwimmen, Fahrradfahren, Walken oder Langlauf, um Gelenke fit zu halten. Risiko-Sportarten und solche mit starken Stoßbelastungen wie Tennis oder Weitsprung seien weniger geeignet. Dehnübungen aus Yoga, Pilates und Co. arbeiteten bis zu einem gewissen Grad gegen die Versteifungstendenz von Gelenken. Prof. Dr. med. Stefan Schewe, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie aus München und Beisitzer der Deutschen Rheuma-Liga, setzt in erster Linie auf Spaß am Sport: "Nur so lässt sich Regelmäßigkeit gewinnen. Mindestens dreimal pro Woche sollte man sich 20, besser 30 Minuten so bewegen, dass man außer Atem kommt", rät er. Motivierend könne auch ein Schrittzähler sein. Gezielter, moderater Kraftsport stärke überdies die Muskulatur, die ein arthritisches Gelenk dann teilweise in Position halten könne.

Ausgewogene Ernährung

Als gelenkfreundliche Speiseplangestaltung empfiehlt Schewe mediterrane Kost: "Möglichst wenig Fleisch, mehr Fisch, Gemüse, Öle statt Butter und Schmalz, wenig Alkohol. Eine Mischernährung ohne jedwede Übertreibung liefert für gewöhnlich das richtige Verhältnis von Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten und ist somit unumstritten gesund.“ Derzeit werde außerdem an der Bedeutung gewisser Inhaltsstoffe von Fleisch bei Entzündungen geforscht, belastbare Erkenntnisse stünden aber noch aus. Weitere Tipps: Übergewicht und Rauchen vermeiden.

Zahlreiche Therapievarianten

Ob und wie Arthrose behandelt wird, hängt Meurer zufolge von Alter, körperlicher Beeinträchtigung und Ausmaß ab. „Zu Beginn der Erkrankung gibt es mehr Therapieverfahren als in fortgeschrittenen Stadien.“ Zu den konservativen Maßnahmen gehören orthopädisch eingestellte Schuhsohlen, die zur Gelenkschonung Fehlhaltungen ausgleichen, Gehstock oder Physiotherapie. Gegen Schmerzen kommen konventionelle Medikamente zum Einsatz.

Zu Nahrungsergänzungsmitteln und Knorpelaufbau-Präparaten sagt Meurer: "Knorpel lässt sich nicht wiederherstellen. Für manche Produkte gibt es keinen wissenschaftlichen Wirkungsnachweis und wenig bis gar keine Studien." Andererseits probierten Patienten oft viel aus, fühlten sich damit besser. "Manche schwören auf Johanniskraut oder Algen. Wenn es hilft – gut. Andernfalls darf man nicht enttäuscht sein."

Bei fortgeschrittener Arthrose lasse sich der Entzündungsreiz mit ins Gelenk gespritzten Medikamenten lindern und der vorhandene Knorpel stärken. Zu den operativen Verfahren zählen Gelenk-Spiegelungen, Neuausrichtung der Knochen und – als letzter Ausweg – künstlicher Gelenkersatz.

Wann zum Arzt?

Treten Gelenkbeschwerden in Ruhe auf, vor allem nachts, oder hält Morgensteifigkeit beispielsweise der Kniegelenke 30 bis 60 Minuten an, rät Facharzt Schewe zum Arztbesuch. "Das könnte auf eine entzündliche Rheumaerkrankung hindeuten." Mit Blick auf eine mögliche Arthrose sollten Betroffene hingegen auf sogenannten Anlaufschmerz achten. Er tritt meist nach einer – gegebenenfalls neuen – Bewegung nach längerer Ruhephase auf und dauert einige Minuten. Mit Intensität der Bewegung wird er stärker. In Ruhe empfinden Patienten meist keinen Schmerz. "Außerdem ist es ein Alarmsignal, wenn ein oder mehrere Gelenke sichtbar anschwellen."  Für Arthrose seien Orthopäden die richtigen Ansprechpartner.

ZUM VERWECHSELN ÄHNLICH

Arthrose, Arthritis und Rheuma gehören zum "rheumatischen Formenkreis" und zeigen sich in unterschiedlichen Krankheitsbildern. Allen gemein ist in der Regel Schmerz in Gelenken, Weichteilen oder der Wirbelsäule. Arthrose ist eine Abnutzung im Gelenk, ein Knorpelabrieb mit wenig bis nicht entzündlichem Krankheitsbild. Dazu gehört auch Osteoporose, der Verlust von Knochenmasse. Arthritis ist eine Entzündung der Gelenkschleimhaut, Rheuma eine Autoimmunerkrankung, bei der die Gelenkknorpel angegriffen und zerstört werden. Gicht ist eine Erkrankung des Stoffwechsels.