Als ich vor vielen Jahren einmal spätabends allein im Dunkeln auf einem zugigen, eiskalten Bahnsteig im Ruhrgebiet stand und auf den verspäteten Zug wartete, schrieb ich eine SMS nach Hause. Die Antwort: "Mami, dein Essen wartet auf dich und wir drücken dich." Hach, da wurde es mir richtig warm ums Herz! Ich fühlte mich getröstet und nicht mehr so verloren. Ich hatte zum ersten Mal "digital gekuschelt".

Heute gibt es dafür noch mehr Möglichkeiten: Videos, in denen zumeist Frauen zarte Geräusche produzieren, indem sie über eine Haarbürste streichen, in ein Mikrophon flüstern oder sich bei einfachen Alltagsverrichtungen wie Haarekämmen oder Wäschefalten filmen. Autonomic Sensory Meridian Response, kurz ASMR, nennt sich dieses Phänomen. Übersetzt bedeutet es ungefähr "Selbstständige Sinnesantwort der Meridiane". ASMR gilt inzwischen als wirksame Entspannungstechnik, ein deutscher Name oder seriöse Forschung fehlen bisher jedoch.

Ein Kribbeln am Kopf

Die Betrachter erleben durch Anhören und Ansehen der Videos ein Kribbeln am Kopf, eine leichte Gänsehaut, die sich wohlig über den ganzen Körper ausbreiten kann, ähnlich dem Kribbeln durch die Kopfmassage beim Friseur. Oder vielleicht auch wie das liebe Haarwuscheln oder das Übers-Köpfchen-Streichen, das man bei Kindern fast automatisch macht. Entspannung und Wohlgefühl stellen sich ein.

Eigentlich verständlich, denn wer hat es als Kleinkind nicht erlebt? Die Bezugspersonen aus seinem Bett oder Kinderstuhl heraus beobachtet? Die beruhigenden Stimmen der Eltern ganz leise und nah am Ohr gehört? Solche Eindrücke suggerieren Nähe von vertrauten Menschen, wecken Erinnerungen und Gefühle von Geborgenheit.

Überraschend viele Videoklicks

Die überraschend vielen Videoklicks, die oft mehrere Millionen betragen, lassen vermuten, dass immer mehr Menschen diese beruhigenden Videos genießen, sich damit entspannen und anschließend besser schlafen können. Werden uns vielleicht echte Menschen, die uns einen zärtlichen Gute-Nacht-Kuss aufs Ohr hauchen, schon zu anstrengend?