Die meisten Mütter in meiner Praxis wollen ihr Baby stillen. Vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen ist ideal, das wissen sie. Aber was ist, wenn die natürlichste Sache der Welt gar nicht so einfach ist? Genau darum ging es kürzlich in meiner Sprechstunde mit einer jungen Mutter, die mit ihrem vier Monate alten Säugling erschien. Auf die Frage, wie es mit dem Stillen klappt, berichtete sie über Schmerzen beim Stillen in den ersten Tagen nach der Geburt. Die Folge: Die kleine Tochter schrie und schrie. „Vielleicht wird sie nicht satt – das war meine größte Sorge“, erzählte mir die junge Mutter. Zum Glück wurde sie zu dem Zeitpunkt von einer erfahrenen Hebamme unterstützt, und schließlich funktionierte es doch mit dem Stillen.
Dennoch ist das Thema weiterhin für sie eine Herausforderung. Denn das vier Monate alte Kind ist sehr lebhaft. „Beim Stillen zappelt sie herum, beim kleinsten Geräusch ist sie abgelenkt und trinkt nicht mehr. Und dann brüllt sie nachts, weil sie hungrig ist“, berichtete mir die sichtbar erschöpfte Mutter und erklärte, dass sie deshalb kaum noch ihren Alltag schaffte. „Also sollte ich vielleicht besser abstillen?“, fragte sie mich. Wir besprachen verschiedene Möglichkeiten, wie die Tochter weniger abgelenkt sein könnte. „Vielleicht mögen Sie noch mal einen Versuch machen, den Stillrhythmus ein wenig besser zu gestalten“, schlug ich vor. „Versuchen Sie Ihre Tochter tagsüber alle drei bis vier Stunden anzulegen und wach zu halten, damit sie nachts weniger trinkt und stattdessen schläft. Wenn das gar nicht klappt, können Sie immer noch abstillen“, riet ich ihr. „Aber man soll doch sechs Monate stillen oder sogar noch länger“, entgegnete mir die Mutter verwundert. „Vier bis sechs Monate ausschließliches Stillen ist sicher ideal, wenn Sie selbst sich damit wohlfühlen. Denn darauf kommt es an. Nach vier bis sechs Monaten reicht der Nährstoffgehalt der Muttermilch oft nicht mehr aus und zur Verhinderung von Allergien können ab dem Zeitpunkt nach und nach andere Lebensmittel eingeführt werden“, antwortete ich ihr.
Eine „zu kurze“ Stillzeit gibt es nicht, denn jede einzelne Stillmahlzeit ist wertvoll. Das gilt auch, wenn Mütter schon nach wenigen Tagen oder Wochen abstillen müssen. Wenn das Stillen mit starken Schmerzen oder anderen Belastungen verbunden ist, kann es sich aber auch negativ auf die Mutter-Kind-Beziehung auswirken. „Sie haben Ihrer Tochter vier Monate lang die Brust gegeben, in dieser Zeit hat sie alles für eine optimale Entwicklung bekommen: für den Schutz vor Infektionen und chronischen Krankheiten, für die Entwicklung ihrer Kiefer und Mundmuskulatur und nicht zuletzt auch für eine enge und sichere Bindung zu Ihnen. Davon wird sie lebenslang profitieren“, beruhigte ich die Mutter.