„Ich habe mir für das neue Jahr richtig viel vorgenommen, quasi eine Transformation in einen neuen Menschen!“ Das erklärte mir ein 45-jähriger Patient in meiner letzten Sprechstunde im Jahr 2025 und schaute mich enthusiastisch an. Ich musste schmunzeln, kannte ich doch seine wiederkehrenden Vorhaben und das sich dann immer wieder einstellende fehlende Durchhaltevermögen. „Bleiben Sie realistisch und positiv, dann können Sie viel verändern“, antwortete ich ihm. Wie meinem Patienten geht es vielen Menschen. Kaum ist das alte Jahr verabschiedet, nehmen wir uns vor, alles besser zu machen: gesünder leben, mehr Sport treiben, weniger Stress haben, gelassener sein. Und doch erleben viele schon nach wenigen Wochen Ernüchterung. Die Motivation schwindet, der Erfolg bleibt aus – und der gute Vorsatz versandet. Warum eigentlich? Ein Grund liegt oft in unseren Erwartungen an uns selbst. Wir wollen zu viel, zu schnell, zu perfekt. Täglicher Sport, radikale Ernährungsumstellung, ein komplett neues Lebensgefühl – am besten sofort. Doch Veränderung funktioniert selten im Sprint. Studien zeigen, dass Menschen erfolgreicher sind, wenn sie realistische und positiv formulierte Ziele verfolgen, statt sich über Verbote und Selbstdisziplin zu definieren. Hinzu kommt: Wir denken zu wenig kleinschrittig. „Ich will gesünder leben“ klingt gut, hilft aber im Alltag wenig. Konkrete, messbare Schritte – etwa regelmäßige Spaziergänge oder feste kleine Routinen – erhöhen die Erfolgschancen deutlich. Psychologen sprechen von sogenannten Wenn-Dann-Plänen: Wenn Situation x eintritt, dann tue ich y. Einfach, aber wirksam.
Was fast immer vergessen wird, ist die Regeneration. Veränderung braucht Pausen. Unser Körper wie auch unser Geist können sich nur entwickeln, wenn Belastung und Erholung im Gleichgewicht stehen. Dauerhafte Selbstoptimierung ohne Erholung führt nicht zu mehr Gesundheit, sondern zu Frust und Erschöpfung. Und damit sind wir bei einem entscheidenden Punkt: Gelassenheit, Freude und Lebenslust sind oft die besseren Wegweiser durchs Jahr als starre Vorsätze. Studien zeigen, dass Menschen ihre Ziele eher erreichen, wenn sie Freude an dem haben, was sie tun – nicht, wenn sie sich selbst unter Druck setzen. Intrinsische Motivation schlägt eiserne Disziplin.
Vielleicht braucht 2026 deshalb kein ambitioniertes Maßnahmenpaket, sondern ein neues Grundgefühl: weniger Härte mit sich selbst, mehr Wohlwollen. Nicht jeder Tag muss effizient sein, nicht jeder Vorsatz perfekt umgesetzt werden. Entwicklung ist kein gerader Weg. Mein Vorschlag für dieses Jahr lautet daher: weniger müssen, mehr dürfen. Kleine Schritte statt großer Versprechen. Pausen statt Dauerstress. Freude statt Selbstvorwürfe. Denn am Ende zählt nicht, wie konsequent wir unsere Vorsätze abhaken – sondern, ob wir das Jahr lebendig, gesund und mit einem guten Gefühl gelebt haben.