Als Schulmediziner haben wir uns mehr und mehr auf die Seite der Naturwissenschaft geschlagen. Der Sieg über die Epidemien, die Fortschritte der Radiologie, die grandiosen Möglichkeiten der Transplantationschirurgie gaben uns Recht. Sie haben uns in dem Glauben bestärkt, alles nach den Gesetzen der Naturwissenschaft richten zu können.

Herzspezialisten, Augenärzte, Radiologen, Internisten, Operateure, Psychologen oder Psychiater: Die Fachärzte sind hoch qualifiziert, aber allzu oft auch ausschließlich auf ihre jeweilige Disziplin konzentriert. Was uns fehlt, ist ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit des Zusammenwirkens bis in den Bereich der Naturheilkunde. Allzu oft behandeln wir die Patienten eher funktionell als ganzheitlich. Die Spezialisierung hat manches für sich, da sie ein vertieftes Fachwissen auf dem jeweiligen Gebiet garantiert.

Allerdings bleibt uns so kaum noch Zeit für das Gespräch mit dem Patienten. Da der Mensch aber keine Maschine ist, sondern ein individuell geprägtes Wesen, sollte er auch als solches behandelt werden. Anders ist ihm allenfalls vorübergehend, nicht aber nachhaltig zu helfen. Schließlich gibt es kein Krankheitsbild, das genau dem eines anderen Patienten gleicht. Jeder erlebt sein Leiden unverwechselbar. Jemandem kann der Rücken schmerzen, ohne dass eine körperliche Ursache, etwa ein Bandscheibenvorfall, vorliegt. Sorgen, Stress, Ängste können ebenso Auslöser gewesen sein.

Hausarzt als Vermittler

Wie aber soll der Arzt das herausfinden, wenn die Zeit der Konsultation nicht ausreicht, um ausführlicher mit dem Patienten zu sprechen? Wenn der Patient nicht mehr dazu kommt, seine Situation zu erklären? Aus meiner Sicht ein unhaltbarer Zustand, wesentlich verursacht durch ein Gesundheitssystem, das generell zu wenig Wert auf die sprechende Medizin legt, weil es eben nicht mehr davon ausgeht, dass sich das Wohlbefinden des Menschen aus dem Zusammenwirken von Körper, Geist und sozialem Miteinander ergibt.

Eine Entwicklung, die immer mehr Patienten dazu veranlasst, ihr Heil bei den Heilpraktikern zu suchen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würde es nicht manchen dazu verführen, schulmedizinische Behandlungen auszuschlagen, wo sie dringend geboten wären.

Um hier aufklärend zu wirken und zwischen alternativer und Schulmedizin zu vermitteln, bedürfen wir dringend einer Stärkung der Rolle von Hausärztinnen und Hausärzten. Erstens genießen sie das gewachsene Vertrauen ihrer Patienten und zweitens verfügen sie über das Know-how zur Entwicklung einer integrativen Medizin, deren Bogen sich von der fachärztlichen gegliederten Schulmedizin bis zur Naturheilkunde spannt.