Es klingt wie ein Rundum-sorglos-Paket: durch Körperkontakt mit einer vibrierenden Fläche Muskeln aufbauen, Verspannungen lösen, skelettale Beschwerden lindern und die Durchblutung verbessern – und dies fast ohne Zeit- und mit geringem Kraftaufwand. Studien belegen diese Wirkungen – und auch therapeutische Effekte von Vibrationstraining wie Rumpfstabilisierung, Gefäßstärkung und eine Anregung des Stoffwechsels bei Immobilität sind inzwischen nachgewiesen.

Doch Vibrationstraining kann nicht pauschal angewendet, sondern muss an die eigenen Voraussetzungen und Ziele angepasst werden. So gibt es etwa unterschiedliche Vibrations-Intensitäten, die individuell auf Knochen, Sehnen, Organe und Nerven wirken. Nicht jeder verträgt solche Schwingungen. Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln empfiehlt, sich ab dem 35. Lebensjahr vor der Aufnahme eines Trainings vom Arzt checken zu lassen, besonders bei Vorbelastungen wie einer Bandscheibenproblematik oder neurologischen Beschwerden.

Vielfalt an Geräten

Den Großteil der Produkte mit sogenannter Whole-Body-Vibration, also Schwingungen, die den gesamten Körper erfassen, bilden Platten mit oder ohne Haltegriff, auf denen Anwender stehend oder gestützt auf die Hände Übungen absolvieren. Den deutschen Markt bestückt unter anderem das Unternehmen Novotec Medical, das seine eigens hergestellten Trainings- und Therapiegeräte – dazu gehören auch Vibrationshanteln – unter dem Markennamen "Galileo" vertreibt. Die Geräte von "Power Plate" eignen sich laut Hersteller unter anderem für das Bauch-Beine-Po-, Rücken- und Faszientraining, die Cellulite-Reduktion und den Fettabbau. Auch "Wellengang" ist seit mehr als zehn Jahren mit Schwingungsgeräten am Markt. Darüber hinaus gibt es auch handliche Vibrationsrollen, etwa von der Schweizer Firma Blackroll.

Jede Muskelfaser wird aktiviert

"Vibration veranlasst den Körper zu etwas, das uns willkürlich nur schwer gelingt: ein Aktivieren so gut wie sämtlicher Muskelfasern", erklärt Sportwissenschaftler Froböse. Angeregt durch die mechanischen Schwingungen arbeitet die Muskulatur dagegen und kontrahiert in kürzesten Intervallen: Pro Minute zieht sie sich mehrere tausend Mal zusammen und lockert sich wieder – so effizient ist kein klassisches Krafttraining. "Der Effekt erreicht auch die tiefliegenden Fasern, die herkömmliche Fitnessübungen oft nicht einbeziehen", schildert Froböse, der Vibrationstraining vor allem für Nicht-Sportler positiv bewertet. "Es macht die Muskulatur leistungsfähiger. Für Sportler kann es eine gute Ergänzung sein, nicht aber das Training ersetzen."

Mehr Kraft fürs Training

Professionelle Anleitung ist beim Vibrationstraining unabdingbar. "In falscher Position kann die Schwingung kleine Gelenke und innere Organe schädigen. Deshalb sollte man beim Gebrauch immer auf mögliche Irritationen nach der Anwendung achten", sagt Froböse. Anfängern empfiehlt der Gesundheitsexperte maximal 15 bis 30 Sekunden Vibration, Fortgeschrittenen 30 bis 60 Sekunden pro Anwendung. Zwischen zwei Einheiten sollten 48 bis 72 Stunden liegen. Bei Produkten für die Anwendung zuhause rät Froböse zur Vorsicht: "Vor allem Discounter-Geräte senden unter Umständen zu starke Reize aus. Vibrationsfrequenz und Amplitudenhöhe sind ausschlaggebend."

Für den Trainingserfolg ist laut dem Sportwissenschaftler essenziell, dass Anwender die geförderten Muskelfasern auch nutzen. "Nachdem man etwa Beine und Po auf der Vibrationsplatte angespannt hat, muss man das zusätzliche Kraftpotenzial in den Alltag überführen, zum Beispiel, indem man häufiger Treppen steigt oder Kniebeugen macht", so Froböse. So zielen etwa die Produkte von VIB Innovation aus Wernigerode nach Angaben der Verantwortlichen darauf ab, Bewegung zu fördern, statt sie zu reduzieren. Die neueste Entwicklung des Unternehmens aus dem Harz ist eine auf Knopfdruck vibrierende, weich ummantelte Rolle, die aktives wie auch passives Training daheim ermöglicht. Die "Inoroll" richtet sich an Menschen, die aus Alters- oder Krankheitsgründen unter Bewegungsmangel leiden, sowie an solche, die das Fitnessstudio scheuen. Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) zeichnete die vom Bundesverband der Deutschen Rückenschulen empfohlene Rolle als besonders rückengerecht aus.

Eine spezifische Funktion innerhalb des Vibrationstrainings nimmt die "Low Intensity Vibration" (LIV) ein. LIV-Geräte arbeiten maximal mit dem Eigengewicht des Anwenders und belasten den Körper deutlich geringer als althergebrachte Vibrationsplatten. Daher gilt die Therapie als deutlich verträglicher. "Das übliche Whole-Body-Vibration-Training erzeugt oft die Last des Vier- bis Achtfachen des eigenen Körpergewichts", schildert Rüdiger Holbe, Präsident des Osteoporose-Selbsthilfegruppen- Dachverbands in Gotha. Die Methode erziele nachweislich Erfolge bei der Standstabilität und altersbedingter Muskelschwäche. "LIV unterstützt die Stammzellen im Knochenmark in ihrem Wachstum, das ist ein anderer Ansatz als bei der Whole-Body-Vibration", so Holbe. Empfohlen werden täglich zehn bis 20 Minuten auf der Trainingsplatte, die sanfte Impulse auf das Skelett überträgt. Bisher sind derartige Geräte laut Holbe nur in den USA erhältlich, ab 2019 auch auf dem europäischen Markt.