Dr. Afschin Fatemi ist einer der bekanntesten Schönheitschirurgen Deutschlands. In prisma spricht er über seltsame Patientenwünsche und sich verändernde Schönheitsideale.

Herr Dr. Fatemi, was ist bei den Operationen von Stars wie Mickey Rourke und Sylvester Stallone schiefgelaufen?

Das frage ich mich auch. Es könnte sein, dass der Operateur Fehler gemacht hat oder einfach kein guter Chirurg ist. Vielleicht war es aber auch einfach zu viel des Guten. Manchmal muss man als Arzt seine Patienten bremsen. Manche Kollegen machen das nicht.

Können Schönheitsoperationen also zur Sucht werden?

Das kommt hin und wieder vor. Diese Patienten verlieren den Bezug zur Realität. Sie wollen ihren zu schmal geratenen Lippen ein bisschen mehr Fülle geben – und dann noch mehr und noch mehr und noch mehr ... bis sie regelrechte Schlauchboote im Gesicht haben. Dieses Phänomen gibt es auch bei Brüsten.

Haben Sie Patienten schon von einer Operation abgeraten?

Klar. Viele machen sich nicht bewusst, dass eine Schönheitsoperation eben eine richtige Operation ist, die Risiken mit sich bringt. Wenn dieses Risiko – zum Beispiel durch Allergien oder Grunderkrankungen – zu hoch ist, rate ich meinen Patienten ab. Gleiches gilt, wenn das Ergebnis ästhetisch wahrscheinlich nicht schön wird. Zum Beispiel, wenn Brüste so groß werden sollen, wie der eigene Kopf. Das sieht nicht gut aus und ist auch noch schlecht für den Rücken. Manche Patientinnen steigen bei unserem Gespräch mit dem Satz ein "Mein Mann findet ...". Das halte ich auch nicht für einen guten Grund.

Was ist denn ein guter Grund?

Wenn mir jemand sagt, dass sein Schlupflid ihn müde aussehen lässt, obwohl er sich gar nicht so fühlt. Oder wenn sich Frauen daran stören, dass nach einer Schwangerschaft ihre Brüste oder ihr Bauch nicht mehr so schön aussehen wie früher. Heute können wir dagegen leicht etwas machen. Keiner muss beim Blick in den Spiegel unglücklich sein.

... und wenn jemand aussehen möchte wie sein Idol?

Das ist natürlich ein schlechter Grund. Nicht jedem stehen Brad Pitts Lippen. Und wer weiß schon, ob er in zehn Jahren immer noch auf ihn steht?

Ihr Buch heißt "Einmal J. Lo's Po, bitte". Solche Wünsche gibt es tatsächlich?

Nicht so oft, aber ja. Das hängt auch immer damit zusammen, wer gerade angesagt ist. Zum Beispiel ist das Thema "Po" durch die Popularität von Kim Kardashian wieder aktueller geworden. Andere Patientinnen wollen eine Lippenformung, weil die Schwestern von Kardashian schöne Lippen haben. Erst neulich hatte ich ein Beratungsgespräch mit einem Europäer. Er war Manga-Fan und wollte aussehen wie die Figuren in den Büchern. Das war schon schräg.

Ist er auf Ihrem OP-Tisch gelandet?

Nein. Ich habe ihm von der Operation abgeraten. Solche umfangreichen Eingriffe sind nicht mehr rückgängig zu machen. Mal abgesehen von den Folgen. Nehmen wir mal als Beispiel die Nase. Die ist bei den Manga-Figuren mini klein. Luft geht da nicht mehr durch. Ich hoffe, dass er meine Argumente verstanden hat und es nicht bei anderen Ärzten versucht, bis er einen findet, der seine Wünsche erfüllt.

Ein Manga-Gesicht würde hier wahrscheinlich eher nicht den ästhetischen Vorstellungen entsprechen, ebenso wie zu große Brüste oder der Hintern von Kim Kardashian. Gibt es da länderspezifische Unterschiede?

Die Deutschen mögen es überwiegend natürlich. Dass jemand operiert ist, soll möglichst nicht gesehen werden. Im mittleren Osten ist das etwas anders. Nasenverkleinerungen stehen da ganz oben auf der Liste. Eine Operation ist dort so etwas wie ein Statussymbol. Bei den Frauen ist auch ein Grund, dass durch die Verschleierung die Nase meist das einzige Körperteil ist, der für alle sichtbar ist. Aber auch Männer lassen sich die Nase machen. In Ostasien lässt man sich gerne die Augen europäisieren. Grundsätzlich wollen die Menschen oft das, was sie nicht haben. Die Asiaten sind im Schambereich nicht so üppig behaart wie die Europäer. Viele lassen sich dort Haare vom Kopf in den Genitalbereich verpflanzen – das wäre hier kaum vorstellbar.

Wie verändern sich die Ideale mit der zunehmenden Globalisierung?

Brasilien ist da ein gutes Beispiel. Die Frauen auf dem Land dort haben von Natur aus große Brüste und einen üppigen Po. Früher wollten sie lieber aussehen wie die portugiesische Kolonialbevölkerung. Sprich mit kleineren Brüsten und einem kleineren Po. Mit der Globalisierung haben die Menschen dort einen besseren Einblick, was in anderen Ländern angesagt ist, und sehen, dass beispielsweise in den USA Brust- und Po-Vergrößerungen gemacht werden. Jetzt wollen auch sie wieder alles in Groß.

Sind es eigentlich oft jüngere Mädchen, die ausgefallene Wünsche haben?

Nein. Es wird immer so dargestellt, als würden bei mir reihenweise Teenies anklopfen, die größere Brüste, kleinere Hintern oder vollere Lippen wollen. Das ist nicht so. In 15 Jahren waren es vielleicht drei oder vier Fälle. Jedes Mal haben wir uns darauf geeinigt, dass wir noch ein paar Jahre warten. Sollte der Wunsch dann immer noch vorhanden sein, reden wir erneut.