Schon Hildegard von Bingen vertraute darauf: In ihren Therapie-Empfehlungen beschrieb die christliche Gelehrte aus dem Hochmittelalter die heilende Wirkung verschiedener Erdarten. Auch die alten Ägypter sollen bereits Nilschlamm gegen diverse Beschwerden verwendet haben. In Deutschland ist Heilerde spätestens durch Kneipp-Anhänger Adolf Just um 1900 eine beliebte Anwendung in der Naturheilkunde. Mittlerweile hat sie sich als gängiges Arzneimittel etabliert.

Der Essener Internist und Gastroenterologe Professor Jost Langhorst nutzt Heilerde regelmäßig in der Behandlung. "Menschen haben schon immer Erde mit der Nahrung aufgenommen", sagt der Mediziner. "Evolutionär gesehen ist uns diese Behandlung also sehr nah." Dreck reinigt den Magen – ist es wirklich so einfach, wie das alte Sprichwort sagt?

Heilerde besteht aus naturreinem Löß, einer Art Quarzstaub, der tief unter der Erde liegt und reich an Mineralien und Spurenelementen ist. Um Löß als Heilerde aufzubereiten, wird ihm Feuchtigkeit entzogen. Bei 130 Grad getrocknet wird er keimfrei gemacht.

Wirkt wie Löschpapier

Je nach Anwendungsgebiet können verschieden grobe Körnungen ausgewählt werden. Die Zusammensetzung der Mineralstoffe variiert. Kalzium, Magnesium, Kalium, Silizium, Natrium und Kieselsäure können ebenso in verschiedenen Mengen enthalten sein wie Spurenelemente – also Eisen, Chrom, Zink und Kupfer. Wird das Pulver mit Wasser vermischt, vergrößert es seine Oberfläche und verwandelt sich in eine cremige Masse. Diese wirkt wie Löschpapier und bindet schädliche Stoffe im Körper.

Gastroenterologe Langhorst wendet Heilerde gerne bei Sodbrennen, Magenschleimhautentzündungen und Durchfallerkrankungen an. Vor allem wenn die Beschwerden nicht mit ausgeprägten organischen Veränderungen einhergehen und zudem psychische Probleme eine Rolle spielen. Heilerde ist dabei gut verträglich. Auch bei chronischen Beschwerden würde Langhorst Heilerde als Unterstützung der Therapie anwenden.

"Heilerde ist eine gute Begleitmöglichkeit, um lästige Symptome, die mit Magen-Darm-Krankheiten einhergehen, einzudämmen", sagt der Mediziner, der an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen praktiziert.

Bei Schleimhautentzündungen beruhigt Heilerde den Magen. Sie kann die Symptome bei Blähungen und Durchfall lindern. Nach einem fetten Essen schwächt sie das Völlegefühl ab, da sie Cholesterin bindet und abtransportiert.

Man kann Heilerde in Wasser aufgelöst trinken, als Granulat oder in Kapselform einnehmen. Jedoch gilt es zu beachten, synthetische Medikamente ein bis zwei Stunden vor der Heilerde einzunehmen, damit diese die Wirkstoffe nicht bindet und die Wirkung nicht verloren geht. Bei Verstopfung sei Heilerde allerdings nicht zu empfehlen.

Bindet Talg und kühlt die Haut

Neben der inneren Anwendung bei Darmbeschwerden wird Heilerde in der Dermatologie und Kosmetik genutzt. Auch hier genießt sie den Ruf, beinahe ein Alleskönner zu sein. "Wir setzen sie insbesondere bei Hauterkrankungen wie Akne, Furunkeln, Ekzemen, Bartflechte sowie bei Verbrennungen, Geschwüren und eitrigen Wunden ein", erklärt Heilpraktiker Jörg Pantel aus Münster.

Dazu rührt er Heilerde mit kaltem Wasser oder auch Kräuterauszügen oder Tees zu einem Brei, trägt diesen auf die betroffenen Hautflächen auf. Die Heilerde wirkt antibakteriell, bindet überschüssigen Talg und Fett und kühlt die Haut. Auch bei Insektenstichen oder leichten Verbrennungen wirkt die Masse kühlend und abschwellend. Bei Gelenkschmerzen, Muskelverspannungen und Hexenschuss können warme Wickel guttun.

Dr. med. vet. Elvira Hinsch, Heilpraktikerin aus Hamburg- Blankenese, rät bei starken Entzündungen und Rötungen, die Heilerde in Wasser aufgelöst als kühlende Maske zu nutzen. Bei fettiger, aber sonst gesunder Haut kann sie auch mit Flüssigseife vermischt als Peeling verwendet werden. Gegen Haarschuppen kann Heilerde ebenfalls helfen. "Einfach mit ein wenig Olivenöl gemischt auf den Haaransatz auftragen, einwirken lassen und ausspülen", sagt Hinsch.

Wer unter ständig fettenden Haaren leidet, sollte die Kopfhaut ebenfalls mit Heilerde behandeln. Dann jedoch ohne Öl. Aber Vorsicht: "Manchmal kann es zu allergischen Reaktionen kommen", sagt Heilpraktikerin Hinsch. "Dann lieber die Anwendung stoppen und einen Arzt aufsuchen."

Wer Heilerde nun selbst ausprobieren möchte, sollte eines immer bedenken: Sie ist bei allen positiven Eigenschaften jedoch kein Wunder- und Allheilmittel.

"Insbesondere bei chronischen Erkrankungen sollten die Anwendung von Heilerde mit dem Arzt oder Heilpraktiker abgesprochen werden", sagt Heilpraktiker Pantel. "Auch die Ursache akuter Erkrankungen sollte geklärt werden, wenn keine kurzfristige Besserung eintritt." Das gilt für die innere wie auch für die äußere Anwendung.