Hörhilfen sind heute nicht nur optisch viel ansprechender als vor einigen Jahren, sondern dank drahtloser Vernetzung mit Smartphone und Co. auch echte Multifunktionstalente.

Etwa 3,5 Millionen Menschen hierzulande nutzen laut Statistiken der Bundesinnung der Hörgeräte-Akustiker (biha) ein Hörgerät. "Der Bedarf steigt ständig, bei Älteren wie Jüngeren", sagt Martin Schaarschmidt, Berater des dänischen Hörgeräte-Herstellers ReSound. Doch die Bereitschaft, ein Hörgerät zu tragen, sei nach wie vor gering: Viele Betroffene schöben die Angelegenheit auf die lange Bank. "Jeder Fünfte, der ein Hörgerät bräuchte, hat auch eins", so Schaarschmidt. Im klassischen Szenario wollten Hörgeschädigte in einem Fachgeschäft keinen technischen Helfer kaufen, sondern lieber die Info erhalten, dass sie keinen bräuchten. Schaarschmidt: "Man will vielleicht besser hören können, aber ein Hörgerät will man nicht haben."

Trend: smartes Hören

Dabei sei der aktuelle Hörhilfen-Markt heute zunehmend belebt und vielfältig. "Vor drei Jahren haben die gesetzlichen Krankenkassen die Zuzahlungen für Hörgeräte deutlich erhöht – das führte zu einem Push", sagt Schaarschmidt. Ein Trend beeinflusse den Markt seit einigen Jahren maßgeblich – auch mit Blick auf die Zukunft: das smarte Hören. Nach und nach wurden Hörhilfen per Drahtlosverbindung mit weiteren technischen Geräten verknüpft, etwa mit Fernsehern und Musikanlagen. Jetzt stehen mobile Vernetzungen im Fokus der Hersteller: direkte Verbindungen etwa zu Apple- Geräten wie iPhone und iPad sowie, teils über Zubehör, zu anderen Mobilgeräten. Schaarschmidt: "Das hat zum einen den Vorteil, dass man die Hörhilfen vielfältig über Apps steuern kann – besser als mit einem Knöpfchen hinter dem Ohr." Zum anderen könnten Nutzer am Mobilgerät individuelle Einstellungen vornehmen, sodass das Gerät beispielsweise via Geotagging den Lieblingsitaliener wiedererkenne und sich automatisch auf die programmierte Geräuschkulisse einstelle. "Man kann auf diese Weise sehr komplex und komfortabel sein eigenes Hörerleben steuern, unter anderem Störgeräusche herunterregeln oder den Sprachfokus auf aktuelle Sprecher einstellen", sagt Schaarschmidt.

Apps fürs Ohr

Vernetzung ist laut Schaarschmidt inzwischen aber noch viel mehr: Von Mobilgeräten lasse sich jedweder Sound in optimaler Qualität ins Hörgerät streamen: unter anderem Musik, Navigation, Anrufe oder Sprach-Übersetzungsfunktionen. Auch eine Blitzer- oder eine Tinnitus-App lasse sich mit der Hörhilfe kombinieren, so Schaarschmidt: "Jedes Geräusch und jede App kann man sich durch Vernetzung direkt in die Ohren senden lassen." Künftig planten Hersteller, die Vernetzung auf den öffentlichen Raum auszuweiten, sodass beispielsweise Bahnansagen, Museumsführungen oder Predigten in Kirchen besser zu verstehen seien. Auch dabei solle Sprache auf direktem Weg ins Hörgerät gelangen.

Nebeneffekt: richtig hören

Laut Schaarschmidt tendieren auch Normalhörende immer öfter zu multifunktionalen Hörgeräten, sogenannten Hearables (vom englischen Adjektiv für "hörbar"). "Die Schnittstelle Ohr ist hoch interessant und bietet viel Spielraum, zum Beispiel mit Blick auf das 'smart home', in dem Ansagen von Kaffeemaschine und Wäschetrockner in den Gehörgang gestreamt werden können." Weitere Optionen seien, sich während des Autofahrens E-Mails vorlesen zu lassen oder biometrische Daten wie Puls und Herzfrequenz über das Ohr zu erfassen. Die technische Entwicklung verwandelt das Hörgerät, ein hochkomplexes Medizinprodukt, zum multifunktionalen Consumer-Objekt. So haben Hörgeschädigte sogar Vorteile gegenüber Normalhörenden. Die Fleischbanane in Omas Ohr ist passé, Hörgeräte werden jetzt anders wahrgenommen. Sie sind oft Hightech-Produkte, die Nutzern viel Mehrwert bieten – und sie nebenbei auch wieder richtig hören lassen. Auch bei Hörimplantaten werde Vernetzung inklusive App-Steuerung, Soundstreaming und Co. stark vorangetrieben, so Schaarschmidt. Diese eigneten sich für Menschen, bei denen Hörgeräte an ihre Grenzen stießen. "Sie bekommen so etwa die Möglichkeit, wieder ein Handy verwenden zu können." Ein eher ausgereizter Trend sei die optische Gestaltung von Hörhilfen: "Sie sollen möglichst klein und schick sein. Aber das Handling, allem voran das Einsetzen, muss weiterhin funktionieren, gerade bei älteren Personen."

Tipp: frühzeitig handeln

Mediziner empfehlen, schon bei den ersten Anzeichen eines eingeschränkten Hörvermögens einen Arzt aufzusuchen. Ein Hörtest pro Jahr ist empfehlenswert. "Die Krankheit kommt schleichend", sagt Schaarschmidt. Meist fehlten Betroffenen zunächst die hohen Frequenzen beim Hören. "Irgendwann berührt das Teile der Sprache, sie können zum Beispiel Konsonanten und damit Wörter wie Puppe, Suppe und Kuppe nicht mehr unterscheiden." Mit der Zeit werde das zur sozialen Belastung, Betroffene mieden Menschenansammlungen und soziale Aktivitäten wie Restaurantoder Kinobesuche.

Zudem nickten sie nur noch, obwohl beziehungsweise weil sie nichts verstünden. Des Weiteren steige das Risiko deutlich, frühzeitig an Demenz und Alzheimer zu erkranken, da es Hörgeschädigten langfristig am notwendigen akustischen Input mangele. Schaarschmidt: "Sie verlernen erst das Hören, dann das Sprechen. Das Gehirn verkümmert ein Stück weit."

Langes Warten bis zu einer Versorgung habe darüber hinaus auch einen praktischen Nachteil: "Wer lange nicht mehr richtig gehört hat, dem fällt es oft schwer, sich umzuorientieren. Solche Menschen können manches nicht mehr einordnen und brauchen mehr Aufwand, um sich an das Hören per Gerät zu gewöhnen", sagt Schaarschmidt. Vorbehalte gegenüber Hörhilfen erledigten sich in der Regel schnell. "Die meisten Leute sind sehr froh, wenn sie Hören erst einmal wieder erlebt haben."