Homöopathie hat ihren Ursprung um das Jahr 1800. Trotz steigender Beliebtheit ist das naturheilkundliche Heilverfahren umstritten.

Es gibt sie als Tropfen, laktosebasierte Tabletten, Salben, Lotionen oder Zäpfchen. Am meisten verbreitet jedoch sind homöopathische Arzneimittel hierzulande in Form von Globuli: Streukügelchen auf Rohrzuckerbasis.

Das Vertrauen in das naturheilkundliche Verfahren wächst. Hatten 2009 laut dem Institut für Demoskopie Allensbach 53 Prozent der Bevölkerung angegeben, schon einmal ein homöopathisches Arzneimittel verwendet zu haben – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 1970 –, waren es zuletzt schon 60 Prozent.

"Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen", schätzt Wolfgang Kern von der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) in Karlsruhe. 94 Prozent der Deutschen ist Homöopathie laut Allensbach-Studie 2014 bekannt. Der Umsatz entsprechender Medikamente im deutschen Arzneimittelmarkt lag 2015 bei rund 595 Millionen Euro – etwa 1,2 Prozent des Apothekenmarktes. Ärztlich verordnet wurden dabei 0,3 Prozent der Mittel. Homöopathie zeichnet sich durch die Handlungsanweisung aus, Ähnliches mit Ähnlichem durch die Gabe homöopathischer Mittel zu behandeln, wie Dr. med. Markus Wiesenauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren, beschreibt (griechisch homoios: ähnlich, pathos: Leid).

Gesunde hätten davon Beschwerden

Unter den rund 2 000 überwiegend pflanzlichen Stoffen der Homöopathie ist laut Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen Arnika der bekannteste.

Am Beispiel dieser Pflanze skizziert Wiesenauer das Wirkprinzip: "In Reinform als Tinktur riefe Arnika bei einem Gesunden Verletzungs-Beschwerden hervor, etwa Muskelschmerzen, spontanes Nasenbluten oder Blutergüsse", erklärt er. "Als homöopathisches Arzneimittel verabreicht, wirkt Arnika als Impuls für die Selbstheilungskräfte, gegen genau diese Art von Beschwerden aktiv zu werden."

Allein oder in Kombination mit schulmedizinischen Medikamenten bewirke Homöopathie, die Wiesenauer als komplementärund nicht als alternativmedizinisches Verfahren bezeichnet, demnach die Stabilisierung des Gesundheitszustandes.

"Sowohl körperlich als auch seelisch stellt sich eine Verbesserung ein", betont er. Voraussetzung: Heilmechanismen müssten grundsätzlich vorhanden sein.

Doch es gibt auch Grenzen für diese Form der Medizin: "Nicht angezeigt ist Homöopathie, wenn der Körper nicht mehr selbst regulieren kann, etwa bei Krebs oder Diabetes", sagt der baden-württembergische Arzt. Im letzteren Fall könne der Körper kein Insulin mehr produzieren. Es sei daher sinnlos, ihn dazu anzuregen. Auch akuter Schlaganfall oder Herzinfarkt beträfen die Homöopathie nicht, sagt Wiesenauer. Bei schweren bakteriellen Infektionen beispielsweise könnten homöopathische Arzneimittel begleitend, aber nicht ausschließlich angewendet werden. "Das kann sonst zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen, zum Beispiel einer schweren Lungenentzündung."

Kritik der Wissenschaft

Kritiker führen an, dass sich Heil-Effekte von Globuli & Co. mangels schulmedizinisch fundierter Studien nicht wissenschaftlich belegen ließen und die Arzneimittel höchstens Placebo-Effekte erzielten.

Eine zentrale Rolle dabei spielt, dass der Wirkstoff aufgrund des Potenzierungsverfahrens maximal als Spuren nachgewiesen werden kann. Geringste Mengen reichten jedoch aus, schildert Kern.

Man müsse sich ähnliche Dimensionen wie etwa bei Schilddrüsenhormonen vorstellen – auch diese wirkten in Nanomengen. "Außerdem gibt es immer wieder Doppelblindstudien und Metaanalysen zu ganz unterschiedlichen Erkrankungen", ergänzt Wiesenauer. "Der rote Faden ist die Feststellung, dass Homöopathie wirksamer ist als Placebos. Dass das Wirkprinzip nicht stringent erklärt und experimentell nachgewiesen werden kann, heißt nicht, dass es keine Wirkung gibt." Diese sei dokumentiert, könne beschrieben und beobachtet werden, sagt Wiesenauer – auch in der Tiermedizin. Bei erfolgreich homöopathisch behandelten Stalltieren wie etwa Pferden sei es nicht mehr angezeigt, von Placebo-Effekten zu sprechen. Aktuell werde in der Schweiz zudem erfolgreich die Wirkung homöopathischer Arzneimittel auf Pflanzen getestet, so Kern von der DHU. Selbst in der Schulmedizin gebe es noch Fragezeichen. Vereinzelte Schmerz- und Betäubungsmittel etwa seien noch nicht vollständig entschlüsselt, dennoch wendeten Mediziner Erfolgsmodelle auf Patienten an. "Medizin beruht immer auf Erfahrungen." Wiesenauer konkretisiert: "Der Wirkmechanismus mancher chemischer Arzneimittel ist nicht bis ins Letzte geklärt. Trotzdem würde ihnen keiner die Wirksamkeit absprechen."

Der Unterschied zwischen chemischen und homöopathischen Arzneien sei, dass Erstere symptomatisch wirkten, Letztere die Selbstheilung aktivierten und so einem Rückfall eher vorbeugen könnten. Beide aber seien mit Bedacht und Vernunft anzuwenden: "Betroffene sollten ihre Grenzen kennen. Wer etwa mehrere Tage 40 Grad Fieber hat, arbeitet nicht mit einem frei verkäuflichen Mittel aus der Apotheke, sondern geht zum Arzt. Der ermittelt die beste Behandlungsmethode."