Hypersensitivität ist keine Krankheit. Dennoch kann der Wesenszug bei mangelnder Aufklärung starken Leidensdruck erzeugen.

Wer hochsensibel ist, nimmt Sinnesreize und Emotionen deutlich intensiver wahr als der Durchschnitt der Menschen, etwa Gerüche, Geräusche, Licht, Berührungen, Informationen, die eigene Freude, die Trauer anderer. Hoch- oder hypersensible Personen (HSP) sind im Vergleich mit der Mehrheit der Bevölkerung oft empathischer und intuitiver, was sie ebenfalls stark beeinflussen kann. "Das Phänomen begleitet uns schon seit der Antike und taucht früh in der Literatur auf, unter anderem beim Philosophen Arthur Schopenhauer", sagt Verhaltenswissenschaftlerin Birgit Trappmann. Die Bezeichnung habe sich über die Jahrhunderte immer wieder geändert, heute sprächen Forscher etwa von Overexcitabilities, Different Susceptibility und Hochreaktivität. "Das sind alles ähnliche Konstrukte." Hypersensitivität war bis vor wenigen Jahren ein gängiger Fachbegriff, "Hochsensitivität" (HS) löste ihn ab. Populärwissenschaftlich spricht man von Hochsensibilität, sagt Trappmann. "HS bezeichnet einen fundamentalen Wesenszug, keine Krankheit." Seit langem forscht die Wissenschaftlerin zu HS und bietet unter anderem Beratung und Coaching an. Aufklärung sei extrem wichtig, sagt sie. Oft fühlten sich Betroffene – rund jeder Vierte bis Fünfte gehört dazu – ihrem sozialen Umfeld nicht zugehörig. "Daraus entsteht Unsicherheit bezogen auf die Frage, warum man anders denkt und fühlt. Nur in der Auseinandersetzung damit wird man sich gewahr, dass man trotzdem normal ist."

Insbesondere in den Schulen bestehe Handlungsbedarf. Hochsensible Kinder können laut Trappmann im aktuellen Schulsystem sowohl mit Blick auf die Infrastruktur – Neonlicht etwa stresst – als auch auf die Lehrmethoden – HSP brauchen visuelle Impulse – kaum effizient lernen. Ansätze, Pädagogen im Umgang mit HS zu schulen, gebe es bereits. Doch grundsätzlich stehe die Forschung am Anfang, sagt Trappmann: nicht zuletzt wegen der wissenschaftlich untergeordneten Rolle des Konstrukts sowie der verschiedenen Begrifflichkeiten und vermeintlichen Ähnlichkeiten etwa zu Hochbegabung oder Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Viele Beschreibungen, etwa von fehlenden Filtern bei Reizüberflutung, seien zudem überholt.

Test gibt eine Orientierung

Die erste wissenschaftliche Annäherung geht auf die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron zurück, die HS 1997 als ein erbliches Persönlichkeitsmerkmal beschrieb. "Sie schuf eine hohe populärwissenschaftliche Akzeptanz der HS", sagt Trappmann. Arons Test auf Basis von 27 Fragen gebe eine gute Orientierung. Auch in Deutschland sei er weit verbreitet, aber umstritten. "Die Tendenz, sozial erwünschte Antworten zu geben, kann das Ergebnis verfälschen."

Bei hohem Leidensdruck rät Trappmann, sich im psychosozialen Netz an Fachleute zu wenden. Auch Gesprächskreise könnten sinnvoll sein. Die Anzahl an Angeboten, auch über Social-Media-Kanäle wie Facebook, steige. Empfehlenswert sei, die eigenen Stärken herauszufinden. Spezialisierte Coaches lehrten zudem Techniken, um Aufmerksamkeit und Emotionsregulation zu schulen. Handlungsempfehlungen für das Umfeld von HSP gibt es Trappmann zufolge bisher nicht. "Wichtig ist der Dialog. Bei jedem äußert sich HS anders. Unterschiedliche Sichtweisen sollte man je nach Kontext, etwa Arbeit oder privat, wertschöpfend zusammenbringen."