Die moderne Onkologie steht vor einem Paradigmenwechsel. Gezielte Forschung, Vernetzung, künstliche Intelligenz (KI) und digitale Technologien werden in Zukunft die Krebsmedizin maßgeblich prägen. Betroffene können davon stark profitieren.
1. Immuntherapien für alle Tumorarten:
Die Forscher versuchen, Schutzbarrieren fester Tumoren zu durchbrechen, damit CAR-T-Zellen und andere immunbasierte Ansätze breiter eingesetzt werden können.
2. Kombinationstherapien:
Ziel ist es, verschiedene Therapieansätze miteinander zu verbinden, um gute Wirksamkeit bei möglichst geringen Nebenwirkungen zu erreichen.
3. Personalisierte Krebsimpfstoffe:
Ähnlich wie bei Covid-19 könnten mRNA-Impfstoffe künftig individuell gegen Tumoren entwickelt werden.
4. KI und Big Data:
Von der automatisierten Bildgebung bis zur laufenden Anpassung von Therapiestrategien – künstliche Intelligenz wird immer wichtiger.
Dank Molekulardiagnostik, Immuntherapie und künstlicher Intelligenz (KI) werden die Überlebenschancen und die Lebensqualität vieler krebskranker Menschen sehr wahrscheinlich steigen. Operation, Bestrahlung und Chemotherapie bleiben auch weiterhin wichtig. Zwei Expertinnen der Universitätsmedizin Essen, Professorin Uta Dirksen, kommissarische Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde III, und Dr. Ina Pretzell, Sprecherin des Zentrums für Personalisierte Medizin, haben prisma Einblicke in aktuelle Entwicklungen ihrer Fachgebiete gegeben. Ein Beispiel ist die Behandlung krebskranker Kinder und Jugendlicher. Die jungen Patienten profitieren, weil neue Behandlungen gezielter wirken.
Mögliche Langzeitfolgen der Krebstherapie können so reduziert werden. „Besonders für Kinder mit Hochrisikotumoren haben wir neue Verfahren, die das körpereigene Immunsystem in den Kampf gegen Krebs einbinden. Zu den vielversprechenden Methoden gehören gekoppelte Antikörper, die Tumor- und Immunzellen gezielt verknüpfen, und die CAR-T-Zell-Therapie. Dabei werden T-Zellen im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen effektiv aufspüren und zerstören. Bei Leukämie im Kindesalter ist das längst ein wichtiger Baustein der Behandlung“, berichtet Dirksen. Die große Herausforderung sei es, solche Erfolge auch bei „soliden Tumoren“ zu erzielen. Sie bilden oft eine Schutzmauer gegen Immunzellen. „Wir erforschen Strategien, um dieses Milieu zu durchbrechen, sodass CAR-T-Zellen oder andere Immunansätze auch hier greifen“, erklärt die Expertin. Eine weitere wichtige Behandlungsmethode ist die Protonentherapie. „Sie trifft den Tumor genauer als herkömmliche Strahlung und kann Spätfolgen reduzieren. Gerade für Kinder ist das ein enormer Fortschritt, weil wachsende Organe bestmöglich geschützt werden sollen“, sagt Dirksen.
Ärzte wissen: Tumorzellen wachsen unkontrolliert durch spezifische Genveränderungen. Das nutzt die „zielgerichtete Therapie“. Diese Krebsbehandlung setzt gezielt wirkende Medikamente ein, wenn eine bestimmte Mutation als Wachstumstreiber der Tumorzellen identifiziert wird. Diese Medikamente blockieren das Tumorwachstum. Das Zentrum für Personalisierte Medizin (ZPM) an der Universitätsmedizin Essen hilft bei der Suche nach einer möglichst maßgeschneiderten, individuellen Therapie für junge wie alte Krebspatienten. Grundlage dafür bilden beispielsweise molekularpathologische Untersuchungen, bei denen Tumorzellen feingeweblich analysiert und auf Mutationen untersucht werden. „Dieser Prozess, den wir ‚Sequenzierung‘ nennen, offenbart genetische Veränderungen, die für eine zielgerichtete Therapie in Frage kommen“, erklärt Pretzell.
Die Befunde besprechen die Ärztinnen im „Molekularen Tumorboard“: Hier kommen Onkologen, Pathologen, Humangenetiker, weitere Fachärzte und Forschende zusammen, um individuell passende Therapien zu empfehlen. Beide Medizinerinnen betonen zudem die Bedeutung zertifizierter Zentren, die sich national austauschen und gemeinsame Standards setzen.
Professorin Uta Dirksen und Dr. Ina Pretzell, Universitätsmedizin Essen, über die Bedeutung von künstlicher Intelligenz (KI) in der Krebsforschung.
Ein wachsendes Feld in der Krebsdiagnostik sind Flüssigbiopsien (Liquid Biopsies). Hierbei wird nach im Blut zirkulierenden Tumorzellen oder Erbmaterial gesucht, was die Überwachung des Krankheitsverlaufs vereinfacht und schonender als wiederholte Gewebeentnahmen ist.
Welche sind die wichtigsten Vorteile der Flüssigbiopsie in Verbindung mit KI?
Professorin Uta Dirksen: Gerade im Kindesalter ist die Flüssigbiopsie weniger belastend. Wir können ein umfassenderes Bild der Tumorveränderungen bekommen, da Tumoren meist sehr heterogen sind. Die Datenmengen, die dabei anfallen, sind enorm. Hier setzt künstliche Intelligenz (KI) an: Sie kann in Zukunft wahrscheinlich Auffälligkeiten in Blutwerten in Verbindung mit anderen Untersuchungen – wie etwa bildgebenden Verfahren – viel schneller erkennen und uns Hinweise auf den Verlauf der Erkrankung geben.
Dr. Ina Pretzell: Die Verarbeitung und Analyse der Daten aus der Sequenzierung ist sehr aufwendig, aber von zentraler Bedeutung, um gute Empfehlungen im Sinne unserer Patientinnen und Patienten auszusprechen. Hier haben sich bereits diverse Initiativen gebildet, um diese Daten mithilfe künstlicher Intelligenz zu interpretieren.