Wieder ein Jahr älter, wieder ein paar Pfund zu viel. Bei vielen Menschen führt das zu Hau-Ruck-Reaktionen: Noch schnell ein Fitnessabo abschließen, die Zehnerkarte fürs Schwimmbad lösen oder einem nahegelegenen Sportverein beitreten. Das Gewissen ist damit beruhigt, mehr passiert aber oft nicht, denn ein großer Teil der Betroffenen verwechselt Mitgliedschaften mit Aktivität. Wir wollen wissen: Was hilft wirklich, um gesund und fit durchs Leben zu kommen? Start unserer neuen Fitnessserie.

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigte schon 2016 auf, dass sich rund ein Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung zu wenig bewegt. In Deutschland sind es gar 42 Prozent. Auch bei Kindern ist Übergewicht immer häufiger ein Thema. "Die WHO hat jüngst sogar nachgewiesen, dass weltweit 85 Prozent der Kinder bis 18 Jahre sich keine 60 Minuten pro Tag mehr bewegen – und mit Bewegung ist nicht 'Sport' gemeint", sagt Prof. Dr. med. Rüdiger Reer, Generalsekretär des Deutschen Sportärtztebundes. Folgekrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden oder diverse Krebsarten wären zu verhindern, wenn sich die Menschen regelmäßig körperlich betätigen würden.

Reer: "Die Natur hat uns ursprünglich mal als Jäger und Sammler konzipiert. Wir sind in der Steinzeit täglich 50 Kilometer gelaufen, um zu überleben. Davon ist heute nichts mehr übrig. Durch die Digitalisierung und die Anforderungen im Beruf ist Bewegung im Jahre 2020 oberflächlich betrachtet nicht mehr notwendig, um erfolgreich zu sein. Unsere Umwelt fördert auch keine Bewegung. Parkhäuser, Shopping Malls, Internet-Versand – alles ist auf möglichst wenig Bewegung ausgelegt. Menschen in westlichen Industrienationen gehen im Schnitt nur noch 500 Meter pro Tag."

Die meiste Zeit verbringen wir also auf Sitzmöbeln. Und Sitzen ist ein brutaler Killer. Eine Studie der Norwegischen Sporthochschule in Oslo hat jüngst belegt: Täglich mehr als neun Stunden am Schreibtisch zu sitzen, erhöht das Sterberisiko. Paradoxerweise fällt auf, dass man sich gesellschaftlich zu keiner Zeit mehr mit Gesundheit und Fitness beschäftigt hat als heute. 11,67 Millionen Bundesbürger treiben nach Angaben der Verbrauchs- und Medienanalyse - VuMA 2020 mehrmals pro Woche Sport. Sportvereine platzen aus allen Nähten. Die Nahrungsmittelindustrie erfindet immer neue Wunderkuren sowie fett- und zuckerreduzierte Produkte zur Gewichtsreduktion. Schul AG's vermitteln eine große Vielfalt an Bewegungsangeboten. Yoga ist mittlerweile von der exotischen Konzentrationshilfe zum Breitensport geworden. Fitnessstudios werben überall mit Dumping-Angeboten. Handys verfügen über Schrittzähler. Rüdiger Reer ist dennoch skeptisch: "Das ist alles schön und gut, doch gibt es in Studios und Vereinen auch viele Karteileichen."

In diese Richtung deuten auch die Zahlen des "Deutschen Herzberichts 2018", die klar aufzeigen, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht rund läuft. 1,71 Millionen entsprechende Klinik-Einweisungen belegen: Bewegung tut not. "Wenn man objektiv ist, dann sieht man: Es ist höchste Eisenbahn! Übergewicht ist ab der Altersgruppe '30 plus' mittlerweile der Normalfall. Es ist wichtig, dass die Politik das begreift und etwas unternimmt. Hamburg ist dafür ein gutes Beispiel. Die Stadt wurde 2018 als eine von sechs Städten weltweit als "Global active City" ausgezeichnet. Dazu braucht man infrastrukturelle Konzepte wie ein breites Radwegenetz, Bewegungsinseln und unterschiedliche städtische Sportangebote", so der Mediziner, der zudem findet: "Bewegung sollte von den Krankenkassen als Therapiemethode gegen diverse Krankheiten umfassend gefördert und als Alternative zu so mancher medikamentöser Behandlung anerkannt werden."

Welcher Bewegungstyp sind Sie?

Bis es soweit ist, müssen wir den inneren Schweinehund weiterhin selbst überlisten. Und damit fangen wir in unserer neuen Fitnessserie sofort an. Dabei werden wir auf ganz verschiedene Zielgruppen eingehen: Führen maßvolle, aber regelmäßige Dehnübungen beispielsweise zu mehr Mobilität im Alter? Welche Ernährung ist für wen geeignet? Ist das Joggen in freier Natur gesünder als das Abspulen von Kilometern auf dem Laufband? Welche Vorteile bringt das Schwimmen Menschen mit Handicaps? Was bringen Trainingskonzepte wie Yoga, Pilates oder Qigong ? Seien Sie mit dabei, und lassen Sie es uns gemeinsam herausfinden!

3 FRAGEN AN... PROF. DR. INGO FROBÖSE

Eine Untersuchung, die von der Kölner Sporthochschule 2018 im Auftrag der DKV durchgeführt wurde, macht schnell deutlich: Ein Grund für den schlechten Gesundheitszustand, in dem sich ein beachtlicher Teil unserer Mitmenschen befindet, ist eine gestörte Selbstwahrnehmung. Hielten 61 Prozent der Befragten ihren Lebensstil für gesund, so waren laut Expertenmeinung nur neun Prozent auf dem richtigen Weg. Warum das so ist, fragen wir Prof. Dr. Ingo Froböse (Foto), der das "Insitut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule Köln" leitet und für die Studie verantwortlich zeichnet.

Die Fitnessangebote in Deutschland boomen. Gleichzeitig sind wir zu dick und bewegen uns insgesamt zu wenig. Woraus resultiert dieser Widerspruch?

Professor Dr. Ingo Froböse: Dass die vielen Mitgliedschaften in Fitness-Studios bedeuten, dass wir eine sportliche Nation sind, ist ein Trugschluss. Viele Mitglieder sind nichts anderes als Karteileichen oder gehen nur selten zum Training. Zu einem gesunden Lebensstil gehört mehr als die Mitgliedschaft im Fitnessstudio.

Im aktuellen DKV-Report gaben 61 Prozent der Befragten an, gesund zu leben. Sie stellten fest, dass dies aber in Wirklichkeit nur auf neun Prozent zutrifft. Warum haben die meisten Menschen ein falsches Körpergefühl?

Froböse: Wer gibt schon gerne zu, einen ungesunden Lebensstil zu pflegen? Dazu kommt, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht richtig aufgeklärt ist, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Bewegung macht in Form von Sport und Alltagsaktivität nur einen Aspekt der Gesundheit aus. Ausgewogene und bedarfsorientierte Ernährung und ausreichende Regeneration sind nicht weniger wichtig!

Welche Bewegungsangebote sind für Neueinsteiger in den Altersgruppen 35-50 und 51-65 empfehlenswert und warum?

Froböse: Grundsätzlich kommt es da immer auf die individuellen Bedürfnisse an. Jogging, Radfahren oder auch Nordic Walking sind Sportarten von enormem Mehrwert für das Herzkreislauf-System, die Ökonomisierung der Herzarbeit, der Stärkung des Immunsystems. Und nicht zuletzt auch für das seelische Wohlbefinden. Das Schöne an diesen Sportarten: Auch mit kleinen Einschränkungen ist es möglich, in diesen aktiv zu sein!